Mr. Start-up

Zum 200. Geburtstag: So prägte Werner von Siemens Berlin

| Lesedauer: 15 Minuten
Susanne Leinemann
Seit 110 Jahren fertigt Siemens in seinem Dynamowerk an der Nonnendammallee in Berlin elektrische Antriebe, Motoren und Generatoren. Hier ein Bild aus dem Jahre 1924. Da war Gründer Werner von Siemens längst gestorben

Seit 110 Jahren fertigt Siemens in seinem Dynamowerk an der Nonnendammallee in Berlin elektrische Antriebe, Motoren und Generatoren. Hier ein Bild aus dem Jahre 1924. Da war Gründer Werner von Siemens längst gestorben

Foto: Siemens / BM

Vor 200 Jahren wurde er geboren. Wir haben eine Art Gespräch mit Werner vor Siemens geführt - über Technik, Frauen und Explosionen.

Fangen wir doch mal ganz anders an: Werner von Siemens – am 13. Dezember jährt sich sein Geburtstag zum 200. Male. 1816 wurde er in Niedersachsen geboren. Am kommenden Dienstag wird es einen großen Festakt in Berlin dazu geben, Kanzlerin Angela Merkel schaut auch vorbei. Schließlich hat Werner von Siemens Deutschland geprägt. Berlin sowieso.

Auf dem Sofa liegt eine 14-Jährige und starrt auf ihr Handy, irgendwo mitten in Berlin. Sie starrt eigentlich immer auf ihr Handy. Werner von Siemens war ein Pionier der Kommunikation. Er hat damit begonnen, die Welt zu vernetzen, das Tempo zu erhöhen. Wie? Durch Telegrafenkabel.

Telegrafenlinie von Berlin nach Frankfurt am Main

Die politische Dimension seiner Arbeit wurde schnell klar – 1848 hatte er vom preußischen König den Auftrag erhalten, eine Telegrafenlinie von Berlin nach Frankfurt am Main zu bauen. 1848: das Jahr der ersten deutschen Revolution, als man in der Paulskirche versuchte, „von unten“ einen demokratischen Nationalstaat ins Leben zu rufen.

Per Siemens-Kabel wurde der preußische König nun von der Paulskirchenversammlung 1849 gefragt, ob er denn Kaiser dieses vereinten Deutschland werden wolle. Die Frage brauchte eine Stunde, um die 500 Kilometer zwischen den beiden Städten zu überwinden. Eine Stunde! Wahrlich revolutionär. Die Antwort kam leider genau so schnell. Der König sagte schlicht: „Nein.“

Werner von Siemens hat Hipster-Potenzial

„Langweilig“, mault die 14-Jährige auf dem Sofa und wischt mit dem Finger über ihr Touchpad. 200 Jahre, das sei doch ewig her. Nichts kann sie erweichen. Nicht dass Siemens damals um 1900 als „Siemens & Halske“ die Berliner U-Bahn gebaut hat. Oder die ersten Telefone in Deutschland. Oder revolutionäre Dinge wie Staubsauger, Bügeleisen, Waschmaschine. Eigentlich findet die 14-Jährige schon alles alt, was zwei Minuten her ist. Und alt ist nicht gut. Vintage ist gut, aber Vintage ist Werner von Siemens leider nicht. Er hängt ja nicht als Hipster mit ollen Klamotten auf ollen Sofas in Friedrichshain rum.

Dabei hat der Mann so viel Hipster-Potenzial – aus einer Mini-Werkstatt im Parterre eines Berliner Mehrfamilienhauses entstand ab 1847 in wenigen Jahren ein globaler Konzern. Das klingt doch fast wie die Garage, in der Steve Jobs seine Apple-Computer zur Welt brachte. Da wird die 14-Jährige hellhörig. Apple zieht immer. „Ein Interview mit jemandem, der vor 200 Jahren geboren wurde, würde ich auf jeden Fall lesen“, sagt sie gnädig.

Nun ist Werner von Siemens leider 1892 in Berlin verstorben. Und soweit wir wissen, hat man in seinen Fabriken auch nie eine Zeitmaschine wie bei „Zurück in die Zukunft“ entwickelt, die ja eigentlich nur eine Menge Strom braucht, um zwischen den Jahrzehnten hin- und herzuspringen. Aber zum Glück hat der Siemens-Gründer eine ausführliche Lebenserinnerung hinterlassen. Damit wäre ein Gespräch vielleicht möglich. Einen Versuch ist es wert.

