Pari Roehi

Transgender-Kandidatin bei GNTM: "Ich war immer eine Frau"

Pari Roehi trat als erste Transgender-Kandidatin bei „Germany’s Next Topmodel“ auf. Nun hat sie mit 27 Jahren ihre Biografie vorgelegt.

„Mein bunter Schatten“: Pari Roehi  in ihrer Wohnung im Prenzlauer Berg. Seit fünf Jahren lebt sie in Berlin

„Mein bunter Schatten“: Pari Roehi in ihrer Wohnung im Prenzlauer Berg. Seit fünf Jahren lebt sie in Berlin

Foto: ANIKKA BAUER

Vielleicht ist es das Alter, das irritiert. Erst 27, dabei wirkt sie, als hätte sie schon ein Leben hinter sich gebracht. Irgendwie abgeklärt, erfahren, wissend um die eigenen Stärken und Schwächen. Nicht mal drei Jahrzehnte sind es, in denen sie so viel mitbekommen hat: die Flucht, das schwierige Eingewöhnen in eine neue Umgebung, der Missbrauch, die Drogen, dann vor allem das Gefühl, in einem ihr fremden Körper zu sein und schließlich die Operation. Die Geschlechtsumwandlung. Nein, nein, das ist das falsche Wort, sagt sie. Geschlechtsangleichung, das sei richtig. Also, dann vielleicht so: Das ist Pari Roehi, die Frau, die einmal den Körper eines Mannes hatte.

Sie steht zur Begrüßung an der Tür ihrer kleinen Wohnung in Prenzlauer Berg. Eine schöne Frau mit langen, braunen Haaren und dunklen Augen. Schmal ist sie, das weiße Shirt und die blaue Jeans betonen die Figur. Wobei alles Frauliche betont, besonders zur Geltung gebracht erscheint. Sie ist immer tipptopp gekleidet, sagt sie. Eine perfekte Ausstrahlung, das sei ihr wichtig. Groß ist sie, 1,85 Meter, das ist wohl äußerlich das einzige etwas Ungewöhnliche, das vielleicht noch an früher erinnert.

Wer sie kennenlernt und nichts weiß, merkt erst mal nichts. Ihrem letzten Freund habe sie erst nach einer Woche erzählt, dass sie ein Mann war. Er sagte: Das kann doch nicht sein. Und dann: Ich habe mich in dich als Mensch verliebt. Nach einem Monat sind sie zusammengezogen. Es hat sich gut angefühlt, sagt sie.

Als Wolfgang Joop ihr ein Kompliment für ihre Schönheit machte

Vor zwei Jahren hat es Pari Roehi zu einiger Berühmtheit gebracht. Sie hatte sich bei "Germany's Next Topmodel" beworben, mit 25, und als erste Transgender-Frau in der Sendung. Das sorgte für Aufregung hinter den Kulissen und vor der Kamera. Wolfgang Joop, damals einer der Juroren, fand stilvolle Worte: "Bei dir kann ich nur sagen, du bist wunderschön. Aber im Vergleich mit den anderen Mädchen stichst du so sehr heraus, und zwar nur durch deine Art, durch deine Schönheit, die so ladylike ist, dass die anderen neben dir aussehen wie freche kleine Schülerinnen." Pari Roehi hat das als großes Kompliment empfunden.

Thomas Hayo, der andere Juror, habe dagegen einen ziemlich blöden Kommentar abgegeben: "Hatten wir nicht gestern bei ihr, ihm, gesagt: kein Make-up?" Dieses "ihm" stieß ihr auf. Einer wie Hayo, der im Showbiz mit Models arbeitet, wisse doch, wie er mit einer Transgender-Frau reden sollte. Schließlich sei er doch ein Vorbild, ja wie ein respektabler Herr müsse er sich da verhalten. Sie habe Hayo einen Tag gegeben, um sich zu entschuldigen. Was er nicht getan habe.

Nach Amerika, wo die Endrunde der verbliebenen Kandidatinnen stattfand, haben sie sie dann nicht mitgenommen. Möglicherweise lag es am Altersunterschied zu den anderen Kandidatinnen. Doch ihr Auftritt in der Sendung war eine "Riesenplattform": "Eine Tür hat sich für mich geöffnet. Danach habe ich viele Chancen bekommen, Leute kennengelernt wie meine Managerin." Und nun erzählt Pari Roehi in einer berührenden Biografie erstmals auch von ihrer Vergangenheit. Titel: "Mein bunter Schatten. Lebensweg einer Transgender-Frau."

Die Flucht führt sie vom Iran in die Niederlande

"Ich bin im Körper eines Jungen geboren, aber ich habe mich immer weiblich gefühlt", schreibt sie dort. "Mit fünfzehn lackierte ich meine Nägel, weil ich es toll fand, mich schön zu machen."

Geboren wird Pari Roehi im Iran. Behütet, in einer gut situierten Familie. Die Eltern nennen das Kind Parham Robabe, das bedeutet "schimmernder Mond". Es wird Par gerufen, der Name eines Jungen, was das Kind dem Geschlecht nach ja ist. Der allerdings auffällig gern mit Puppen spielt.

