Baumrodung

Gericht soll historischen Park in Lankwitz retten

Ab Montag werden in Lankwitz 200 Bäume für Flüchtlingsunterkünfte gefällt. Anwohner fordern eine neue Planung für die Bauten.

Anwohner und Bewohner des Pflegeheims „Leonore“ kämpfen gemeinsam für den Erhalt des Parks. Ab Montag sollen dort Bäume gefällt werden

Anwohner und Bewohner des Pflegeheims „Leonore“ kämpfen gemeinsam für den Erhalt des Parks. Ab Montag sollen dort Bäume gefällt werden

Foto: Massimo Rodari

Die ersten Baumaschinen sind bereits da, ein Bauzaun wird errichtet, streng bewacht von Mitarbeitern eines Sicherheitsdienstes. Am Montag soll unter anderem in einem 100 Jahre alten Park an der Lankwitzer Leonorenstraße mit dem Fällen von 200 Bäumen begonnen werden. Auf dem Gelände, das der Krankenhauskonzern Vivantes an das Land Berlin verkauft hat, sind mobile Unterkünfte für 450 Flüchtlinge geplant. Eine Bürgerinitiative hat am Freitag gegen das Vorhaben einen Eilantrag beim Verwaltungsgericht eingereicht. „Der Antrag hat das Ziel, eine Umplanung zu erreichen“, heißt es.

„Ich rate der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, nicht am Montag zu beginnen, sondern den Klageweg abzuwarten“, sagt Oliver Friederici (CDU), Wahlkreisabgeordneter in Lankwitz. Es gebe andere Möglichkeiten auf dem Areal – leer stehende Gebäude etwa, die man umnutzen könnte. Das sei jedoch vom Senat nicht ausreichend geprüft worden. Sollte das Gericht entscheiden, dass nicht gebaut werden darf, müssten sich die Grünen für die Abholzung von 200 Bäumen verantworten. Daher halte er es für „hochgefährlich“, mit den Fällungen zu beginnen. Es entstehe der Eindruck, dass die Flüchtlingsunterkünfte nur der Vorwand für die wirtschaftliche Verwertung eines ökologisch wertvollen Grundstücks um jeden Preis sei.

Park in Lankwitz muss für Flüchtlingsunterkunft weichen

Auch die Alten aus dem Seniorenheim „Leonore“, die Jungen aus der benachbarten Siedlung und alle, denen es um die Natur geht und um das Erbe des jüdischen Mediziners James Fraenkel (1859–1935), der den Park einst angelegt hat, machen sich für Alternativen stark: Die Nutzung einer benachbarten Brache, der Umbau leerer Häuser auf dem Parkgelände oder der Abriss der alten Häuser und ein Neubau stellen sie zur Diskussion. „Wir wollen eine Kompromisslösung, mit der alle Seiten zufrieden sind“, sagen drei junge Frauen aus der Nachbarschaft. Man könnte aus dem Park ein „Vorzeigeprojekt“ machen – eine Begegnungszone für Senioren, Anwohner und Flüchtlinge. Für die Kinder sei es wichtig, miteinanderer in Kontakt zu kommen.

Der Park bietet Lebensraum für Füchse, Eichhörnchen und Mäusebussarde. Er ist auch Ruhezone und Treffpunkt für die Bewohner des Pflegeheims. Die meisten von ihnen sitzen im Rollstuhl. Auch Irma Zander schiebt ihren Mann im Rollstuhl durch den Park. „Es ist eine Frechheit, den alten Leuten hier den Park wegzunehmen“, sagt die Seniorin. Sie hätten ohnehin nicht mehr so viel Lebensqualität.

Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) verteidigt derweil den Bau der Unterkünfte. 13.000 Geflüchtete würden noch in Notunterkünften leben, der Bedarf an menschenwürdigen Unterkünften sei unvermindert hoch. Nachdem das Bezirksamt die Fällgenehmigung erteilt habe, könnte der Bau beginnen. Im Januar 2018 sollen die Unterkünfte bezugsfertig sein. Sie habe keine andere Wahl, sagt Lompscher der Berliner Morgenpost. Das Problem sei, dass der Bezirk keinen alternativen Standort angeboten habe, so Lompscher weiter.

Vivantes und der Senat haben das Grundstück ausgesucht

Diesen Vorwurf lässt Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski (CDU) nicht gelten. „Der Standort Leonorenstraße wurde niemals vom Bezirk vorgeschlagen, sondern von Vivantes und dem Senat ins Spiel gebracht“, sagt die Rathauschefin. Zudem sei von dem gesamten Grundstück die Rede gewesen – also auch von den leer stehenden Häusern. Erst nachdem der Bezirk zugestimmt habe, wäre es nur noch um das Parkgelände gegangen. Alternativvorschläge vom Land seien „mehr als unseriös“ gewesen, so Richter-Kotowski. So wurde etwa das Stadion Lichterfelde als Standort genannt.

Immerhin hat der Senat noch etwas umgeplant. Die Drei- und Viergeschosser sind jetzt so angeordnet, dass eine Baumgruppe stehen bleiben kann. „Es handelt sich exakt um fünf Bäume“, sagt Holger Holzschuher von der Bürgerinitiative. Seine Mitstreiterin Gabilotte Lanzrath macht eine Rechnung auf: 700.000 bis eine Million Euro veranschlagt sie für den Abriss der Gebäude, 1,6 Millionen Euro hingegen für das Fällen der Bäume und das Herrichten des Baulandes. „Das ist nie berechnet worden“, kritisiert sie.

Ein Appell, keine Unterkünfte im Park zu errichten, kommt unter anderen von der Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz. Die Bedeutung des Fraenkel-Parks für die Erholung, den Naturschutz und das Landschaftsbild verböten eine „Inanspruchnahme“ des Areals für die mobilen Unterkünfte, sagt der Geschäftsführer Manfred Schubert. Gegen eine Bebauung spricht sich auch der Arbeitskreis Historisches Lankwitz aus. „Es ist eine besonders zu schützende Grünanlage der ehemaligen Nervenklinik des jüdischen Sanitätsrates Dr. med. James Fraenkel“, heißt es in einem Schreiben. Bei Feierlichkeiten 2001 und den Besuchen der jüdischen Nachfahren von James Fraenkel aus Israel und England habe der Bezirksbürgermeister den Angehörigen den Erhalt und die Pflege der Anlage zugesichert. In Israel habe die Fraenkel-Familie den Film „Sein letztes Rennen“ mit Dieter Hallervorden gesehen, der unter anderem in diesem Park gedreht worden war. Begeistert hätten sie dann einen Dank für die Pflege der historischen Anlage nach Deutschland geschickt.

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