Die Anfänge des Werner Siemens

Ja, richtig gelesen. Kein „von“. Erst 1888 wird Werner Siemens geadelt. Ursprünglich ist Siemens, wie soll man sagen, ein Nerd aus Lenthe bei Hannover. Sein Vater ist ein Gutspächter, Siemens hat noch 13 Geschwister (allerdings sterben vier der Siemens-Kinder früh). Geld ist knapp, an ein Ingenieursstudium ist nicht zu denken. Und doch spielt Bildung in der Familie eine große Rolle. Der Eintritt ins preußische Militär macht einen großen Traum wahr. Werner Siemens besucht als Offizier ab 1835 die „Ingenieur- und Artillerieschule“ in Berlin, wird dorthin abkommandiert.

Berliner Illustrirte Zeitung: Herr von Siemens, wie wichtig war diese Schule für Sie?

Werner von Siemens: Die drei Jahre, welche ich vom Herbst 1835 bis zum Sommer 1838 auf der Berliner Artillerie- und Ingenieurschule zubrachte, zähle ich zu den glücklichsten meines Lebens.

Warum?

Das kameradschaftliche Leben mit jungen Leuten gleichen Alters und gleichen Strebens, das gemeinschaftliche Studium unter der Leitung tüchtiger Lehrer ...

Waren auch berühmte Namen darunter?

Der Mathematiker Ohm, der Physiker Magnus und der Chemiker Erdmann (Georg Simon Ohm, Heinrich Gustav Magnus und Otto Linné Erdmann, d. Red.).

Und während Ihrer Militärzeit haben Sie schon experimentiert? (Werner von Siemens reagiert nicht auf die Frage). Herr von Siemens – hören Sie mich?

Ich leide infolge eines Unfalles noch hin und wieder an Schwerhörigkeit, wenn sich die verschlossenen Risse in den Trommelfellen gelegentlich wieder öffnen. Eine unerwartete Explosion.

Oh Gott? Welche Explosion?

Ich rührte in einem Pomadennapf mit sehr dickem Boden einen wässrigen Brei von Phosphor und chlorsaurem Kali zusammen und stellte den Napf, da ich zum Exerzieren fortgehen musste, gut zugedeckt in eine kühle Fensterecke. Wissenschaftliche Studien.

Worum ging es denn dabei?

Um die Lunte zum Entzünden der Kanonenladung. Mein Vetter hatte erfolgreiche Versuche mit Friktionsschlagröhren (dienen zur Zündung von Waffen, d. Red.) angestellt. Ich entschloss mich, selbst Versuche nach dieser Richtung zu machen.

Und was passierte dann auf Ihrer Stube? Nachdem Sie vom Exerzieren zurückkamen?

Als ich vorsichtig das gefährliche Präparat hervorholte und das in der Masse stehende Schwefelholz, welches zum Zusammenrühren gedient hatte, nur berührte, entstand eine gewaltige Explosion, die mir den Tschako vom Kopfe schleuderte und sämtliche Fensterscheiben samt den Rahmen zertrümmerte.

Dagegen sind ja Ihre Telegrafen, die Sie wenig später entwickelten, eine sichere Sache: Zigarrenkiste, Weißblech, einige Eisenstückchen und etwas isolierter Kupferdraht. Wie einfach! Und doch so bahnbrechend ...

Mein Telegraf gebraucht nur einen Draht, kann dabei mit Tasten wie ein Klavier gespielt werden und verbindet mit der größten Sicherheit eine solche Schnelligkeit, dass man fast so schnell telegrafieren kann, wie die Tasten nacheinander gedrückt werden. Dabei ist er lächerlich einfach und ganz unabhängig von der Stärke des Stroms. (klingt stolz)

Genial. Der Erste, den Sie von ihrem Zeigertelegrafen überzeugten, war der Mechanikermeister Johann Georg Halske. Dabei hegte der anfangs Zweifel.

Das Ergebnis enthusiasmierte Halske so sehr, dass er sich mit größtem Eifer der Ausführung der ersten Apparate hingab und sich sogar bereit erklärte, aus seiner Firma auszutreten und sich in Verbindung mit mir gänzlich der Telegrafie zu widmen.

Der Beginn der Firma „Siemens & Halske“. Eine Art Start-up. Wer gab Ihnen das Startkapital?

Da Halske ebensowenig wie ich selbst disponible Geldmittel hatte, so wandten wir uns an meinen in Berlin wohnenden Vetter, der uns zur Einrichtung einer kleinen Werkstatt 6.000 Taler gegen sechsjährige Gewinnbeteiligung darlieh.

Ein gutes Geschäft. Fast so sicher wie Apple-Aktien (lacht). Und wie ging es weiter?

