Nahverkehr

Senat prüft Bau neuer U-Bahnstrecken

Berlins Einwohnerzahl ist in einem Jahr um 60.500 gestiegen. Rot-Rot-Grün setzte bisher auf die Tram.

Ein Bauarbeiter steht am 19.09.2016 in Berlin im zukünftigen Tunnel der U-Bahnlinie 5 (Archivfoto)

Ein Bauarbeiter steht am 19.09.2016 in Berlin im zukünftigen Tunnel der U-Bahnlinie 5 (Archivfoto)

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert / dpa

Berlin.  Angesichts des anhaltenden Bevölkerungswachstums in der Stadt will der Senat nun auch den Bau neuer U-Bahnstrecken prüfen. "Wir haben jetzt schon wieder 60.000 mehr Einwohner. Da brauchen wir einen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs", sagte Verkehrsstaatssekretär Jens-Holger Kirchner (Grüne) der Berliner Morgenpost. Nach jüngsten Veröffentlichungen des Landesamtes für Statistik leben in Berlin inzwischen 3,67 Millionen Menschen, 60.500 mehr als noch vor einem Jahr. Der Senat rechnet mittelfristig mit einem Bevölkerungszuwachs auf bis zu 4,5 Millionen Einwohnern.

Bislang hat die rot-rot-grüne Regierungskoalition auf dem Gebiet der Verkehrsinfrastruktur allerdings dem Bau neuer Straßenbahnlinien absoluten Vorrang eingeräumt. "Doch es bestehen ja keine Denkverbote", sagte Kirchner weiter. So will der von den Grünen in den Senat entsandte Politiker prüfen lassen, ob nicht die Linie U8 bis ins Märkische Viertel weitergeführt werden sollte. Weiter auf der Prüfliste: Eine Verlängerung der U9 von ihrer bisherigen nördlichen Endstation Osloer Straße in Wedding bis nach Pankow. Auch eine U-Bahnstrecke vom Alexanderplatz nach Weißensee (U10) hält er für überlegenswert.

Neue Strecken für die Straßenbahn

Mit der U8-Verlängerung ins Märkische Viertel greift Kirchner einen alten Planer-Vorschlag auf, die im jüngsten Wahlkampf von der CDU wieder auf die Tagesordnung gesetzt wurde. Um den Christdemokraten den Wind aus den Segeln zu nehmen, hatte daraufhin der damalige Verkehrssenator Andreas Geisel bekundet, diesen Vorschlag prüfen zu wollen. Nach den Wahlen war davon allerdings nicht mehr die Rede. Im Gegenteil: Vor allem auf Drängen der Grünen und der Linke hat sich die neue Regierungskoalition allein auf neue Strecken für die bislang fast ausschließlich im Ostteil der Stadt präsenten Straßenbahn verständigt.

Der Hintergrund: Der Bau neuer Tramlinien geht schneller und ist vor allem kostengünstiger als der neuer ­U-Bahntunnel. So ist etwa die einzige aktuell im Bau befindliche Strecke, der 2,2 Kilometer lange Lückenschluss für die U5 zwischen Alexanderplatz und Brandenburger Tor, mit Kosten von zuletzt 525 Millionen Euro kalkuliert. Die 2015 eröffnete 2,3 Kilometer lange Tramstrecke vom Nordbahnhof zum Hauptbahnhof kostete dagegen gerade einmal 27 Millionen Euro.

Vier Tram-Strecken sollen bis 2021 in Betrieb gehen

Der Koalitionsvertrag listet 14 Verbindungen auf, die in ein Zielnetz für den Ausbau der Straßenbahn aufzunehmen sind. Vier Strecken, mit deren Planung bereits der Vorgängersenat begonnen hat, sollen dabei bis zum Ende der Legislaturperiode, also bis 2021 in Betrieb gehen. Dazu gehört etwa die Weiterführung der Straßenbahn vom Hauptbahnhof bis zur Turmstraße, die Verlängerung der Tram bis zum Bahnhof Mahlsdorf oder die Anbindung des Ostkreuz an das Straßenbahnnetz.

Beim Berliner Fahrgastverband Igeb stoßen Kirchners Ideen auf wenig Zustimmung. "Viel sinnvoller sind bei der U-Bahn Investitionen in vorhandene Strecken, um mehr aus dem Netz herauszuholen", sagte Igeb-Sprecher Jens Wieseke. Ziel müsste sein, dass die Züge auf möglichst vielen Linien im Vier-Minuten-Takt fahren. Einzig sinnvolle Ausnahme ist aus Igeb-Sicht eine Verlängerung der U3 von Krumme Lanke bis zum S-Bahnhof Mexikoplatz. Laut Kirchner sollen konkrete Trassenvorschläge Eingang in den Stadtentwicklungsplan Verkehr finden. Das mittel- bis langfristig angelegte Konzept soll bis Sommer 2018 überarbeitet werden.

Mit der U-Bahn zum BER?

Zu den Verbindungen, die Kirchner prüfen lassen will, gehört auch die Verlängerung der U7 von der heutigen Endstation Rudow zum Flughafen BER in Schönefeld. Über diese Idee wird seit Jahren debattiert, zuletzt hatte sich Neuköllns Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) dafür stark gemacht. "Ein Hauptstadtflughafen braucht auch eine Hauptstadtanbindung", hatte die SPD-Politikerin erst im November vorigen Jahres gefordert. Dazu gehöre auch eine leistungsfähige U-Bahn, die den Berliner Südwesten mit dem neuen Großflughafen verbindet.

Bislang ist lediglich vorgesehen, dass zwischen Rudow und dem BER Linienbusse der BVG fahren. Giffey warnte in diesem Zusammenhang vor einer einseitigen Strategie hinsichtlich der weiteren Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur.

Kirchner erinnert an die Leistungen der Verkehrspolitiker vor mehr als 100 Jahren, die damals die Eisenbahnstrecken konzipiert haben, die heute den Berliner S-Bahnring darstellen. "Die Vorschläge für neue U-Bahnstrecken müssen untersucht werden, wobei das nicht heißt, dass die Züge dann morgen schon fahren", sagte Kirchner auch mit Blick auf die heutzutage ex­trem langen Planungs- und Realisierungszeiten für Infrastrukturprojekte.

Erst im Sommer vorigen Jahres hatten Verkehrspolitiker von SPD und CDU den Senat aufgefordert, neue U-Bahnstrecken ernsthaft zu prüfen. Neben der U8-Verlängerung ins Märkische Viertel (Reinickendorf), der U7 zum BER und der U3 zum Mexikoplatz (Zehlendorf) standen auch die Idee eines Weiterbaus der U2 im Westen ins Falkenhagener Feld (Spandau) sowie eine Verlängerung der U2 von der Warschauer Straße zum Ostkreuz auf der Prüfliste. Letzterer Vorschlag wird auch von der BVG als sinnvoll erachtet und unterstützt. Der Senat, der die nötigen Mittel dafür bereitstellen müsste, hat sich bislang dazu nicht positioniert.

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