Die Ehe der Eltern funktioniert nicht. Der Vater betrügt seine Frau. Schon auf dem Hochzeitsfoto gucke die Mutter böse. "Dein Vater zwinkerte einer anderen zu, während er mit mir einen Tango tanzte", erklärt sie Par später.

Eines Tages nimmt sie ihn und den älteren Bruder mit zu einer Kusine in die Hauptstadt Teheran. Es ist der Anfang einer Flucht vor der Ehe, die schließlich nach Europa, in die Niederlande führt. Dass die ersten Jahre der Kindheit so eindringlich beschrieben sind, ist auch den Erinnerungen der Mutter zu verdanken. "Sie wollte schon vorher ein Buch über ihr Leben schreiben. Sie ist auch bis heute damit beschäftigt, sie schreibt auf Papier." Die Journalistin Friederike Brost hat die Erzählungen zu Pari Roehis Buch zusammengeführt.

Die Familie wohnt in Notunterkünften

Die ersten Jahre in den Niederlanden sind von Überforderung und Hilflosigkeit geprägt. Die geteilte Familie wohnt in Notunterkünften, muss sich mit den ungewohnt bescheidenen Verhältnissen arrangieren. Die Mutter wird krank, sie schreit, wirft einen Kaffeebecher an die Wand, dann liegt sie kalkweiß im Bett oder schläft. Schließlich wird eine Depression festgestellt.

"Ich hätte eine Mutter gebraucht, die in dieser neuen, schwierigen Welt eine Unterstützung ist, aber stattdessen hatte Mama vor meinen Augen diesen Anfall gehabt", schreibt Pari Roehi.

Paul, ein Sozialarbeiter, nimmt sich der Kinder an. Er kommt mit kleinen Geschenken, zeigt ihnen Computerspiele. Aber dann fängt er an, den kleinen Par zu berühren. Am Bauch – und tiefer. "Mein Magen krampfte sich zusammen, und ein Gefühl intensiver Übelkeit überlagerte alles andere. Für einige Sekunden saß ich wie erstarrt auf Pauls Schreibtischstuhl. Dann stieß ich mich plötzlich mit beiden Füßen vom Tisch weg und schrie." Der Kleine wagt es nicht, sich der Mutter anzuvertrauen. Nachts träumt er von den Annäherungsversuchen des Sozialarbeiters und nässt ein.

Bei der Lesung musste sie auf einmal weinen

Vor Kurzem hatte Pari Roehi eine Lesung in Köln. Als sie zu der Stelle kam, hat sie geweint und konnte nicht mehr weiterlesen. Sie habe diese Episode lange weggestopft, sagt sie.

Trotzdem – ein Zurück in den Iran konnte es damals nicht geben. Irgendwie müssen die drei sich zurechtfinden. Etwas leichter fällt es ihnen in der neuen Heimat, als sie eine Vierzimmerwohnung in einem Vorort von Utrecht finden. Ihren leiblichen Vater im Iran hat Pari nie wieder zu Gesicht bekommen, dafür hat die Mutter einen neuen Mann gefunden. Amoe, ebenfalls aus dem Iran. Er ist elf Jahre jünger als die Mutter. Mit dem pubertierenden Par kommt er nicht zurecht, immer wieder gibt es lautstarke Auseinandersetzungen. Par revoltiert gegen Mutter und Stiefvater. Er entdeckt das Nachtleben, nimmt Drogen, was zu furchtbaren Exzessen führt.

Gleichzeitig beginnt er zu modeln, tritt auf Promotionveranstaltungen und Partys auf. Bilder aus dieser Zeit zeigen ihn geschminkt, in Kleidern, ein Mann, so scheint es, der sich als Frau wohlfühlt. Er experimentiert mit der Weiblichkeit.

Pars Mutter sind die Neigungen ihres Sohnes nicht verborgen geblieben. Eines Tages, noch während seiner Schulzeit, sagt sie zu ihm: "Es ist okay, wenn du ein Mädchen sein willst." Hormonbehandlungen und Operationen – dass es solche Möglichkeiten gibt, war ihm bis dahin nicht klar gewesen. "Ich hatte keine Ahnung, dass man sich dafür entscheiden konnte, ein Mädchen zu sein, wenn man als Junge geboren wurde. Für mich war klar, dass es mein Schicksal wäre, mit dem Körper zu leben, der mir mitgegeben war."

Nach seinem 17. Geburtstag darf er Hormone nehmen

In der Amsterdamer Universitätsklinik gibt es ein Transgender-Zentrum. Die Mutter lässt sich Formulare zuschicken und füllt sie gemeinsam mit ihrem Sohn aus. Es ist der Beginn eines Prozesses, der schließlich zu Pars Operation führt. Psychologen reden mit ihm monatelang, kurz nach seinem 17. Geburtstag darf er Hormone nehmen. Als die Dosis gesteigert wird, erklärt ihm ein Arzt: "Dein Körper wird ein wenig weiblicher. Vielleicht bekommst du rundere Hüften, und in ein paar Monaten wird wohl das Brustwachstum einsetzen. Wie schnell und wie stark ein Körper auf Hormone reagiert, ist individuell ganz unterschiedlich."

