Arbeitsbedingungen

Warum das Flughafen-Bodenpersonal in Berlin streiken will

Überlastung, niedrige Löhne und viel Frust: Drei Mitarbeiter sprechen über ihre Arbeitsbedingungen an den Berliner Flughäfen.

Hatice Tanriverdio arbeitet am Check-in und kämpft täglich mit frustrierten Passagieren

Hatice Tanriverdio arbeitet am Check-in und kämpft täglich mit frustrierten Passagieren

Foto: joerg Krauthoefer

Wenn am Mittwoch die Internationale Tourismus-Börse (ITB) beginnt, führt an ihnen kein Weg vorbei. Es sind die Mitarbeiter des Bodenpersonals, die dafür sorgen, dass Zehntausende Besucher in Tegel und Schönefeld aus dem Flugzeug steigen und ihre Koffer am Gepäckband abholen können. Doch dazu wird es womöglich nicht kommen, die Angestellten drohen, die Arbeit abermals niederzulegen. Drei langjährige Mitarbeiter berichten, was aus ihrer Sicht an den Berliner Flughäfen schiefläuft. Und warum sie als letzte Option nur noch streiken können.

Klaus Leßlauer (55), Aviation Ground Service Berlin: „Seit fast 30 Jahren arbeite ich auf dem Rollfeld: Flugzeuge einwinken, Treppen heranfahren, Enteisung, Gepäck verladen. Da bewegt man am Tag schon mal acht Tonnen, nur durch Muskelkraft. Seit jeher sind pro Schicht drei Mann vorgesehen. Das Problem ist: Der Arbeitsaufwand ist deutlich gestiegen, früher mussten wir höchsten acht Flugzeuge pro Tag abfertigen. Heute sind es öfter auch mal zwölf.

Durch die Belastung steigt die Gefahr von Flüchtigkeitsfehlern. Ich möchte ehrlich gesagt nicht verantwortlich sein, wenn eine voll besetzte Maschine über dem Kurt-Schumacher-Platz abstürzt, weil sie nicht korrekt beladen oder enteist wurde. In all den Jahren ist mein Lohn nur minimal gestiegen, wir altgedienten Mitarbeiter kommen auf 13 bis 15 Euro pro Stunde, die jüngeren nur auf etwas mehr als zehn Euro. So viel bekommt man mitunter schon, wenn man im Supermarkt Regale einräumt. Aber wir sind qualifizierter, machen regelmäßig Schulungen, brauchen einen Spezialführerschein. Aufstiegschancen gibt es quasi keine. Dass unsere Arbeitgeber selbst rote Zahlen schreiben sollen, erzeugt bei mir kein Mitleid. Es ist ihre Verantwortung, mit den Airlines adäquate Preise auszuhandeln. Ich hoffe, dass die Passagiere bei einem Streik wenigstens ein bisschen Verständnis für unsere Situation haben. Wir wollen niemanden bestrafen. Aber wir haben keine andere Wahl.“

Hatice Tanriverdio (47), AeroGround: „Meine Arbeit ist viel anstrengender geworden. Viele Airlines in Tegel haben ihre Ticketbüros geschlossen. Permanent ändern sich die Reisebestimmungen. Und obendrein steigen die Passagierzahlen seit Jahren rasant. Das fällt alles auf uns beim Check-in zurück. Nur leider ist unsere personelle Situation unverändert. Wenn dann noch jemand krank fehlt, was immer häufiger vorkommt, müssen die übrigen Kollegen die Arbeit übernehmen.

Da kommt es schon mal vor, dass Passagierlisten fehlerhaft sind. Wirklich schade ist, dass wir immer den Frust der Passagiere abbekommen, wir werden angeschrien und beschimpft. Einerseits tun mir die Passagiere bei einem Streik leid. Auf der anderen Seite wollen sie günstig fliegen und dann am Flughafen noch einen super Service bekommen. Wie soll das gehen? Ich glaube, es würde schon reichen, wenn die Tickets einen Euro teurer würden. Ich sehe hier auch ganz klar die Airlines in der Verantwortung. Streiken ist die einzige Möglichkeit, uns bemerkbar zu machen. Damit das nicht passiert, müsste das Angebot der Arbeitgeber schon nah dran an dem Euro mehr sein, den wir pro Stunde fordern.“

Bernd Hönig (60), Wisag Airport Werkstatt Service:

„Das Dilemma ist doch offensichtlich: Für 19 Euro innerhalb Europas, für 300 Euro in die USA. Ein Bekannter hat mir letztens erzählt, dass er im Rahmen einer Ryanair-Aktion mal für zwei Cent nach London und zurück geflogen ist. Zwei Cent! Das ist doch absurd. Fliegen ist wie Busfahren geworden. Als ich in den 70er-Jahren in der Werkstatt angefangen habe, stand an den Flughäfen das Thema Sicherheit im Vordergrund.

Heute geht es nur noch um den Profit. Manche Kollegen haben noch einen Zweit- oder Drittjob, um ihre Miete zahlen zu können. Wir sind nur noch halb so viele Kollegen wie früher, im Gegenzug hat sich etwa die Zahl der Enteisungsmaschinen verdoppelt. Unsere Halle in Tegel ist so vollgestellt, dass wir manchmal unter freiem Himmel arbeiten müssen. Mein Chef findet kaum noch qualifizierte Leute, die Geräte, die wir für den Betrieb auf dem Rollfeld reparieren, sind technisch viel komplexer geworden. Und finde mal einen guten Mechatroniker für nicht viel mehr als 2000 Euro brutto im Monat. Also ist die Belegschaft überaltert. Die Weichen für die Misere wurden schon unter Klaus Wowereit gestellt, der hat die Airlines damals mit billigen Start- und Landegebühren nach Berlin gelockt. Und wir müssen das jetzt ausbaden. Die Wut und Enttäuschung unter den Kollegen sind riesig. Wir sind nicht scharf darauf zu streiken, wir sind uns auch der Verantwortung mit der ITB bewusst. Aber wir wollen ein ordentliches Angebot. „Wertschöpfung durch Wertschätzung“, heißt es bei der Wisag immer. Genau das wollen wir: Dass unsere Arbeit endlich wertgeschätzt wird. Sollen sie mal zeigen, wie ernst sie das meinen.“ Aufgezeichnet von Lorenz Vossen