Breitscheidplatz

Nach Anschlag: Tunesier kommt wieder frei

Der als möglicher Komplize von Anis Amri festgenommene Tunesier wird wieder freigelassen. Automatisches Bremssystem stoppte Lkw.

Möglicher Komplize Amris wieder auf freiem Fuß

Die Sprecherin des Generalbundesanwalts teilt mit: "Der gestern vorläufig festgenommene 40-jährige tunesische Staatsangehörige ist wieder auf freiem Fuß. Er war gestern festgenommen worden, weil der Verdacht bestand, dass Anis Amri ihm zeitnah vor...

Beschreibung anzeigen

Der als möglicher Komplize des mutmaßlichen Weihnachtsmarkt-Attentäters von Berlin festgenommene Tunesier kommt wieder frei. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe teilte am Donnerstag mit, sie habe keinen Haftbefehl gegen den 40-Jährigen beantragt.

"Die weiteren Ermittlungen haben (...) ergeben, dass es sich bei dem vorläufig Festgenommenen nicht um die mögliche Kontaktperson von Anis Amri handelt", sagte eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft unter Verweis auf den mutmaßlichen Attentäter Amri. "Er war daher aus der Haft wieder zu entlassen."

Beamte des Bundeskriminalamtes hatten die Wohn- und Geschäftsräume des Verdächtigen in Berlin durchsucht. Auf seine Spur waren sie gekommen, weil Amri in seinem Handy die Rufnummer des Landsmannes gespeichert hatte. Amri wurde in der vorigen Woche in Italien bei einem Schusswechsel mit der Polizei getötet. Die Bundesanwaltschaft geht der Sprecherin zufolge davon aus, dass er über die Niederlande und Frankreich nach Italien gelangte.

Alle News zum Anschlag am Berliner Breitscheidplatz

Das Video, in dem der 24-jährige Anis Amri sich zur Terrormiliz IS bekennt, ist nach Angaben der Bundesanwaltschaft authentisch. Anis Anmri sei den Ermittlungen zufolge darin zu sehen. Das IS-Sprachrohr Amak hatte vier Tage nach dem Anschlag vom 19. Dezember ein Video veröffentlicht. In der knapp dreiminütigen Aufnahme schwört Amri dem Anführer der IS-Miliz, Abu Bakr al-Bagdadi, die Treue. Er richtet sich dabei an die „Kreuzzügler“: „Wir kommen zu Euch, um Euch zu schlachten, Ihr Schweine.“ Es werde Rache für das Blut von Muslimen geben, das vergossen wurde. Dabei steht Amri offensichtlich auf einer Brücke. Hinter ihm ist ein Gewässer zu sehen. Die Aufnahme könnte in Deutschland aufgenommen sein.

Die Bundesanwaltschaft bestätigte zudem Berichte, dass der Lkw durch ein automatisches Bremssystem gestoppt wurde. Er sei dadurch nach etwa 70 bis 80 Metern zum Stehen gekommen, wodurch „noch schlimmere Folgen“ ausgeblieben seien, sagte die Sprecherin

Der 24-jährige Amri war den Ermittlungen zufolge am 19. Dezember mit einem Lastwagen in den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche in Berlin gefahren. Zwölf Menschen starben, 55 wurden verletzt. Auf seiner Flucht wurde Amri in Mailand von Polizisten erschossen.

Todeszeitpunkt des polnischen Fahrers noch unklar

Das Kaliber der Waffe, mit dem Amri dort auf zwei italienische Polizisten geschossen hatte, ist laut Bundesanwaltschaft dasselbe, das im Anschlags-Laster verwendet wurde. Ob das Projektil im Lkw aus derselben Waffe stamme, müsse aber noch in Zusammenarbeit mit den italienischen Behörden genauer ballistisch untersucht werden, sagte die Sprecherin.

Der Todeszeitpunkt des polnischen Fahrers, mit dessen Lkw der Anschlag verübt und der auf dem Beifahrersitz gefunden wurde, konnte laut Bundesanwaltschaft noch nicht genau festgestellt werden. Nach dem vorläufigen Obduktionsbericht bestehe eine zeitliche Nähe zum Anschlag. Messerstiche seien nicht festgestellt worden. Die genaue Klärung des Todeszeitpunkts erfolge mit dem abschließenden Obduktionsbericht Mitte Januar.

Amri suchte im Netz Anleitungen für Rohrbomben

Amri war offenbar im Fokus der Ermittlungsbehörden. Nach Informationen von "Süddeutscher Zeitung" (Donnerstag), NDR und WDR wurde im Gemeinsamen Terrorismus-Abwehrzentrum (GTAZ) in Berlin zwischen Februar und November 2016 mindestens sieben Mal über Amri gesprochen. Behördenunterlagen, die nur fünf Tage vor der Tat entstanden, würden seinen Werdegang in Deutschland beschreiben.

Demnach suchte Amri im Internet Anleitungen für den Bau von Rohrbomben. Zudem suchte er im Februar offenbar Kontakt zur Terrormiliz Islamischer Staat und soll sich als Selbstmordattentäter angeboten haben. Mindestens zwei Mal wurde dem Bericht zufolge im GTAZ die Frage diskutiert, ob Amri einen konkreten Anschlag in Deutschland plane. Beide Male wurde dies demnach als unwahrscheinlich eingestuft.

Weiter heißt es in dem Medienbericht unter Berufung auf Ermittlerkreise, dass ein automatisches Bremssystem des Fahrzeugs Schlimmeres verhindert habe. Die Zugmaschine sei mit der Technik ausgerüstet gewesen, die auf einen Aufprall reagiert und von selbst die Bremsen betätigt. Das Recherchenetzwerk und "Spiegel Online" berichteten zudem, Amri habe nur wenige Minuten vor der Tat noch Sprachnachrichten und Fotos verschickt.

Kritik an Kommunikationspolitik der Behörden

Der DJV kritisierte die Ermittlungsbehörden. Der Vorsitzende Frank Überall sagte der dpa: "Ich habe prinzipiell Verständnis dafür, dass Ermittler in Ruhe ihre Arbeit machen und ihre Nachforschungen nicht durch allzu umfassende Veröffentlichung von Detailinformationen gefährden wollen." Dagegen stehe aber das Recht der Öffentlichkeit auf verlässliche Fakten.

Derweil beantragte die Opposition im Düsseldorfer Landtag eine Sondersitzung des Innenausschusses des Parlaments gleich zu Beginn des neuen Jahres. Das Schreiben der Fraktionen von CDU, FDP und Piraten an Landtagspräsidentin Carina Gödecke (SPD) liegt der Deutschen-Presse Agentur vor. Nordrhein-Westfalen war einer Hauptaufenthaltsorte Amris.