Die Modelkarriere läuft, wenn auch schleppend in der Zeit. Ein Agent fragt ihn: "Was bist du überhaupt? Ein Junge oder ein Mädchen?" Sie habe diese Frage gehasst, weil sie sich nie als Junge gefühlt habe, aber auch kein Mädchen war.

Im Alter von 19 Jahren bekommt Par seine langersehnte Operation. Es gibt keine Schwierigkeiten, die Ärzte sind zufrieden. Jetzt ist sie Pari. Schmerzen im Unterleib bleiben noch einige Zeit, Sie muss Medikamente nehmen. Der Stiefvater, mit dem sie so oft gestritten hat, sagt zu ihr: "Pari, ich bin stolz auf dich." – "Warum?" – "Du hast dich entschieden, diese Operation zu machen. Du bist deinen Weg gegangen, und das war bestimmt nicht immer einfach."

Sie ist erwachsener geworden und will keine Drogen mehr anrühren

Acht Jahre sind seit jenen Worten vergangen. Freundinnen sagen heute zu ihr schon mal: "Du bist mehr Frau als ich." Seit fünf Jahren lebt Pari Roehi in Berlin. Sie hat einen Videoblog auf Youtube. Sie macht Werbung für eine Schönheitsklinik für Transfrauen in Marbella und auch für Zahnbleichmittel. "Ich bin ein Model, ich verdiene Geld mit Dingen, die mir Spaß machen." Ruhiger sei sie geworden. Partys gebe es schon noch in ihrem Leben, das mit den Drogen sei aber Vergangenheit. "In der Zeit mit den Drogen hatte ich keine Ruhe, eine Leere in mir. Durch die Drogen wollte ich das auffüllen. Jetzt bin ich erwachsener geworden. Ich brauche das nicht mehr."

Vor Kurzem fragte eine andere Frau sie: "Wann hast du dich entschieden, eine Frau zu sein?" Sie fragte zurück: "Wann wusstest du, dass du eine Frau bist?"

"Ich war immer eine Frau", sagt Pari Roehi. "In der Schule habe ich gemerkt, dass ich anders bin. Ich habe als Kind gedacht, dass ich ein Mädchen bin. Das Geschlecht hat nicht gepasst. Ich werde erwachsen wie jede andere Frau auch. Vielleicht ein bisschen anders, weil ich eine Geschichte habe." Aber diese Geschichte wird immer ein Teil von ihr bleiben. "Ich muss das Freunden, in meiner Beziehung zu Männern erklären."

Im Mann-Frau-Verhältnis hat sie eine konservative – sie sagt traditionell persische – Sicht: "Ich möchte mich bei einem Mann beschützt fühlen." Beziehungen hier in Deutschland sind aber von anderen Erwartungen geprägt: Wir sind gleich, und jeder schützt jeden. "Dann denke ich als Frau: Wie soll ich dich denn mit meinen 60 Kilo schützen?"

Seit einigen Monaten ist sie Single

Sie ist momentan Single, vor ein paar Monaten ist die Beziehung mit ihrem Freund auseinandergegangen. Trotzdem: Es geht ihr gut, sagt sie. Eine kleine Familie wünscht sie sich für die Zukunft. Würde sie Kinder adoptieren? Da ist sie optimistischer: "In fünf, sechs Jahren kann ich vielleicht ein Kind selber austragen. Unsere Ärzte machen so tolle Arbeit heutzutage. Oder eine Leihmutter trägt das Kind für mich aus. Alle Optionen sind offen." Aber jetzt stehe erst mal die Arbeit an erster Stelle. Sie würde gern eine Fernsehsendung moderieren. Vielleicht jungen Leuten zeigen, dass man mit harter Arbeit erreichen kann, was man möchte. "Durch meinen Hintergrund als Emigrantenkind habe ich von meiner Mama gelernt: Du musst zweimal so hart arbeiten wie andere Kinder, du bist ein Ausländer. Die Leute in einem anderen Land schauen dich anders an. Das würde ich gern Kindern mitgeben."

Ihr Buch habe einiges in ihrer Familie bewirkt. "Wir reden oft nicht miteinander. Das ist persisch. Aber jetzt, durch das Buch, ist alles offen." Das Buch bedeutet für sie auch eine Art Bruch, sagt sie. Ein neues Kapitel in ihrem Leben beginne jetzt. "Nicht immer nur Transgender. Ich bin Pari. Ich habe noch andere Sachen zu erzählen."

Pari Roehi: "Mein bunter Schatten. Lebensweg einer Transgender-Frau", Verlag Neues Leben, 288 Seiten, 19,99 Euro.Am Montag, 16. Januar, um 20 Uhr liest Pari Roehi aus ihrem Buch. Bei Möbel Olfe, Reichenberger Str. 177, 10997 Berlin, www.moebel-olfe.de. Eintritt frei.

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