Siemensstadt in Spandau

So schlimm ist die Arbeit des Facebook-Löschteams in Berlin

Sie sind die digitale Müllabfuhr: Facebooks deutsches Löschteam sitzt in Berlin. Die Mitarbeiter müssen sich grausame Bilder ansehen.

 Facebook macht ein großes Geheimnis um die Arbeit seiner Löschteams – ein Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ gibt nun detaillierte Einblicke

Facebook macht ein großes Geheimnis um die Arbeit seiner Löschteams – ein Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ gibt nun detaillierte Einblicke

Foto: dpa

Facebook macht ein großes Geheimnis um die Arbeit seiner Löschteams – ein Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ gibt nun detaillierte Einblicke:

Das Lösch-Team sitzt in Spandau

Demnach sind in einem Bürobau in der Berliner Siemensstadt in Spandau etwa 600 Mitarbeiter täglich damit beschäftigt, Hasskommentare, Kinderpornografie und Bilder von Folter zu sichten. Die Menschen sind Angestellte der Bertelsmann-Firma Arvanto, die im Auftrag von Facebook unerwünschte Inhalte löschen sollen.

Wie in dem Bericht zu lesen ist, arbeiten am Standort Berlin mehrere Teams, die in unterschiedliche Sprachen aufgeteilt sind. So gibt es in der Siemensstadt unter anderem Lösch-Teams für die Sprachen Arabisch, Türkisch, Italienisch, Französisch und Schwedisch.

Geflüchtete im Facebook-Lösch-Team

Besonders pikant ist, dass der SZ zufolge in dem arabischen Team viele Geflüchtete arbeiten. Gerade erst dem Krieg in Syrien entronnen, besteht ihre Aufgabe nun darin, Propaganda-Material zu sichten und sich Bilder anzusehen, vor denen sie zu entkommen hofften.

Doch nicht nur das Sichten von Propaganda-Material nagt an der Psyche der Mitarbeiter. Viele klagen über schwere psychische Probleme, die durch das Sichten von oftmals schockierenden Inhalten wie Folter, Mord, Sodomie oder Kindesmissbrauch hervorgerufen werden. Mit ihren Problemen werden die Mitarbeiter offenbar alleine gelassen.

Generell, so berichtet die SZ, seien die Arbeitsbedingungen alles andere als lobenswert. So liege das Gehalt nur knapp über dem gesetzlichen Mindestlohn. Zudem klagen die Mitarbeiter über ein undurchsichtiges Regelwerk, nach welchem sie sich richten müssen.

„Die Regeln waren kaum zu verstehen. Ich habe meinem Teamleiter gesagt: Das gibt's doch nicht, das Bild ist total blutig und brutal, das sollte kein Mensch sehen müssen. Aber er meinte nur: Das ist deine Meinung. Aber du musst versuchen, so zu denken, wie Facebook es will. Wir sollten denken wie Maschinen", zitiert die SZ einen ehemaligen Mitarbeiter.

„firmenintern definierte Form der Meinungsfreiheit“

Selbst auf Druck des Bundesjustizministers wurden die Lösch-Regeln von Facebook nicht öffentlich gemacht. Große Teile des Regelwerks liegen dem Magazin nun vor. Die Autoren beschreiben die Regeln wie folgt: „Es ist eine Art firmenintern definierte Form der Meinungsfreiheit, in dem der Konzern genau vorschreibt, was zensiert wird und was zirkulieren darf.“

In den Regeln sind dem Bericht zufolge Hunderte Beispiele und Details aufgeführt, die zum Teil absurd anmuten. Migranten dürfen demnach allgemein als „dreckige Diebe“ bezeichnet werden. Zu löschen ist ein Beitrag erst, wenn Migranten als Terroristen, Mörder oder Sexualstraftäter bezeichnet werden. Gelöscht werden müssen laut „SZ“ auch Sätze, die Migranten mit Dreck oder Ungeziefer vergleichen. Aber auch das gilt nur, wenn dieser Vergleich als Substantiv erfolgt („Migranten sind Dreck“). Im November hatte bereits die Seite „Mobile Geeks“ in einem ausführlichen Text über den Meldeprozess aus den 48 Seiten langen Regeln zitiert.

Acht Sekunden für eine Lösch-Entscheidung

Trotz der Undurchschaubarkeit der Regeln haben die Mitarbeiter nur eine aberwitzig kurze Zeitspanne, um zu entscheiden, ob ein Beitrag gelöscht werden muss. Mitarbeiter auf den unteren Hierarchiestufen müssen pro Schicht etwa 2.000 Beiträge prüfen. Höhere Hierarchiestufen haben nur etwa acht Sekunden, um zu entscheiden, ob ein Beitrag gelöscht werden soll oder nicht.

Justizminister Heiko Maas (SPD) hatte am Donnerstag eingestanden, dass die von ihm initiierte "Task Force" zum Löschen von Hass-Inhalten wenig erreicht hat. "Das ist nicht das, was wir uns vorgestellt haben", sagte Maas. Laut einem im September veröffentlichten Bericht, den die Task Force in Auftrag gegeben hatte, löschte Facebook nur 46 Prozent der gemeldeten strafbaren Inhalte.

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