Kommentar

Gentrifizierung: Warum Hetze gegen "Bonzen" gefährlich ist

Die friedlichen Miet-Aktivisten müssen Angriffe auf Geschäfte wie das "Vertikal" klar verurteilen, findet Martin Niewendick.

"Auslander Bonzen Raus!!" - teilbeseitigtes Graffiti an der Fassade des "Vertikal"

"Auslander Bonzen Raus!!" - teilbeseitigtes Graffiti an der Fassade des "Vertikal"

Foto: Steffen Pletl

Der Kampf mancher „Gentrifizierungsgegner“ in Kreuzberg treibt immer absurdere Blüten. Am Montag postete die aus den USA stammende Betreiberin des „Vertikal“-Restaurants in der Reichenberger Straße ein Foto der neusten Nettigkeit, mit der ihr Geschäft bedacht wurde. „Auslander Bonzen raus!!“ (Fehler im Original), schmierten einige Hüter der Kiezgemeinschaft an die Fassade. Zu Recht fragt sich die Inhaberin Claire D'Orsay: „Ist das Multi-Kulti Berlin?!“

Nun wurde das Geschäft wieder angegriffen, die Scheiben zertrümmert. Die Motive der unbekannten Täter – 15 Personen, dunkel gekleidet, auf Fahrrädern – waren laut Polizei zunächst unklar. Im Netz wurde allerdings später ein Bekennerschreiben veröffentlicht, in dem "Verdrängungspolitik" als Grund für die Angriffe genannt wurde. Die Attacke reiht sich ein in eine Serie vergleichbarer Taten. Die Betreiberin berichtet von Spuckattacken, anonymen Drohungen, körperlichen Angriffen.

Da hilft es auch nichts, dass die vermeintlichen Schützlinge der ehrenamtlichen Kiez-Polizei – die Mitarbeiter der von Schließung bedrohten Bäckerei „Filou“ – ihren Nachbarn vom „Vertikal“ die Solidarität aussprechen.

Kreuzberger Stammesmentalität

Es gibt gute Gründe dafür, eine Gentrifizierung (andere mögen es „Aufwertung“ nennen) von Szene-Stadtteilen kritisch zu sehen. Steigende Mieten bedrohen die Existenz kleiner Geschäfte und finanzschwacher Anwohner, aus Kult wird Kommerz und das bunte Stadtbild weicht einer mindgrünen Einheitsfassade.

Dafür aber „die Bonzen“ (wahlweise: die Touristen, die Zugezogenen, die Schwaben) verantwortlich zu machen zeugt zum einen von intellektueller Schlichtheit. Nicht die Ursache des vermeintlichen Übels wird bekämpft, sondern lediglich das Symptom. Eine derart verkürzte Kapitalismuskritik kommt zwangsläufig zu dem Schluss, man müsse sich nur des sichtbaren Ausdrucks eines Problems entledigen – in diesem Fall des „Vertikals“ – schon ist man das Problem los. Dass dann Fensterscheiben klirren, ist logische Konsequenz.

Zum anderen ist es gefährlich. Die sich edelsten Motiven verpflichtet fühlenden Aktivisten werfen Steine auf „die Reichen“ – und treffen Menschen wie die „Vertikal“-Inhaberin Claire D'Orsay. Was der permanente Psychoterror mit realen Personen macht, spielt in der schwarz-weißen Welt der Angreifer anscheinend keine Rolle.

Das sagt die "Vertikal"-Betreiberin nach dem Angriff

In der Nacht haben erneut Personen das Restaurant "Vertikal" angegriffen. Bereits in der Vergangenheit erhielt die Betreiberin Drohungen von Gentrifizierungsgegnern.
Das sagt die "Vertikal"-Betreiberin nach dem Angriff

Die Radikalen vertreten eine Art Stammesmentalität: Wer keiner von uns ist, wird mit ständigen Angriffen und Bedrohungen überzogen, bis er seine Sachen packt und verschwindet. Ähnlich argumentieren Flüchtlingsgegner.

Wer diesen Vergleich zu drastisch findet stelle sich die Frage, wie der dem eigenen Selbstverständnis nach wohl linke Protest in Parolen wie „Auslander Bonzen raus!!“ münden konnte. Die Kreuzberger Anwohnerinitiative sollte sich dringend Gedanken machen, welche Antwort sie auf diese menschenfeindlichen Auswüchse findet.

Update:

Als Reaktion auf die rechten Parolen haben Aktivisten am Mittwoch, also einen Tag vor dem jüngsten Angriff, ein Statement veröffentlicht:

"Leider kam es in unserer Nachbarschaft zu rechten Schmierereien und einem fremdenfeindlich motivierten Angriff. Der Protest der Nachbarschaft für das Café Filou und gegen den verdrängenden Vermieter hat keine gemeinsame Basis mit derartigen Übergriffen! Wir stehen für das genaue Gegenteil: für nachbarschaftliches Miteinander und Solidarität. Unser Protest ist gewaltfrei und wir lehnen jede Form von menschenverachtendem Verhalten ab. Wir bieten rassistischen Inhalten keine Bühne und verurteilen alle derartigen Äußerungen und Handlungen. Wir dulden weder fremdenfeindlich motivierte Schmierereien, noch Sachbeschädigungen oder Angriffe. Wer so etwas macht, ist nicht Teil der solidarischen Nachbarschaften und kann mit keinerlei Rückhalt aus unseren Reihen rechnen. Solche Taten sind nicht Teil unserer politischen Praxis und sie schaden nicht zuletzt auch unserem Protest und unseren Zielen.

Bizim Kiez – Unser Kiez, Zum Erhalt der Nachbarschaft im Wrangelkiez
GloReiche Nachbarschaft
Café Filou, Familie Wagner/Spülbeck"

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