Staatssekretär

Andrej Holm räumt falsche Angaben zu Stasi-Tätigkeit ein

Der Staatssekretär hat Widersprüche in seiner Biographie zugegeben. Wissentlich will er aber keine falschen Angaben gemacht haben.

Andrej Holm

Andrej Holm

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert / dpa

Der Druck auf den wegen seiner Stasi-Tätigkeit in die Kritik geratenen Staatssekretär Andrej Holm wächst. Am Mittwochmorgen hatte der 46 Jahre alte Stadtsoziologe noch scheinbar gelassen auf die Überprüfung durch die Stasi-Unterlagenbehörde reagiert, bei einer am Nachmittag kurzfristig einberufenen Pressekonferenz räumte er jedoch Widersprüche in seinen früheren Angaben ein. Holm wies aber Vorwürfe zurück, er habe wissentlich falsche Angaben gemacht.

Im Kern geht es um die Angaben Holms zu seiner Vergangenheit, die er bei seiner Anstellung an der Humboldt-Universität im Jahr 2005 gemacht hat. Damals verneinte er die Fragen, ob er für die Stasi tätig gewesen sei und auch, ob er Geld von der Stasi bekommen habe. Aus heutiger Sicht sind die Angaben falsch. Den bisher vorliegenden Unterlagen zufolge führte ihn die Stasi von Beginn an als Offiziersschüler und entlohnte ihn auch dafür.

Holm schildert die damaligen Ereignisse anders. Demnach sei sein damaliger Plan gewesen, zunächst einen Grundwehrdienst beim Stasi-Wachregiment „Feliks Dzierzynski“ abzuleisten, dann ein Studium der Journalistik in Leipzig aufzunehmen und erst danach als Hauptamtlicher Mitarbeiter bei der Stasi anzufangen. Deshalb habe er die Fragen zu seiner Stasi-Mitarbeiterschaft bislang verneint, sagte Holm am Mittwoch. Das damals erhaltene Geld habe er als Sold für den Wehrdienst angesehen. Bei künftigen Fragen zu seiner Vergangenheit werde er die Angaben ändern und habe das auch schon bei der Humboldt-Universität und dem Senat getan, sagte er.

46-Jähriger distanziert sich von Stasi-Tätigkeit

„Das Erinnerungsvermögen hat seine Tücken“, sagte Holm. So habe er bislang geglaubt, sich mit 16 Jahren für die Stasi verpflichtet zu haben. Den Akten zufolge geschah dies bereits mit 14. Holm distanzierte sich am Mittwoch erneut von seiner Stasi-Vergangenheit. „Ich war fünfeinhalb Monate Teil des Repressionsapparates“, sagte Holm, der von 1. September 1989 bis 14. Februar 1990 für die Stasi arbeitete. Das müsse er sich „mit aller Scham“ eingestehen. Er könne gut verstehen, dass diejenigen, die unter dem DDR-Regime gelitten haben, Schwierigkeiten mit seiner Ernennung hätten. „Man kann die eigene Geschichte aber nicht auslöschen, man kann sich nur damit auseinandersetzen.“

Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) verteidigte am Mittwoch erneut die Ernennung Holms zum Staatssekretär. „Es gab von Anfang an Transparenz und Offenheit“, sagte Lompscher. „Er konnte glaubhaft machen, dass er niemandem geschadet hat und keine Berichte geschrieben hat.“

Nach seinen Angaben leistete er sechs Wochen lang einen Grundwehrdienst beim Stasi-Wachregiment ab. Danach wechselte er in die Stasi-Bezirksverwaltung nach Lichtenberg. Dort war er in der „Auswertungs- und Kontrollgruppe“ tätig und damit beauftragt, Betriebsberichte zu lesen. Eigene Berichte habe er zu keinem Zeitpunkt angefertigt, sagte Holm.

Ergebnis der Überprüfung liegt erst in einigen Monaten vor

Die bislang vorliegende Kaderakte Holms ist unvollständig. Ob die Lücken geschlossen werden können, wird die Regelüberprüfung des Landes durch die Stasi-Unterlagenbehörde ergeben. Sie soll in mehreren Monaten vorliegen.

Auch die Humboldt-Universität will ihn erneut überprüfen lassen. „Mit Bekanntwerden der detaillierteren Darstellung seiner Zeit beim Wachregiment durch Herrn Holm und die Veröffentlichung seiner Kaderakte ergeben sich Anhaltspunkte, die eine Anfrage beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen notwendig machen“, erklärte HU-Sprecher Hans-Christoph Keller. Darin sollen insbesondere Art und Dauer der Tätigkeit für die Stasi geklärt werden. Auf diese eingehende Prüfung verzichtete die Universität 2011, weil sie sich auf Holms Angaben aus 2005 verlassen hatte. Bei seiner ersten Tätigkeit an der Universität zwischen 1998 und 2001 galt er als privat angestellter Wissenschaftler des Soziologen Hartmut Häußermann und wurde deshalb nicht überprüft. Die Überprüfung ist für die Uni relevant, denn Holm hätte das Recht, nach seiner Zeit als Staatssekretär dorthin zurückzukehren.

Klärungsbedarf sehen nun auch die Grünen. „Mit Verwunderung habe ich die sogenannte Neubewertung der Stasi-Vergangenheit von Staatssekretär Holm zur Kenntnis genommen und frage mich, ob damit nun wirklich alle Fakten auf dem Tisch liegen“, sagte Fraktionschefin Antje Kapek. „Der Fall Holm führt vor Augen, dass die Aufarbeitung der DDR-Geschichte noch nicht abgeschlossen ist.“

© Berliner Morgenpost 2019 – Alle Rechte vorbehalten.