Berlin

Suche Mitfluggelegenheit von Berlin nach Leipzig

Hobbypiloten bieten auf Mitflugbörsen im Internet freie Plätze in ihren Maschinen an. Ein Test.

Martin Nejezchleba und Pilot Eberhardt Gross am Flugplatz Werneuchen

Martin Nejezchleba und Pilot Eberhardt Gross am Flugplatz Werneuchen

Foto: Maurizio Gambarini

Es gibt Sätze, die hätte ich von Eberhard lieber nicht gehört. Schon gar nicht im Landeanflug. Die Nachmittagsonne bricht durch die Wolkendecke. Da, wo gerade noch eine Spielzeuglandschaft mit Kirchtürmen, satt-grünen Hügeln, Landstraßen und Lastwagen unter mir hinwegzog, ist jetzt gleißendes Licht. „Ach du grüne Neune“, sagt Eberhard. Er kneift die Augen zusammen, schiebt die Hand vor die Stirn. Da ist nur noch das Dröhnen des Propellers, die Schmierer auf der Windschutzscheibe und dieses abendrote Nichts. Sichtflug. Kein Autopilot. Nur ein paar Messgeräte und die Augen des Piloten. In zwei Minuten sollen wir landen. Und Eberhard fliegt blind.

Morgenpost-Reporter fliegt bei einer Mitfluggelegenheit mit
Morgenpost-Reporter fliegt bei einer Mitfluggelegenheit mit

Ich kenne Eberhard aus dem Internet, von Flyt.club. Wie bei klassischen Mitfahrgelegenheiten bieten dort Menschen Reisen von A nach B an. Nur nehmen sie Mitfahrer nicht im Auto mit, sondern im Flugzeug. Eberhard fliegt von Berlin nach Leipzig. Ich will mit. 55 Euro soll es kosten.

Im Angebot sind Flüge an die Ostsee oder nach Hamburg

Eigentlich wollte ich schon vor einer Woche fliegen. Auf den Seiten der Mitfluggelegenheit habe ich Eberhards Angebot gefunden. Neben Flügen von Berlin an die Ostsee, nach Hamburg oder Augsburg. Wir telefonieren. Eberhard ist 68 Jahre alt, Rentner, fliegt seit seinem 15. Lebensjahr und war Pilot bei der „Interfluch“. Eberhard kommt aus der Nähe von Leipzig. Interwas? „Interflug, die DDR-Fluglinie.“ Zwei Millionen Flugkilometer. Das beruhigt, denke ich.

Auch, dass er mit seinem Ultraleichtflieger, Typ Comco Ikarus C-42 B, nur dann fliegt, wenn das Wetter gut ist. Sichtflug eben. Nächste Woche dann. Vielleicht Mittwoch, vielleicht Donnerstag. Mitflieger müssen flexibel sein.

Zeit, um mehr über Flyt.club herauszufinden. Marcus Loffhagen hat die Mitflugzentrale mit zwei Freunden gegründet. Vor rund einem Jahr ging sie online. Seit 2014 erlaubt es eine EU-Verordnung Privatpiloten, Mitflieger an Bord zu nehmen. Aber die Einnahmen dürfen nur einen Teil der Flugkosten decken. Mehrere Start-Ups für Mitfluggelegenheiten gibt es. Sie heißen Coavmi, Wingly, Skyuber oder eben Flyt.club. „Früher haben sich die Flieger in irgendwelchen versteckten Foren verabredet“, sagt Mitgründer Loffhagen. 1000 Mietflieger hätten sie schon vermittelt können. „Wir wollen das Privatfliegen der breiten Öffentlichkeit zugänglich machen“. Toll, denke ich – und erzähle fortan ständig und allen von meiner Mitfluggelegenheit. Super, oder? Dann erzählt mir jemand von einer Freundin, die mit einem Privatflieger abgestürzt ist.

"Kleine Maschinen stürzen öfter ab"

Ich rufe Siegfried Niedek an. Er ist Präsident der Berliner Luftfahrt-Akademie und Flugsicherheitsexperte. Und auch er sagt einen Satz, den ich nicht hören wollte: „Kleine Maschinen stürzen öfter ab als Passagierflugzeuge.“ Er verweist auf die Statistik der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung. Da steht: 2015 gab es in Deutschland null Flugzeugunfälle mit tödlich Verletzten. Das gilt für Maschinen über 5,7 Tonnen. Bei Flugzeugen unter zwei Tonnen waren es elf. Tote: 16. Hm, denke ich. Trotzdem, Flugsicherheitsexperte Niedek hält Mitfluggelegenheiten für unbedenklich. Schließlich würden in Deutschland Flugzeuge und Piloten ständig geprüft. Niedek rät: „Unterhalten Sie sich mit dem Piloten.“ Man solle einen Eindruck von seiner fliegerischen Vergangenheit gewinnen. Entscheidend, so Niedek, sind die Flugstunden. „Wenn jemand nur 150 Stunden geflogen ist, würde ich nicht einsteigen.“ Eberhard hat 3500 Flugstunden. Puh, denke ich.

