Kinderbetreuung

Teure Mieten: Immer mehr Kinderläden kämpfen ums Überleben

Erst kam die Mieterhöhung, dann die Kündigung. In Friedenau kämpft ein Kinderladen ums Überleben. Er ist kein Einzelfall.

Jedes Jahr macht der Kinderladen ein „Mauerbild“ mit allen Kindern der Gruppe. Dieses könnte das letzte sein, wenn die Gruppe nicht Räume findet.

Jedes Jahr macht der Kinderladen ein „Mauerbild“ mit allen Kindern der Gruppe. Dieses könnte das letzte sein, wenn die Gruppe nicht Räume findet.

Foto: Kita Friedenau/privat / BM

In den Fenstern von Kitas hängen meist Bastelwerke oder Malereien ihrer kleinen Besucher. Anders ist es zurzeit im Kinderladen in der Sieglindestraße 8. Die Fensterscheiben sind beklebt mit Botschaften voller Empörung und einem Hilferuf: „Verdrängt“, „#kila bleibt“, „Wir suchen neue Räume“.

Vor 38 Jahren wurde die Kita Friedenau gegründet, jetzt steht sie vor dem Aus. Zum 31. Juli dieses Jahres wurde der Einrichtung gekündigt. Vorausgegangen war ein jahrelanges Tauziehen. 2011 gab es einen Eigentümerwechsel, die Miete wurde bis 2015 um 25 Prozent erhöht. Danach wurde der Mietvertrag nur noch um zwei Jahre verlängert. Der Kinderladen wollte bleiben, doch eine Einigung kam nicht zustande. „Eine Kita kann man ja nicht so einfach schließen und an anderer Stelle wieder aufmachen“, sagt Anja Schwenke vom Vorstand des Kinderladens, „für die alte Einrichtung gilt Bestandschutz, aber wenn wir neue Räume beziehen, müssen wir unzählige Regelungen beachten, bei Brandschutz, Sanitäranlagen oder in der Küche.“ All diese Vorgaben seien für eine kleine Kita kaum umsetzbar.

Soziale Einrichtungen werden genauso behandelt wie Wettbüros und Burgerketten

Vor allem aber hat Anja Schwenke bislang noch keine geeigneten Räume im Kiez gefunden, viele Vermieter würden überhaupt nicht an Kitas vermieten wollen. Was sie bisher gesehen hat, war entweder zu groß oder zu klein, und fast immer die Miete zu hoch. Für die Ladenwohnung in der Sieglindestraße zahlt die Kita jetzt mehr als 1200 Euro warm. „Wenn wir nicht bald etwas finden, müssen wir dichtmachen“, sagt Anja Schwenke.

In der Kita Friedenau werden derzeit 17 Kinder von drei Erziehern betreut, die Eltern kochen hier noch selbst. Kinderläden dieser Art haben eine lange Tradition in Berlin. „Es geht hier fast wie in einer Großfamilie zu“, sagt Joachim Bühler, der seine beiden Kinder in der Kita hat. Gerade deshalb hat er sich auch für diesen kleinen Kinderladen entschieden. „Die Eingewöhnung unserer zweijährigen Tochter war ganz einfach, weil ja schon ihr vierjähriger Bruder da war“, erklärt der 39-jährige Familienvater. Wenn sich die Gruppe jetzt auflösen sollte, hat er Sorge, seine beiden Kinder nicht mehr zusammen in einer anderen Kita unterzubringen. Es sei doch ohnehin schwierig, einen Platz zu finden. Die Zeit drängt, „wenn sich in den nächsten Wochen nichts tut, dann müssen wir etwas anderes suchen, aber so schnell geben wir nicht auf“.

Damit es nicht so weit kommt, haben Bühler und die anderen Eltern nun an den Petitionsausschuss des Abgeordnetenhauses geschrieben. In der Petition „#kila bleibt“ setzen sich die Eltern nicht nur für den Erhalt ihrer Kita ein, sondern wehren sich überhaupt gegen die Verdrängung sozialer Einrichtungen in den Kiezen. „Mieten und Kaufpreise für Immobilien sind in den letzten Jahren in Berlin exorbitant gestiegen. Neben vielen Einzelschicksalen ist es der Eingriff in die Kiezinfrastruktur, der nicht mehr einfach hingenommen wird und gegen den sich viele wenden. Wir auch!“, heißt es in der Petition. „Diese Entwicklung ist ein falsches Signal“, sagt Bühler, „neue Elterninitiativen werden so abgeschreckt“. Um aber den großen Bedarf an Betreuungsplätzen zu decken, seien private Initiativen doch gerade wichtig.

