Gedenkpolitik

Denkmal in Berlin: Eine Waage für die Einheit

Die Architekten des Einheitsdenkmals am Berliner Schloss wehren sich dagegen, die Debatte neu aufzurollen.

Einheitsdenkmal

Einheitsdenkmal

Foto: Milla &Partner

Johannes Milla und Sebastian Letz staunten nicht schlecht, als sie im November die Kunde aus Berlin erreichte. Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages hatte völlig überraschend beschlossen, 18,5 Millionen Euro für den Wiederaufbau der historischen Kolonnaden des Kaiser-Wilhelm-Denkmals vor dem Haupteingang des wieder entstehenden Schlossbaus freizugeben.

Wir sollten das Denkmal für die DDR-Revolution bauen

Die Stuttgarter Planer haben an eben diesem Ort am Kupfergraben, zwischen Schloß und Schinkels Bauakademie, seit Jahren etwas ganz anderes vor. Hier wollen sie ihren Siegerentwurf für ein Einheits- und Freiheitsdenkmal im Gedenken an die friedliche Revolution in der DDR errichten. Dieses Projekt hatten die Bundestags-Haushälter im April wegen angeblicher Budgetüberschreitungen gestoppt. Die Architekten weisen diesen Vorwurf zurück, vermuten andere Hintergründe: „Die Entscheidung für den Wiederaufbau der Kaiser-Kolonnaden zeigt ja, dass es am Geld nicht liegen kann“, sagte Sebastian Letz, Kreativdirektor von Milla & Partner.

Die Debatte um das Einheitsdenkmal geht von vorne los

Nach mehr als 17 Jahren Diskussion (siehe Text rechts) wollen jedoch einige in der Politik die Karten jetzt noch einmal neu mischen. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) sagte kurz vor Weihnachten, man solle sich „weder auf einen Entwurf noch auf einen Standort festlegen“, sondern „noch einmal offen diskutieren“. Berlins neue Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) will zumindest die Kolonnaden nicht. Sie forderte ein Gesamtkonzept für die Gestaltung der Umgebung des Humboldt Forums. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) hat sich ebenfalls gegen die Kehrtwende der Bundestags-Haushaltspolitiker in Sachen Denkmal ausgesprochen. Es könne nicht sein, dass derart wichtige Beschlüsse spontan in Nachtsitzungen gefasst würden. Der Kulturausschuss des Bundestages hat das Thema für Ende Januar noch einmal auf die Tagesordnung genommen.

„Die Kostensteigerungen werden nur behauptet“

Milla und Letz setzen gemeinsam mit den Denkmal-Initiatoren wie Ex-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse darauf, dass an den einmal gefassten Beschlüssen auch festgehalten wird. Thierse hat den Denkmal-Kritikern aus dem Haushaltsausschuss „Verachtung“ für die friedlichen Revolutionäre in der DDR vorgeworfen. Er bezweifelt, dass die Haushälter einfach so einen Plenumsbeschluss des Bundestages kippen können.

„Es gab nach mehrjährigem öffentlichen Diskurs zwei Bundestagsbeschlüsse, und wir haben uns nach zwei Wettbewerben mit insgesamt circa 900 Einreichungen durchgesetzt“, sagte Letz. Also gebe es eine „breite Basis öffentlicher Teilhabe und Diskurses“.

Johannes Milla räumte ein, dass sich „über ein Projekt im Stadtraum und über Ästhetik generell immer trefflich diskutieren“ lasse. Die Kostensteigerung werde aber nur „behauptet“, verteidigt sich der Wettbewerbssieger. Die tatsächlichen Baukosten seien im Laufe der Jahre von 9,6 auf elf Millionen gestiegen, weil der Bauherr ergänzende Anforderungen gehabt habe. „Die zusätzlichen Kosten von angeblich 3,5 Mio haben zum Teil nichts mit unserem Vorhaben zu tun, zum Teil handelt es sich um seit 2011 bekannte, bauherrenseits verursachte Nebenkosten“, so Milla. Zusätzliches Geld kostete etwa der Ausgleich für die aus dem maroden Denkmalsockel vertriebenen Fledermäuse ebenso wie die Sicherung der Mosaiken aus der Kaiserzeit auf dem Denkmalsockel. Eine Million Euro der Kostenaufstellung habe ihm nicht einmal das Bundesministerium für Kultur und Medien erklären können.

Der Streit über das Einheitsdenkmal ist bedauerlich

Einwände wegen der Sicherheit gebe es von Seiten der Baubehörden keine, so der Chef des Planungsbüros, das sich auf Kommunikation im Raum spezialisiert hat. „Das ist spätestens seit der Baugenehmigung besiegelt“, sagte Milla.

Milla und Letz werben jetzt offensiver als früher für ihr Projekt. „Unser Entwurf ist keine Wippe, eher eine Waage“, sagte Letz. Sie bewege sich langsam und sanft – sofern viele Menschen gemeinsam in eine Richtung gingen. Die Plattform senke sich um 3,20 Meter in etwa 50 Sekunden. „Für die, die in der Schale stehen, eröffnet sich durch die Höhenveränderung ein neuer Horizont“, sagte Letz: „Es geht um die Erinnerung an die große gemeinsame Kraft und Erfolg der friedlichen Revolution“.

Einheitsdenkmal am Berliner Schloss wohl erst 2018 fertig

Dieser Aspekt fehle etwa am Brandenburger Tor, das manche in der Debatte nun als Ersatz-Denkmal der Einheit ausweisen wollen. Milla geht noch weiter: „Das, was die Menschen machen ist das eigentliche Denkmal. Das Denkmal und deren Bewegung basiert darauf, dass die Menschen sich verständigen, gemeinsam in eine Richtung zu gehen.“ Die Idee weise also weit über die friedliche Revolution hinaus. Es gehe um Verständigung, und diese sei auch in Zukunft wichtig, weil immer mehr Menschen sich in isolierten Meinungsblasen aufhielten.

Die ganze Debatte ist aus Sicht der Planer ein Zeichen für die Schwierigkeiten der politischen Öffentlichkeit, der deutschen Geschichte ein Denkmal zu setzen. Sie bezweifeln, dass es im Falle eines Neuanfangs irgendwie einfacher würde. Johannes Milla hat zwar wie vom Bauherren gefordert eine Abschlussrechnung erstellt, ist aber mit dem Vorhaben noch lange nicht durch. „Wir können morgen loslegen, anstatt nochmal von vorne anzufangen. „Es geht aber nicht um uns. Es geht darum, die friedlichen Revolutionäre von 88/89 zu ehren.“