Terror in Berlin

Auch Berliner Flüchtlinge trauern um die Opfer

Viele Flüchtlinge fühlen sich nach dem Anschlag in Berlin erinnert an Gewalt in ihren Heimatländern. Und einige haben Angst vor Hass.

Kerzen für die Opfer: Erfan (9, l.) und andere Flüchtlinge aus Afghanistan

Kerzen für die Opfer: Erfan (9, l.) und andere Flüchtlinge aus Afghanistan

Foto: Amin Akhtar

Noch am Abend vor dem Anschlag lief Jamshid mit seinen vier Kindern über den Weihnachtsmarkt. Jamshid ist Flüchtling aus Afghanistan. Muslim. Seine Kinder mögen Weihnachtsmärkte gern. Am folgenden Abend riefen seine Verwandten an. Flüchtlinge, die in Belgien und Österreich leben: Geht es dir gut? In Kabul fuhr Jamshid 2014 einmal mit dem Auto, als wenige Meter von ihm entfernt eine Bombe hochging. „So etwas Schlimmes wollte ich nicht auch in Deutschland erleben“, sagt er. „Ich fühle mit den Menschen hier.“ Jamshid wohnt im Flüchtlingsheim im ehemaligen Hotel President. Das Heim liegt nur wenige hundert Meter vom Breitscheidplatz entfernt. Jamshid hörte an dem Abend immer wieder Sirenen von Polizei und Krankenwagen. „Da wollte ich lieber nicht auf die Straße gehen“, sagt er.

Es ist der Nachmittag nach dem Anschlag. Ein angespannter Nachmittag auch im Flüchtlingsheim: Weihnachtsfeier ist hier, seit Wochen geplant. Vor der „Reception“ am Eingang steht ein Tannenbaum, geschmückt mit gefalteten Sternen aus Papier. Vom oberen Stockwerk klingt Musik. Im Versammlungszimmer tanzt eine Helferin mit roter Zipfelmütze. Um sie springt ein gutes Dutzend Kinder. Doch die Stimmung unter den Eltern ist gedrückt. Vor der Feier legten die Bewohner eine Schweigeminute ein. „Angst, genau das soll erzeugt werden“, sagt Friedrich Kiesinger, Leiter des Heims in einer Ansprache. „Weihnachten aber ist ein Symbol für Leben. Wir feiern trotzdem.“

Viele Flüchtlinge fühlen sich erinnert an Gewalt in ihren Heimatländern. Und einige haben auch Angst vor Hass. „Schon jetzt sagen manche Menschen zu mir ,verpiss dich’“, sagt Milad (17), aus Afghanistan. Im September 2015 kam er in die Notunterkunft Rathaus Wilmersdorf. Er hat Angst, dass der Verdacht sich bestätigt und ein Flüchtling den Lkw fuhr. „Vielleicht denken die Menschen jetzt, ich bin auch so“, sagt er.

„Plötzlich hatte ich das Gefühl, ich muss mich entschuldigen“

Im Rathaus Wilmersdorf laufen an diesem Nachmittag nur wenige Bewohner über die Gänge. Viele Erwachsene besuchen gerade Deutschkurse. Eigentlich ist alles wie immer. Und doch fühlte sich die Ruhe für Milad anders an. In seiner Schulklasse gibt es einige Schüler, die in der Gruppe Arabisch sprechen. Auch Mädchen mit Kopftuch. „Es war, als ob uns die Leute an diesem Tag in der S-Bahn noch etwas seltsamer ansehen als sonst“, sagt er. Aus Afghanistan kam Milad ohne Eltern. Inzwischen hat eine Berlinerin für ihn als Minderjährigen die Vormundschaft übernommen. „Mutti“ nennt er sie. Sein Deutsch ist fließend. In Berlin hat er Freunde gefunden. Heute hilft er als Freiwilliger. „Als aber Leute sagten, dass das vielleicht ein Flüchtling war, da hatte ich plötzlich das Gefühl, ich müsste mich entschuldigen“, sagt er.

Rund 1200 Flüchtlinge sind im Flüchtlingsheim Rathaus Wilmersdorf untergebracht. Die Nervosität unter den Bewohnern ist groß. „Wenn der Täter ein Flüchtling war, dann könnte auch der Hass gegen andere Flüchtlinge steigen“, sagt Holger Michel, Koordinator für die Freiwilligenarbeit im Heim.

Donnerstag Abend, zwei Tage später. In der Eingangshalle im früheren Hotel President sammeln sich zwei Dutzend Flüchtlinge. Gemeinsam gehen sie zum Breitscheidplatz, um ihr Mitgefühl zu zeigen. An der Unglücksstelle legen sie Blumen auf den Boden. Manche von ihnen schon zum dritten Mal. In mehreren Reihen stehen sie im Kreis. „Was ist da los“, fragt eine Passantin. Eine andere sagt: „Kopftuch.“ Auf den Gesichtern der Flüchtlinge spiegelt sich das Licht der Kerzen. Sie schweigen. Für einen Moment ist es eine stille Nacht.

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