Prozess in Berlin

Supermarkt-Chef wollte Ladendieb mit Schlägen "belehren"

Im September hatte der Mann einen Ladendieb geschlagen, später starb das Opfer. Vor Gericht gestand der 29-Jährige die Schläge.

Der Angeklagte André S.  vor dem Berliner Landgericht

Der Angeklagte André S. vor dem Berliner Landgericht

Foto: Paul Zinken / dpa

Es war keine zufällige Tat, kein spontaner Wutausbruch, das Zusammenschlagen eines Ladendiebes war Methode. Der Angeklagte André S. sagt das am Donnerstag auch sehr deutlich in seinem Prozess vor einem Moabiter Schwurgericht. „Es ging mit darum, ihm zu sagen: Bei uns bitte nicht. Es war schon so, dass ich ihm einen Faustschlag gegeben habe.“ Und fügt dann den merkwürdigen Satz hinzu: „Ich wollte ihn auf keinen Fall verletzen.“

André S., der sich nun wegen Körperverletzung mit Todesfolge verantworten muss, war Marktleiter in der Edeka-Filiale am Bahnhof Lichtenberg. Und die Person, der er etwas sagen wollte, war der 34-jährige obdachlose Moldawier Eugeniu B. Wobei „sagen“ von André S. im übertragenen Sinne gemeint waren. „Sagen“ bedeutete für den 29-Jährigen, den in den Wochen zuvor schon mehrfach ertappten Ladendieb in einen hinteren Raum zu zerren und ihm dort nachdrücklich klarzumachen, dass er sich in dieser Edeka-Filiale nie wieder sehen lassen solle. „Er schlug mindestens zweimal mit der rechten Faust und unter Verwendung eines Quarzhandschuhs auf den Geschädigten und attackierte ihn mindestens einmal mit einem Fußtritt“, steht im Anklagesatz.

André S. gibt es so vor Gericht auch zu. Die Quarzhandschuhe – die zur Verstärkung der Schlagwucht dienen – will er als Schutz vor Schnittverletzungen getragen haben. Aber er weiß auch noch – auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Ralph Ehestädt – dass er anschließend an den Freund seiner Schwester per WhatsApp Fotos von dem verprügelten Ladendieb schickte; versehen mit der Bildunterschrift „Moldawien zu Gast bei Freunden“.

Es ist André S. zu glauben, dass er Eugeniu B. nicht töten wollte. Und dass er heute „inständig hofft, dass es nicht mein Schlag war, der ihn tötete“. Er hatte den Ladendieb nach dem Verprügeln durch eine Hintertür geschoben und weggehen sehen. Damit war die Sache für ihn beendet.

Es war ein Prozedere, wie es in den hinteren Räumen dieses Marktes mit hoher Wahrscheinlichkeit schon öfter geschehen war. Quarz- oder auch Arbeitshandschuhe sollen stets bereitgelegen haben. André S. schildert es als einen „dummen schleichenden Prozess“, und dass er im Laufe der Zeit „ein bisschen abgestumpft“ sei. Immer wieder seien Ladendiebe gefasst worden, vor allen an den Wochenenden. Oft dieselben wie ein paar Tage zuvor. Zwar sei die Polizei meist sehr schnell gekommen, das habe aber keine Wirkung gezeigt, weil ja ohnehin nur die Personalien aufgenommen würden. In einem Fall hatte ein Täter randaliert, einen Verkäufer mit einer Eisenstange angegriffen und Sicherheitsleute mit einem Messer verletzt – aber am nächsten Tag habe er wieder vor dem Markt gestanden. „Das war schon beängstigend.“

Weitere Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung

In der Konsequenz wurde Selbstjustiz geübt. Nach Auskunft von Oberstaatsanwalt Ralph Knispel laufen noch mehrere ähnliche Verfahren, allerdings nur wegen gefährlicher Körperverletzung, gegen André S. und auch gegen andere Kollegen aus dem Markt.

Eugeniu B. war damals zu seiner Cousine und deren Mann gefahren, die in der Nähe wohnten. „Er hatte einen blauen Fleck unter einem Auge“, erinnert sich die 35-jährige Marianna Z. vor Gericht. Und er habe gesagt, dass er „wie ein Hund zusammengeschlagen“ worden sei, als man ihn im Edeka-Markt beim Stehlen erwischte. Er habe eine Flasche Weinbrand mitgehen lassen wollen, „weil er nicht mit leeren Händen kommen wollte“.

Am nächsten Morgen, es war ein Sonntag, sei das Gesicht des Cousins total verschwollen gewesen. Seine Hände hätten gezittert, so Marianna Z. Er habe abgelehnt, einen Arzt zu holen und sei am Nachmittag wieder losgezogen. Von Schmerzen habe er nichts gesagt. Das sei nicht seine Art, darüber zu reden.

Am Montag müssen die Schmerzen dann aber derartig groß gewesen sein, dass Eugeniu B. von sich aus zu einem Arzt ging. „Er konnte nicht Deutsch“, sagt eine als Zeugin geladene Sprechstundenhilfe. Er habe eine Sonnenbrille getragen und auf Russisch „zusammengeschlagen“ gesagt. Sie habe ihn zu einem Chirurgen geschickt. Wenig später wurde Eugeniu B. ins Unfallkrankenhaus gebracht. Dort verstarb er noch am selben Tag an den Folgen eines Schweren Schädel-Hirn-Traumas. Vorher hatte er erzählt, dass er die Prügel in dem Edeka-Markt bezogen habe. Ein Arzt erstattete Anzeige. Der Prozess wird in diesem Monat fortgesetzt.

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