Querschnittslähmung

Sebastian Erhardt Traum vom Spaziergang im Exoskelett

Sebastian Erhardt ist seit einem Sturz querschnittsgelähmt. Mit einem Gehroboter kann er auf eigenen Beinen stehen.

Querschnittsgelähmter Berliner kann dank Exoskelett wieder gehen

Sebastian Erhardt ist seit einem Kletterunfall querschnittsgelähmt. Mit einem "Exo-Skelett" kann er wieder ein paar Schritte gehen. Das Gerät wird derzeit nur für Training und Therapie genutzt. Ein Physiotherapeut ist immer dabei.

Gelähmter Berliner kann dank Exoskelett wieder gehen

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Ein bisschen sieht Sebastian Erhardt in seinem Exoskelett wie ein humanoider Roboter aus, wie Robocop aus dem gleichnamigen Science-Fiction-Film. Der 37 Jahre alte Web-Entwickler aus Schöneberg muss angesichts dieses Vergleichs lachen. Nein, sagt er, das verletze ihn nicht, da fühle er sich nicht diskriminiert. Er findet selbst, dass es irgendwie passt, wenn er in dem technischen Gerät steckt, das ihm Halt gibt, und er – ein wenig stockend – Fuß vor Fuß setzt.

Diese Reaktion ist nicht selbstverständlich. Denn Sebastian Erhardt ist vom Bauch abwärts querschnittsgelähmt. Sein Leben hat im Jahr 2012 durch einen Sportunfall eine dramatische Wende genommen. Seither sitzt er im Rollstuhl – mit wenigen Ausnahmen wie an diesem Tag. Man könnte es ihm nicht verübeln, wenn er empfindlich auf Scherze reagieren würde. Aber der schlanke Mann mit der Stoppelfrisur und dem offenen Blick hat Humor und strahlt Optimismus aus.

Rückenteil mit Steuerelektronik und Akku

Wir treffen Sebastian Erhardt bei Hempel, dem Sanitätshaus und Physiotherapiezentrum an der Prinzenallee in Wedding. Er will aus therapeutischen Gründen mal wieder in das Exoskelett steigen und laufen. Das Gerät ist auf einem Stuhl „ausgebreitet“ – es sitzt gewissermaßen auf dem Stuhl. Die „Beine“ mit den Motoren hängen nach unten, stehen auf dem Boden, das Rückenteil mit Steuerelektronik und Akku lehnt am Stuhlrücken.

Sebastian Erhardt kann sich gewissermaßen hineinsetzen. Er schnallt seine Beine fest und zurrt Gurte um Schultern und Bauch fest. Dann braucht er Hilfe um aufzustehen. Physiotherapeut Dennis Veit hilft ihm dabei. Auch zwei Gehhilfen (Krücken) benötigt Sebastian Erhardt. Aber dann geht es los. Schritt für Schritt, gesteuert über Bewegungen des Oberkörpers. Verlagert er das Gewicht nach links, setzt der Gehroboter das rechte Bein nach vorn. Motoren setzen die Gelenke der Maschine in Gang. 27 Kilogramm wiegt die Maschine, aber die spürt Sebastian Erhardt nicht, das Gerät trägt sich selbst. Dennis Veit läuft hinter ihm und könnte bei Bedarf eingreifen, falls Sebastian Erhardt einmal straucheln sollte.

Ende 2013 war der Schöneberger der erste Berliner Patient, der den Gehroboter nutzen konnte. Das Gerät des US-Herstellers „Ekso Bionics“ ermöglicht es, zum Beispiel durch Unfall oder Schlaganfall gehbehinderten oder gelähmten Menschen aufrecht zu stehen und zu laufen. Die meisten nutzen es in der Rehabilitation, um verloren gegangene Bewegungsmuster wieder zu erlernen und in die alte Beweglichkeit zurückzufinden. Möglichst so, dass es irgendwann wieder ohne Maschine und ohne Rollstuhl geht.

Das Exoskelett kostet 120.000 Euro

Sebastian Erhardt ist diese Möglichkeit verwehrt. Zumindest auf absehbare Zeit. Sein Rückenmark wurde bei dem Unfall so stark gequetscht, dass er nach dem gegenwärtigen Stand der Medizin nicht wieder wird laufen können. Er kann auch nicht routinemäßig einfach in das Exoskelett steigen und loslaufen. Das Gerät ist noch nicht für den Alltag geeignet und wird Patienten auch nicht dauerhaft überlassen. Der Grund: Das Exoskelett kostet 120.000 Euro. Die Krankenkassen bezahlen das Gerät oder die ambulanten Übungen, die Patienten wie Sebastian Erhardt damit machen, nicht. Aber er hofft darauf, dass die Kosten eines Tages übernommen werden.