12 Uhr, S-Bahnhof Birkenstein. Eberhard holt mich mit seinem Wohnwagen ab. Fester Händedruck, geschmeidiger Fahrstil. Kurz darauf ist klar: Eberhard ist Flieger von der Ballonmütze bis zu den polierten Lederschuhen. Der Vater flog im Krieg. Der Sohn baut Flugzeuge für Airbus. Eberhard selber war jüngster Berufspilot im früheren Ostblock.

Eberhard schiebt ein paar Propellermaschinen zur Seite

Während der 30-minütigen Fahrt zum Flugplatz Werneuchen referiert Eberhard zur Zerschlagung der Interflug, der Konkurrenzsituation auf dem internationalen Flugmarkt, Sicherheitsregularien für Privatpiloten und zur Geschichte des Ultraleichtflugs. Wow, denke ich.

Der Flugplatz Werneuchen sieht aus, als hätte die Rote Armee vor dem Abzug 1991 ein paar Bomben aus den stationierten Tupolews abgeworfen. Schutthalden, bröckelnde Baracken. Eberhard öffnet ein gewaltiges, mit Tarnfarbe lackiertes Hangartor und schiebt ein paar Propellermaschinen zur Seite. Dann steht sie da, meine Mitfluggelegenheit. Vorheizen, Geräte und Schrauben checken. Im Notfall könne er im Cockpit einen Hebel ziehen. „Dann schießt eine Rakete aus dem Rumpf und wir baumeln an einem Fallschirm auf die Erde zurück.“ Wieder so ein Satz, den ich nicht hören wollte.

14.05 Uhr. Wir heben ab. Ich jauchze. Euphorisch. So fühlt sich also Fliegen an. Also nicht in einer brummenden Kapsel rotweintrinkend drei Stunden auf die Landung warten. Fliegen. Es ruckelt, es drückt mich in den Sitz, es dröhnt und wackelt. Und wenn ich meinen Kopf nach rechts unten drehe, ist der Blick frei. Die Tragflächen sind über uns. Unter uns liegt ein grünes Wattebäuschchenmeer aus brandenburgischen Kiefernwäldern, Seen glitzern, Lastwagen drehen schleifen auf Autobahnkreuzen. Zwischen mir und der Miniaturlandschaft nur eine Plexiglasscheibe und 500 Meter freier Fall.

Mein Magen scheint in meinem Bauch zu schweben

Eberhard scheint meine Ehrfurcht mit Langeweile zu verwechseln. Er zieht jetzt den Steuerknüppel an sich heran, dann drückt er ihn nach vorne. Meinen Magen staucht es abwechselnd in mein Becken, dann scheint er in meinem Bauch zu schweben. Ich jauchze wieder. Unter uns mäandert die Elbe, durch die Wolken dringen einzelne, goldene Sonnenstrahlen. Wir zücken beide die Handykameras. Dann steht die Sonne plötzlich zu tief, nimmt uns die Sicht. Und jetzt?, denke ich. Eberhard dreht eine Schleife und setzt mit der Sonne im Rücken zur Landung an. „Siehst du den Flugplatz?“ Ich sehe eine Wiese. Aber halt, da ist ein hellerer Streifen, daneben eine Windhose. Die Landung ist dann überraschend sanft.

Eberhard setzt mich am Hangar ab. Pinkelpause. Dann hebt er wieder ab. Ich stehe im Dunst, auf einem Feld, bei Taucha bei Leipzig. Es ist 15.17 Uhr. Einen halbstündigen Marsch entlang der Landstraße und zwei Tarifzonen in der Straßenbahn später, stehe ich im Zentrum von Leipzig. Es ist 15.58 Uhr. Fast sechs Stunden nachdem ich Eberhard getroffen habe. Schon klar, warum die meisten Leute auf Flyt.club Rundflüge buchen. Reisekomfort sieht anders aus.

Zurück nehme ich den Zug. Ich zwänge mich durch den Gang, im fünften Waggon finde ich einen Sitzplatz. Die Frau neben mir beschwert sich, ihr sei kalt. Wir gleiten durch die schwarze Nacht. Ich hole den Laptop hervor, fange an zu arbeiten. Ach Eberhard, denke ich.