Die Werkstatt wurde am 12. Oktober 1847 in einem Hinterhause der Schöneberger Straße – wo Halske und ich auch Wohnungen nahmen – eröffnet. Und entwickelte sich schnell und ohne weitere Inanspruchnahme fremden Kapitals zu dem weltbekannten Etablissement von Siemens & Halske in Berlin mit Zweiggeschäften in vielen Hauptstädten Europas.

Die Konsolidierung der Firma

Tatsächlich wuchs „Siemens & Halske“ in den nächsten Jahren enorm. Krisen manövrierte man geschickt aus. Brach das preußische Militär als Auftraggeber weg, verlagerte man sich auf das Auslandsgeschäft. Brach der Absatz in Russland ein, verstärkte man die Geschäfte in England. Bruder Wilhelm Siemens, der in London lebte, fädelte viele dieser Deals im Ausland ein. Auch andere Brüder arbeiteten im Unternehmen mit. Und zunehmend verlegte man sich auf die Elektroindustrie. Die Dynamomaschine revolutionierte ab 1866 die Industrie. Nun konnte man mit einem Dynamo kostengünstig und flexibel Strom erzeugen – und zwar wo man wollte. Plötzlich mussten Fabriken nicht mehr in unmittelbarer Nähe von Kraftwerken gebaut werden. Ein Großkonzern entsteht. Nur einer kommt bei dieser Entwicklung nicht mehr mit.

Warum ging Ihre Zusammenarbeit 1867 mit Halske zu Ende? Er verließ das Unternehmen, allerdings gegen eine üppige Abfindung ...

Halske muss zu allem seine gehörige Zeit haben. Seine Gefühle sträuben sich vollständig gegen eine eilige und demzufolge, wie er sagt, flüchtige Arbeit.

Und da war nichts mehr zu retten?

Meine erste Frau sagte immer: „Halske möchte alles gern selbst betreiben und beaufsichtigen können, wie ein Meister in der Werkstatt.“

Ihre Frau? Erzählen Sie mal ...

Am 11. Januar des Jahres 1852 richtete ich die so lange verhaltene Frage an Mathilde Drumann, deren Bejahung mich dann zum glücklichen Bräutigam machte. Das Jahr 1852 bildete einen entscheidenden Wendepunkt in meinem persönlichen sowohl wie in meinem geschäftlichen Leben.

Ach, schon wieder das Geschäft. Bleiben wir doch beim Privaten.

Meine Hochzeit mit Mathilde Drumann feierte ich am 1. Oktober des Jahres 1852 in Königsberg. Nach kurzem Aufenthalt in Berlin reisten wir an den Rhein und dann nach Paris, wo auch meine Brüder Wilhelm und Carl sich gerade aufhielten. Nach den verflossenen, in Sorgen und schwerer Arbeit verbrachten Jahren genoss ich dort in vollen Zügen mein junges eheliches Glück, noch gehoben durch den traulichen Verkehr mit den Brüdern.

Sie Schwerenöter!

Leider dauerte dieser Sonnenschein in meinem Leben nicht lange. Schon nach ihrem zweiten Wochenbette fing Mathilde an zu kränkeln. Nach 13-jähriger Ehe, in der sie mir zwei Söhne und zwei Töchter geschenkt hat, starb sie nach langen Leiden.

Wie furchtbar ...

Mein häusliches Leben erfuhr eine vollständige Umgestaltung durch meine am 13. Juli 1869 erfolgte Wiederverheiratung mit Antonie Siemens, einer entfernten Verwandten. Die liebenswürdigen Eigenschaften dieser Schwäbin brachten wieder warmen Sonnenschein in mein etwas verdüstertes, arbeitsvolles Leben.

Kamen wieder Kinder?

Meine Frau schenkte mir ein Töchterchen, dem zwei Jahre später noch ein Sohn folgte.

Gewohnt wurde wunderbar am „Knie“, dort, wo heute die TU steht, im jungen Charlottenburg. Eigentlich hatten Sie das Grundstück ja für Ihre erste Frau Mathilde gekauft. Erinnern Sie sich noch an Ihre Worte?

„Du hast dort eine Menge schattiger Promenaden in der Nähe, auch der Tiergarten nicht fern; 40-mal am Tag fährt ein Omnibus vor der Tür vorbei nach Berlin. Wird zwar nicht ganz billig, doch der große Grundbesitz steigert sich im Werte und bildet eine gute Geldanlage.“

Und tolle, kinderreiche Nachbarn hatten Sie dort auch: Die Mommsens, die Helmholtz’ ...

