Berlin

Projekt gegen Islamismus vor dem Aus

Die Radikalisierung unter Jugendlichen in Berlin steigt. Projektträger wünschen sich eine weitere Förderung des Programms.

740 Personen ab 14 Jahren sind in Berlin im Bereich Salafismus erfasst (Archivbild)

740 Personen ab 14 Jahren sind in Berlin im Bereich Salafismus erfasst (Archivbild)

Foto: imago stock&people / imago/Reporters

Einmal hatte Chalid Durmosch einen Ehrenmörder vor sich sitzen. Einen Jugendlichen von 14 Jahren, er hatte seine Schwester umgebracht. Der Jugendliche begründete seine Tat mit einem religiösen Hintergrund. Durmosch redete mit ihm als Seelsorger im Gefängnis, eineinhalb Jahre lang. Als der Jugendliche aus der Haft kam, schickte er ihm einen langen Brief, als Entschuldigung für seine Tat. „Der Brief hat mich berührt“, sagt Durmosch. „Für die Tote aber war es zu spät.“

Heute arbeitet Durmosch, Muslim, für das Projekt Maxime des Violence Prevention Network. Der Verein setzt sich deutschlandweit präventiv gegen Islamismus unter Jugendlichen ein: angefangen vom religiösen Mobbing bis hin zu Rekrutierung von IS-Kämpfern. Die Trainer kommen in die Schulen, spüren Verdächtige auf. Jetzt stehen Teile des Programms in Berlin vor dem finanziellen Aus. Ab Januar muss der Verein das Projekt Maxime komplett einstellen. Für den Rest des Berliner Programms ist die Finanzierung ab März 2017 ungewiss.

Salafisten in Berlin so aktiv wie nie zuvor

Das Violence Prevention Network ist eine der größten Initiativen zum Kampf gegen Radikalisierung in Berlin. Einen Teil der Projekte bezahlt der Verein über Zuschüsse des Landes. Auf Anfrage bei der Innenverwaltung gingen im Jahr 2016 etwa 450.000 Euro an das Violence Prevention Network, insgesamt betrug das Budget für Radikalisierungsprävention 760.000 Euro. Das Projekt Maxime finanzierte sich 2014 bis 2016 hauptsächlich durch Zuschüsse der Stiftung Deutsche Klassenlotterie mit 500.000 Euro pro Jahr. Dazu kamen Mittel vom Evangelischen Kirchenkreis Berlin Stadtmitte.

Zum Jahresende laufen die finanziellen Zuschüsse der Klassenlotterie aus. Ab sofort Januar steht damit weniger als die Hälfte der jährlichen Mittel zur Verfügung. Von März 2017 anist auch die Förderung durch das Land unklar. „Einen Teil unseres Angebots müssen wir ab Januar aus dem Programm streichen“, sagte Leiter Thomas Mücke.

Fußballer wirbt für Salafisten

Betroffen sind vor allem Projekte zur Prävention von Islamismus an Schulen. Darunter etwa Fortbildungen für Lehrkräfte zum Umgang mit islamistisch gefährdeten Jugendlichen. Auch Nahost-Workshops für Schulklassen werden aus dem Programm gestrichen. Die Kurse sollten Jugendliche über den Konflikt aufklären. Derzeit arbeiten 13 Trainer für das Projekt Maxime. „Für 2017 hab ich schon Dutzende Anfragen von Schulen für Workshops erhalten“, sagt Mücke. „Viele muss ich vertrösten.“ Er wünscht sich mehr Unterstützung vom Land Berlin.

Auf Anfrage beim Berliner Verfassungsschutz sagte Sprecherin Isabelle Kalbitzer, dass eine „zunehmende Attraktivität insbesondere des salafistischen Islamismus unter jungen Menschen“ zu beobachten sei. 740 Personen ab 14 Jahren seien im Bereich Salafismus erfasst. Um dagegen anzukämpfen habe die Senatsverwaltung für Inneres 2015 aber ein Deradikalisierungsnetzwerk gegründet.

Über ein Hinweistelefon können Verdachtsfälle anonym beim Verfassungsschutz gemeldet werden. Experten zufolge tut Berlin trotzdem zu wenig. „Berlin hat verschlafen“, sagt Islamismus-Experte Ahmad Mansour. Er ist Programmdirektor der European Foundation for Democracy und arbeitet unter anderem für Hayat, eine Berliner Beratungsstelle für Deradikalisierung. „In der Hauptstadt gibt es eine sehr aktive Szene, die missioniert und auf Jugendfang geht.“

Die Innenverwaltung hält sich zu Finanzierungsplänen bedeckt. Für das Jahr 2017 sind im Rahmen des Landesprogamms Radikalisierungsprävention insgesamt 860.000 Euro vorgesehen. Generell werde die Fortführung der Projektförderung angestrebt, heißt es. Gesichert seien aber auch die bisherigen Zuschüsse für das Violence Prevention Network nicht. Eine zusätzliche Förderung von Maxime sei wenig wahrscheinlich, so ein Sprecher der Innenverwaltung des Senats. Das gebe das aktuelle Budget nicht her. Seite 2

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