Internet der Dinge

So smart ist Mode aus Berlin

Fashion Fusion Lab. Initiatorin Lisa Lang

Fashion Fusion Lab. Initiatorin Lisa Lang

Foto: Amin Akhtar

Berlin.  Fotografieren geht nicht. Alles geheim. Die Kreation der Niederländerin Maartje Dijkstra soll erst zur Berlin Fashion Week der Öffentlichkeit vorgestellt werden: Das schwarze Kleid stammt aus dem 3-D-Drucker. Es ist eigentlich ein Netz aus filigranen Kunststoffstegen, in dem kleine Flugdrohnen nisten. Sie sollen zum Klang eines Musikstücks das Model auf dem Catwalk umschwirren und nach der Performance in ihre Behausung zurückfliegen.

Die Deutsche Telekom macht diese Kreation möglich. Denn der Konzern macht neuerdings auch in Mode: Unter dem Dach des früheren Telegrafenamtes an der Winterfeldtstraße in Schöneberg, das sich mittlerweile „Telekom Innovation Laboratories“ nennt, rattern Nähmaschinen, dampfen Lötkolben und surren 3-D-Drucker. Mehr als 30 junge Menschen, darunter Maartje Dijkstra und ihr Kollege Beorn Lebenstedt, arbeiten in zwölf Teams an der Mode der Zukunft – an Accessoires mit Internetverbindung, an Modestücken mit digitalen Funktionen und an vernetzten Dienstleistungen. Das Projekt ist auf drei Monate angelegt.

Aber was hat die Telekom mit Mode zu tun, fragt sich der Besucher. „Wir verstehen uns als Möglichmacher“, begründet Antje Hundhausen, bei der Deutschen Telekom Leiterin der Abteilung „3D Brand Experience“, das ungewöhnliche Engagement. Ohne die Telekom als Netz- und Cloudanbieter wäre „Fashion Fusion“, was mit „vernetzte Mode“ übersetzt werden könne, nicht möglich. „Wir entwickeln neue Produkte und Dienstleistungen – für die Modeindus­trie und die Technologiebranche.“ Das Interesse daran sei riesengroß. „Designer wollen nicht mehr nur analog unterwegs sein“, berichtet Hundhausen. Das Sport-Label Adidas sei Partner des Projekts. „Was heute das Smartphone ist, wird in Zukunft smarte, also vernetzte Kleidung sein.“

Internet der Dinge macht Jacken und Taschen intelligent

An dieser Vision arbeitet auch Lisa Lang. Sie ist Kuratorin des Projekts und im Hauptberuf Gründerin und Geschäftsführerin des Berliner Unternehmens Elektrocouture. Sie sieht sich als Übersetzerin zwischen den Welten, als „Erklärbär der Industrie“, wie sie sagt. Bei ihr rufen Technologieunternehmen ebenso an wie Modelabel – alle auf der Suche nach Innovation und getrieben von der Sorge, den Zug der Zeit zu verpassen. „Wir bringen zwei Industrien zusammen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben – Mode und Technologie. Aber sie haben sehr große Gemeinsamkeiten, denn Designer und Ingenieure sind beide Problemlöser“, sagt Lisa Lang. „Heute tragen wir nur dumme Kleidung“, sagt sie. „Das Internet der Dinge macht unsere Kleidung intelligent.“ In einem 600 Qua­dratmeter großen Studio am Tempelhofer Ufer laufen alle Fäden der Langschen Holding zusammen – von der Industrieberatung über Design und Manufaktur bis zur Integration von Technologien in Accessoires und Kleidungsstücke. „Wir leben im Zeitalter des interdisziplinären Arbeitens“, beschreibt sie ihren Job. „Bei Fashion Fusion geht es darum, Dinge neu zu verzahnen.“

Nicht so abgefahren wie das Drohnenkleid aus dem 3-D-Drucker, dafür aber alltagstauglicher ist die Erfindung von Julia Schröder und Theresia Uhrlau. Die beiden Hamburgerinnen haben eine wasserfeste Regenhülle für einen Rucksack entworfen, die gleichzeitig Energiequelle ist. Aufgeklebte flexible Solarzellen liefern Strom. „Damit lässt sich ein Smartphone innerhalb von vier Stunden aufladen“, sagt Julia Schröder.

Die beiden Berliner Heike Sigloch und Fabian Romanowski haben eine leuchtende Sicherheitsweste für Radfahrer entwickelt sowie eine ebenfalls leuchtende Hülle für das Fahrradschloss, die ein Fahrer sich wie eine Schärpe umhängen kann. „In herkömmlichen Westen sehen Radfahrer aus wie Müllmänner. Bislang gibt es keine schönen Accessoires“, sagt Romanowski, während seine Teamkollegin für den Fotografen die dekorative Weste anzieht, auf deren Vorder- und Rückseite mehrere LEDs leuchten. Die Weste ist zudem per Bluetooth mit einer App verknüpft, welche die zurückgelegten Strecken misst. Auf der Internetplattform Urban Bike Club können sich Radfahrer dann untereinander messen. „Wir wollen unser Produkt 2017 auf den Markt bringen“, sagt Heike Sigloch.

Textilien aus Meeresalgen spenden der Haut Feuchtigkeit

Mauricio Piper und Matthias Lambertz haben dagegen ein Produkt entwickelt, das nicht direkt ins Auge fällt. Sie entwickeln ein Armband für Edeluhren, das die Funktionen einer Internet-Armbanduhr hat. So müssen internetaffine Rolex-Fans nicht auf die Funktionen einer Smartwatch wie zum Beispiel einen Schrittzähler verzichten.

Produktreife hat dagegen die Kollektion von Pyrates. Das Schweizer Start-up arbeitet unter dem Dach der Telekom an Sportkleidung mit Fasern aus intelligenten Stoffen, die den Körper und die Haut schützen: Fasern mit integriertem UV-Filter, feuchtigkeitsspendende Textilien aus Meeresalgen und solche, die Infrarotstrahlen abgeben und damit die Blutzirkulation verbessern.

Berlin ist für Lisa Lang der Fashion- und Technologie-Standort der Wahl. „Die Stadt hat den Vorteil, dass die Elfenbeintürme nicht so hoch sind wie in Mailand oder Paris. Es ist unkomplizierter, Designer und Techies zusammenzubringen.“ Alles, was sie für Innovation brauche, finde sie in der internationalen Metropole. „Berlin ist eine Marke geworden – mit den Attributen durchgeknallt und produktiv.“

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