Erhardt bezahlt die Nutzung alle paar Wochen aus eigener Tasche. Er profitiert sehr davon, wie er sagt. Ihm geht es nicht darum, sich im Alltag autonom zu bewegen. Dafür hat er seinen Rollstuhl. Aber gelegentlich aufrecht zu stehen und zu gehen, hilft seinem Organismus auf verschiedene Weise. So beugen die Bewegungen einer Knochenrückbildung (Osteoporose) vor, regen Herztätigkeit und Kreislauf und die Funktion von Magen, Darm und Blase an. Auch wenn Erhardts Beine nur passiv bewegt werden, tut das Knochen, Blut- und Lymphgefäßen doch gut. Außerdem werden Gleichgewicht und die Rumpfstabilität trainiert und den bei Gelähmten verbreiteten Schmerzen und Krämpfen wird vorgebeugt.

„Aber vor allem ist es für die Seele und das Selbstbewusstsein gut, gelegentlich aufrecht zu gehen und zu laufen und anderen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen“, sagt Sebastian. „Man wird ganz anders wahrgenommen.“

Erhardt ist Markenbotschafter für den Hersteller

Das erlebt der junge Mann auch auf Gesundheitsmessen. Sebastian Erhardt ist Markenbotschafter für den Hersteller des Gehroboters. Auf den Messen führt er das Gerät vor. Während man im Rollstuhl manchmal übersehen werde, verändere sich die Wahrnehmung anderer Menschen mit dem Gehroboter, sagt der Schöneberger. Mit Rollstuhl werde schon mal wie selbstverständlich die Begleitperson angesprochen, im Exoskelett passiere ihm das nicht. „Dann bin ich gleichberechtigt und werde direkt angesprochen.“ Auf Augenhöhe zu sein, tue der Seele gut.

Dennoch verbindet Sebastian Erhardt weitere Hoffnungen mit dem Roboter. „Ich hoffe natürlich, dass das Exoskelett den Rollstuhl irgendwann im Alltag ersetzen kann. Ich träume davon, auf eigenen Beinen einkaufen zu gehen. Einfach mal einen Spaziergang durch einen Park zu machen, das wäre toll.“ Das ist Zukunftsmusik, liegt aber im Zeithorizont eines jetzt Mittdreißigers. Denn die Technik schreitet voran. Zum einen werden die Roboter kleiner und leichter. „Die Erwartung ist, dass die Geräte irgendwann so klein sind, dass sie unter die Kleidung passen“, sagt Sebastian Erhardt.

Andererseits könnte mit der Zeit auch der Preis sinken, so dass mehr Menschen die Roboter im Alltag nutzen können. Die andere Hoffnung ist, dass es doch noch gelingen könnte, gequetschte oder durchtrennte Nervenstränge des Rückenmarks wieder miteinander zu verbinden, so dass die Nervenleitung wieder funktioniert. Entwicklungen in der regenerativen Medizin lassen darauf hoffen.

Im vergangenen Jahr hat Sebastian zum ersten Mal am Jahrestag des Unglücks nicht an seinen Unfall gedacht. Jetzt fällt ihm das Datum aber sofort ein: Es war der 16. Juni 2012. Nachdem er an der Freien Universität Berlin Geologie studiert hatte, arbeitete er am Imperial College in London an seiner Doktorarbeit. An diesem Sonnabend im Juni war er in der Umgebung von London klettern. Er stürzte ab, verbrachte sieben Monate in der Klinik und in der Rehabilitation. „Danach war ich ohne Chance, wieder gehen zu können“, erinnert er sich. Als Geologe hatte er keine berufliche Perspektive mehr, denn Geologen sind viel im unwegsamen Gelände unterwegs. Mit Rollstuhl geht das nicht.

Erhardt wirkt zuversichtlich

Zugleich hatte er sich aber intensiv mit Geoinformationssystemen beschäftigt, mit mathematischen Modellen und Computerprogrammen zur Analyse von räumlichen Daten. Und auch schon Webseiten angelegt. Das war ausbaufähig. Sebastian Erhardt absolvierte ein Fernstudium in Web-Entwicklung. Seit der Umschulung gestaltet er nun professionelle Internetauftritte.

Sebastian Erhardt wirkt zuversichtlich und hat sich mit seiner Situation arrangiert. Natürlich hat er Höhen und Tiefen erlebt. Aber es gibt Schlimmeres als sein Leben im Rollstuhl, sagt er leichthin. Er weiß aber, dass es viele gibt, „die sich von so einem Schicksalsschlag nicht erholen“. Berlin findet er für Behinderte gar nicht so übel. „Ich kann mich nicht beschweren“, sagt er über die Infrastruktur in der Stadt und die Menschen. Die meisten seien hilfsbereit. Nur wenn ihm jemand helfen will und gar nicht erst fragt, sondern einfach zupackt, findet er das nicht in Ordnung. Gelegentlich erlebt er auch mal einen Busfahrer, der mit den Augen rollt, wenn der ihm die Plattform fürs Rein- und Rausrollen ausklappen soll. Aber das alles nimmt er nicht persönlich.

Trotzdem träumt er weiter vom aufrechten Gehen, vom Spaziergang im Park. Irgendwann vielleicht auch so, dass es nicht wie Robocop aussieht.