Vor allem in Kreuzberg sind Kinderläden in ihrer Existenz bedroht

Bühler und seine Mitstreiter wollen erreichen, dass für Kitas in Zukunft besondere Regeln gelten. Es sei nicht richtig, dass jedes Gewerbe – ob Burgerkette, Wettbüro oder eben ein Kinderladen – gleich behandelt werden. Bühler könnte sich vorstellen, dass es zum Beispiel steuerliche Anreize für Eigentümer gibt, die an kleine Kindereinrichtungen vermieten.

Auch Roland Kern vom Daks, dem Dachverband der Berliner Kinder- und Schülerläden, sieht in der Verdrängung kleiner Kitas aus Innenstadtbezirken ein großes Problem. Die Kita Friedenau sei kein Einzelfall. In den vergangenen zwei Jahren habe es etwa 50 Fälle gegeben, bei denen Kitas durch Kündigung oder deutlich Mieterhöhungen in ihrer Existenz bedroht waren, vor allem in Kreuzberg und dem nördlichen Neukölln. „Früher haben wir ein bis drei Fälle im Jahr beraten, heute sind es etwa 20“, sagt Kern. Die Kitas in West-Bezirken seien dabei stärker betroffen als die in den Ost-Bezirken, weil die Mietverträge meist älter sind. Die gute Nachricht: In keinem Fall musste eine Kita tatsächlich schließen. „Ein Drittel der Kitas konnte letztlich bleiben, allerdings zu deutlich höheren Mieten, ein Drittel musste umziehen, bei einem Drittel der Fälle steht eine Entscheidung noch aus“, bilanziert Kern.

Bei der Finanzierung von Kitas wird eine Miete von vier bis fünf Euro zugrundegelegt

Er weiß aber auch, dass höhere Mieten immer zu Einbußen an anderer Stelle führt: „Oft muss dann am Personal gespart werden“, gerade der bessere Personalschlüssel mache aber meist den Vorzug kleinerer Betreuungseinrichtungen aus. Die Miete, die bei der Finanzierungspauschale von Kitas zugrundegelegt wird, sei allerdings längst nicht mehr realistisch. Bislang werde dort mit einer Gewerbemiete von vier bis fünf Euro pro Quadratmeter kalkuliert, der Daks verhandelt nun mit der Senatsverwaltung darüber, dass ab 2018 dieser Betrag auf acht bis zehn Euro angehoben wird. Außerdem will sich der Daks dafür einsetzen, dass es auch für soziale Projekte Regeln im Mietrecht gibt. Von besondere Klauseln im Kündigungsschutz hält Kern hingegen wenig, weil es dann wohl kaum noch Neuvermietungen an Kitas geben wird.

Eine politische Diskussion zu dem Thema hält auch Oliver Schworck (SPD), Jugendstadtrat in Tempelhof-Schöneberg für notwendig: „Wir haben Sorge, dass wir eine ähnliche Entwicklung erleben wie Mitte oder Kreuzberg, wo viele Kitas bereits verdrängt wurden“. Schworck versucht, die Kita Friedenau bei der Suche nach neuen Räumen zu unterstützen und er hat auch Kontakt zu den Vermieterinnen aufgenommen. Doch zueinander werden die beiden Seiten nicht mehr finden, „es ist eine relativ verfahrene Situation“, so Schworck.

Den Kampf haben die Eltern und Erzieher der Kita in der Sieglindestraße aber noch nicht aufgegeben. Am 18. März planen sie ein Fest auf dem Varziner Platz und wollen dabei zusammen mit Anwohnern für den Erhalt des Kinderladens demonstrieren. Auch eine Unterschriftenaktion und einen Online-Petition sind geplant.

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