Letzte Phase

Werner von Siemens war ein richtiger Patriarchat. Bei ihm blieben die wichtigen Funktionen „in der Familie“. Die Stadt ist inzwischen von dem Unternehmen stark geprägt – am Askanischen Platz steht das Verwaltungsgebäude und macht was her. Immer mehr Arbeiter sind in Berlin bei Siemens in Lohn und Brot – nach seinem Tod wird Siemensstadt entstehen. Aber auch sonst tut man etwas für die Stadt. So werden 1882 dank der Firma Siemens monatelang die Leipziger Straße und der Potsdamer Platz beleuchtet. So etwas hatte Berlin noch nie gesehen.

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Sei waren ja nicht nur Erfinder, Ingenieur und Unternehmer. Sondern auch politisch aktiv ...

Von frühester Jugend an schmerzte mich die Zerrissenheit und Machtlosigkeit der deutschen Nation. Im Verkehr mit Engländern und Franzosen hatte ich während der Kabellegung vielfach schmerzliche Gelegenheit gehabt, mich davon zu überzeugen, in wie geringer Achtung die Deutschen als Nation bei den anderen Völkern standen.

Und welche Partei zog Sie an?

Ich besuchte die Versammlung der in Bildung begriffenen neuen liberalen Partei.

Eine Art Vorläufer der FDP?

Ich schlug vor, den Namen „Fortschrittspartei“ zu wählen, da es mir angemessener schien, die Tätigkeitsrichtung als die Gesinnung durch den Parteinamen zu bezeichnen.

Ich habe gehörte, jetzt, am Ende Ihres Lebens, leiden Sie manchmal unter Fieberanfällen?

(Wiegt bedächtig den Kopf) Nachdem ich auch sie nun glücklich überwunden habe, hoffe ich, dass die Krankheitsperiode meines Alters damit beendet ist und mir noch ein ruhiger und heiterer Lebensabend im Kreise meiner Lieben beschieden sein wird.

Wer führt das Unternehmen jetzt weiter, wo Sie doch 1890 ausgestiegen sind?

Ich bin nur noch als Kommanditist an der Firma beteiligt. Es gereicht mir zur großen Freude, hier bezeugen zu können, dass meine Söhne sich ihrer schweren und verantwortlichen Stellung vollständig gewachsen gezeigt haben, ja dass mein Ausscheiden offenbar der Firma einen neuen, jugendlichen Aufschwung gegeben hat.

Oh ja, Siemens wird noch viel größer werden ...

Es geht eben den Geschäftshäusern wie den Staaten, sie bedürfen von Zeit zu Zeit einer Verjüngung ihrer Leitung, um selbst jung zu bleiben.

Das Wachstum: Was im Jahre 1847 als eine kleine Kreuzberger Werkstatt namens „Telegraphen Bau-Anstalt von Siemens & Halske“ begann, hat sich zum international operierenden Unternehmen Siemens AG entwickelt. Aus dem Berliner Zehn-Mann-Betrieb wurde ein Unternehmen mit rund 400.000 Beschäftigten in 190 Ländern.

Siemens in Berlin: Wie das Unternehmen die Hauptstadt prägt

Berlin ist weiterhin einer der Hauptstandorte des Konzerns, der in Deutschland in über 50 Städten vertreten ist und weltweit eines der führenden Unternehmen in den Bereichen der Elektronik und Elektrotechnik, auf den Gebieten Industrie und Energie sowie im Gesundheitssektor ist. Dabei ist die Hauptstadt der global größte Fertigungsstandort von Siemens. Hier wurden allein im Jahr 2009 Waren und Dienstleistungen im Wert von etwa 2,6 Milliarden Euro produziert.

Siemens stellt in Berlin ein breites Spektrum elek-trotechnischer und elektronischer Produkte her. Aus Treptow kommen zum Beispiel Eisenbahn-Signalanlagen und aus Moabit Gasturbinen für Kraftwerke. Der Schwerpunkt der Aktivitäten liegt allerdings in der Siemensstadt: Von hier aus werden Motoren u. a. für Schiffsantriebe oder Windkraftanlagen, Schaltanlagen zur Energieverteilung sowie für Messtechnik in die ganze Welt geliefert. Forschung und Entwicklung spielen bei Siemens eine herausragende Rolle. In Berlin arbeiten rund 1400 Forscher daran.

Siemensstadt am Ostrand Spandaus

Anfang November feierte Siemens in Spandau den 110. Geburtstag seines Berliner Dynamowerks. In der Siemensstadt am Ostrand Spandaus leben rund 13.000 Menschen. Der Ortsteil ist von weitläufigen Industrie- und Fertigungsanlagen geprägt. Die dort ansässigen Unternehmen gehören jedoch nicht mehr ausschließlich zur Siemens AG.