Berlin

Helfen unter ständiger Bedrohung

Berliner bringen mobiles Krankenhaus nach Syrien. In der Krisenregion bilden sie die Menschen medizinisch aus

Nur noch wenige Tagen, dann fahren Rettungsassistent Sebastian Jünemann und sein Team dahin, wo sie wohl gerade am meisten gebraucht werden: in die Krisengebiete im Nordirak und im Norden Syriens. Dort wollen sie der medizinisch extrem schlecht versorgten Bevölkerung mit ihrem mobilen Krankenhaus helfen. Das besteht aus schnell auf- und abbaubaren Behandlungs- und Operationszelten, die in zwei Lkw transportiert werden. Nach monatelangem Schrauben und Schweißen konnten die Mitglieder der Berliner Hilfsorganisation Cadus um Vorstand Sebastian Jünemann jetzt ihren zweiten Lkw mit den dazugehörigen Zelten in Betrieb nehmen. Anfang Februar beginnt der Einsatz.

„Wir starten in Erbil im Nordirak und fahren von dort aus weiter nach Syrien“, sagt Sebastian Jünemann. „Die Menschen dort brauchen dringend eine medizinische Notversorgung.“ Das Gesundheitssystem in den Krisengebieten sei zum größten Teil zerstört, erklärt der Rettungsassistent, der seit 1999 in der Katastrophenhilfe tätig ist und bereits siebenmal in Syrien im Einsatz war. Viele Ärzte und Krankenpfleger aus der Region sind selbst geflohen oder im Krieg ums Leben gekommen.

Mit Cadus hat sich 2014 eine Gruppe aus Sanitätern, Grafikern, Biologen, Ingenieuren und Fundraisern zusammengetan, um unkonventionelle und direkte humanitäre Hilfe zu leisten. In Syrien will Cadus nicht nur eine medizinische Notversorgung bereitstellen, sondern auch die lokalen Gesundheitssysteme nachhaltig stärken. „Dazu wollen wir die Menschen vor Ort in der medizinischen Notversorgung ausbilden, damit sie langfristig ohne uns Hilfe leisten können“, sagt Jünemann, der als Lehrrettungsassistent auch Rettungskräfte ausbildet. Um diese Ziele zu erreichen, sammelte Cadus in den vergangenen Monaten mithilfe der Spendenplattform betterplace.org mehr als 100.000 Euro. Außerdem wurden die Zelte gestiftet, mit denen Cadus nun die Reise antritt.

Das Konzept des mobilen Krankenhauses ist in Krisenregionen so wichtig, weil gerade Gesundheitszentren häufig attackiert werden. „Durch unsere ständig wechselnden Einsatzgebiete minimieren wir die Gefahr, selbst zum Ziel von Anschlägen zu werden“, erklärt Jünemann. Die Zelte können binnen weniger Stunden auf- und abgebaut werden. „Wir bewegen uns somit unter dem Radar und können in Regionen agieren, die ansonsten von jeglicher Hilfe abgeschnitten sind.“ Dabei helfe der Kontakt zu lokalen Organisationen, die die Ehrenamtler vor möglichen Angriffen warnen können.

Behandlungszelte sollen an örtliche Helfer gehen

In den Krankenhauszelten gibt es jeweils zehn Behandlungsplätze und einen OP-Tisch. Cadus wird mit zehn Helfern vor Ort sein – die Teams aus drei Ärzten, zwei medizinischen Assistenzkräften und fünf Technikern werden für etwa drei Wochen Hilfe leisten, dann wechselt das Team. Langfristig will Cadus seine mobilen Krankenhäuser an Hilfseinrichtungen vor Ort abgeben. Die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) habe im Nordirak und in Nordsyrien viele Sprengstofffallen gelegt, sagt Jünemann. „Dadurch gibt es dort sehr viele zivile Opfer.“

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