Berlin

Der steinige Weg aus den Schulden

Ein Paar gerät durch Krankheit in die Konsumfalle. „Ich habe keine Sonne mehr gesehen“, so die Berlinerin. Die Schuldnerberatung hilft

Schuldnerberaterin Elke Schumacher in ihrem Büro in Steglitz

Schuldnerberaterin Elke Schumacher in ihrem Büro in Steglitz

Foto: Joerg Krauthoefer

Der Absturz ins Bodenlose kam unverhofft. Dabei sah alles so gut aus: Als Angestellte bei der Rentenversicherung wusste sie, wie wichtig eine sichere Altersversorgung ist. Eigentlich sollte ihre Rente und die ihres Mannes für eine gute Zeit im Alter reichen, für ein unbeschwertes Leben, vielleicht sogar für die eine oder andere Reise.

Doch es kam anders. Der Mann erkrankte an Krebs. "Wir wollten uns die letzte Zeit schön gestalten", blickt die Berlinerin zurück, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. "Ich musste Geld aufbringen, was wir nicht hatten." Weitere Schulden kamen dazu. Banken gewährten bereitwillig Kredite. Die Frau griff zu und tappte in die Konsumfalle.

Als das Finanzamt nach dem Tod des Mannes eine Nachzahlung forderte, brach das Kartenhaus der Finanzierung zusammen. Schulden in Höhe von 50.000 Euro hatten sich aufgetürmt. "Ich habe keine Sonne mehr gesehen", sagt die Berlinerin. Das Mahnverfahren nahm seinen verhängnisvollen Lauf. Das Finanzamt lehnte eine Stundung ab und ließ ihr Konto pfänden. Die Kredite konnten deshalb nicht mehr bedient werden. "Mir ist die Zeit weggelaufen", erinnert sich die Berliner Rentnerin.

Ein Antrag der Schuldnerin auf Privatinsolvenz platzte

Auch der Gang zu zwei Anwälten brachte keine Hilfe. Im Gegenteil. "Das war eine blöde Idee", erinnert sich die Schuldnerin. Die Juristen engagieren sich nur halbherzig. Jede Unterstützung musste bezahlt werden. Sie kam vom Regen in die Traufe. Ein Antrag auf Privatinsolvenz platzte.

Damit war für die Berlinerin der Punkt erreicht, an dem sie nicht mehr weiterwusste. Sie hatte Angst, sie könnte ihre Miete nicht mehr zahlen und müsste bald auf der Straße leben. "Immer wieder spielt man das durch." Inkassobüros schickten Briefe. Geldeintreiber riefen an. Die Berlinerin ging nicht mehr ans Telefon. "Da wird man ganz quer im Kopf."

Die Frau nahm ihre ganze Kraft zusammen und ging zur Schuldnerberatung des Deutschen Familienverbandes in Steglitz, die der Landesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung angeschlossen ist. Hier werden Schuldner kostenfrei beraten und beim außergerichtlichen Einigungsversuch unterstützt. Jeden Mittwoch bei der Sprechstunde ist das Wartezimmer rappelvoll. Der Andrang ist so groß, dass die Wartezeit für die laufende Beratung inzwischen vier bis fünf Monate beträgt.

Dort fühlte sie sich aufgehoben. "Ich konnte alle Dinge besprechen." In ihrem Berufsleben war sie gewohnt, Gesetze zu lesen. "Aber die Berater haben wesentlich mehr Ahnung. Zwei Jahre ist das nun her. Sie rechnete gemeinsam mit ihrer Insolvenzberaterin die Lage durch.

650 Euro werden ihr jeden Monat abgezogen. Wenn sie innerhalb von drei Jahren 35 Prozent ihrer Schulden sowie die Vergütung des Insolvenzverwalters abgestottert hat, kommt sie aus dem Verfahren raus.

Klappt das nicht, kann sie einen Antrag auf vorzeitige Beendigung des gewöhnlich sechs Jahre laufenden Verfahrens auf fünf Jahre stellen – allerdings auch nur dann, wenn alle Kosten bezahlt sind. "Man sieht der Sache ruhiger entgegen", sagt die 67-jährige Berlinerin, die mit 1380 Euro über die Runden kommen muss. Allerdings: Ob dieses Verfahren, das auf einer Gesetzesänderung aus dem Jahr 2014 basiert, am Ende funktioniert, muss sich erst noch zeigen, heißt es in der Schuldnerberatung.

Betroffene sollten sich möglichst schnell Hilfe holen

Immer wieder geht sie zur Schuldnerberatung. Hier fühlt sie sich verstanden. "Ich kann das jedem empfehlen", sagt sie. Nur sollte man nicht so lange warten, wie sie es getan habe.

Das sieht Elke Schumacher, die Leiterin der Beratungsstelle, ähnlich. "Verbraucher sollten einen Haushaltsplan aufstellen und sich genau durchrechnen, was sie sich leisten können – auch im Hinblick auf einen bevorstehenden Renteneintritt, einen möglichen Arbeitsplatzverlust oder bei steigenden Mieten." Ihr Fazit für Betroffene: "Der Weg aus den Schulden raus ist machbar, oder es lohnt sich, diesen Weg zu gehen."

Infos über weitere Beratungsstellen: www.schuldnerberatung-berlin.de

Schuldenfakten:

Die häufigsten Gründe für den Fall in die Überschuldung sind Arbeitslosigkeit, Trennung oder Tod des Lebenspartners sowie Erkrankung, Sucht und Unfall.

Männer tappen in Berlin deutlich häufiger in die Schuldenfalle als Frauen. 16,62 Prozent aller Berliner sind überschuldet, bei den Berlinerinnen beträgt die Quote 8,8 Prozent. Besonders gefährdet sind männliche Weddinger. Dort hat knapp jeder Vierte rote Zahlen.

Alter schützt vor Überschuldung nicht, im Gegenteil: Die Schuldnerquote liegt bei den unter 30-Jährigen mit 7 Prozent am niedrigsten, am höchsten ist sie in Berlin bei den 40- bis 49-Jährigen (16,34 Prozent). Besonders viele Senioren (60 bis 69 Jahre) sind in Kreuzberg (16,9 Prozent) und Wedding (16,7 Prozent) nicht in der Lage, sich von ihren Schulden zu befreien.

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