Kriminalität

Rockermord: Prozess mit 200 Verhandlungstagen geht weiter

Am Dienstag wird der Prozess um den getöteten Rocker Tahir Ö. in Berlin unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen fortgesetzt.

Am heutigen Dienstag wird es gegen 8.45 Uhr im Moabiter Kriminalgericht wieder erhöhte Sicherheitsvorkehrungen geben. Auch Justizbedienstete sprechen inzwischen schon vom „Rocker-Prozess“, der regelmäßig im Saal 500 verhandelt wird – seit dem 4. November 2014. Inzwischen sind es schon 140 Verhandlungstage.

Es geht um einen Mord, der am 10. Januar 2014 in dem Wettbüro „Expect“ an der Residenz- / Ecke Hausotterstraße in Reinickendorf verübt wurde. Das Opfer war der 26-jährige Tahir Ö. Er soll der Rockergruppierung Bandidos nahegestanden haben.

Als Motiv wird eine Bestrafung vermutet, nachdem Tahir Ö. im Oktober 2013 vor der Disco „Traffic“ am Alexanderplatz mit einem Türsteher in einen Streit geraten war und ihn mit einem Messer verletzte.

Einer der Angreifer schießt mit einer Pistole auf Tahir

Bei dem Türsteher handelte es sich um einen Gefolgsmann von Kadir P., Chef des mittlerweile verbotenen Hells-Angels-Charters „Berlin City“. Kadir P. soll auch sofort Gegenmaßnahmen angeordnet haben. Eine Überwachungs­kamera, die im Wettbüro installiert ist, hat den Mord mitgeschnitten: Zu sehen sind mehrere Männer – später werden 13 gezählt – die an der Ladentheke vorbei in die hinteren Räume des Lokals eilen.

Einige sind maskiert. Tahir Ö. sitzt an einem Tisch und spielt Karten. Einer der Angreifer schießt mit einer Pistole auf ihn. Währenddessen halten die anderen Eindringlinge die Gäste in Schach. Anschließend flieht der Täter durch die Hintertür, die anderen verlassen das Lokal durch den Vordereingang. Tahir Ö. stirbt noch am Tatort.

Im Saal 500 sitzen nun hinter Panzerglas elf Angeklagte. Ihnen wird gemeinschaftlicher Mord vorgeworfen. Fast alle sind Mitglieder oder Sympathisanten der Hells Angels. Quer vor den Angeklagten sitzen zehn Gutachter. Parallel gibt es Stuhlreihen, auf denen die 22 Verteidiger sitzen. Es ist nicht leicht, in einem derart aufgeblähten Auditorium zu verhandeln.

Selbst ein Staatsanwalt wird bedroht

Hinzu kommt das Verhalten der Rocker. Sie beschimpfen Zeugen, lesen gelangweilt Zeitung und bleiben ostentativ sitzen, als das Gericht den Saal betritt. Es gehört zu ihrem Ehrenkodex, mit Polizisten, Staatsanwälten und Richtern nicht zu reden.

Eine Ausnahme ist der 26-jährige iranisch-stämmige Kassa Z. Er ist, wie in der Rocker-Szene gemunkelt wird, „eigentlich schon tot“. Kassa Z., der unter Zeugenschutz steht, hat bei der Polizei ausgesagt und dadurch mehrere Strafverfahren gegen Rocker ausgelöst.

Kassa Z. ist auch der wichtigste Zeuge in diesem Prozess. Er will gehört haben, dass Rocker-Boss Kadir P. den Hells Angels vor der Fahrt zum Casino an der Residenzstraße „zeigt einfach Präsenz“ befohlen habe, was sich laut Ermittlern als Auftrag für eine tödliche Attacke übersetzen lässt. Kassa Z. war mit dabei, als Tahir Ö. erschossen wurde.

Auch ihm droht lebenslänglich – es sei denn, er bekommt als Kronzeuge einen Strafrabatt. Und es gibt Zweifel, ob man ihm wirklich glauben kann.

130 Zeugen wurden schon gehört. Einige werden von Personenschützern in den gut bewachten Saal begleitet – und leiden plötzlich unter Gedächtnisschwund. Auch einer der Staatsanwälte wurde bedroht. Bislang sind weitere 65 Verhandlungstage geplant.