Sanierungsfall Autobahn

Wo Berliner auf der Stadtautobahn bald im Stau stehen

Berlins Schnellstraßen bröckeln an allen Ecken und Enden. Mit einer Bauoffensive will der Senat den Verfall stoppen.

Berlins Autofahrer bekommen es jeden Tag zu spüren: Die Stadtautobahn bröckelt an vielen Stellen. Selbst neue Abschnitte wie der Schönefeld-Zubringer (A113) sind marode. Tempolimits, Überholverbote für Lkw und gesperrte Fahrspuren sind die Folge. Das soll sich ändern. Der Bund als Eigentümer und der Senat als Verwalter wollen deutlich stärker als bisher in die Erneuerung des hauptstädtischen Schnellstraßennetzes investieren. Lutz Adam, Tiefbau-Chef der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, kündigte beim 2. Berlin-Brandenburger Straßenbautag ein umfangreiches Neubau- und Sanierungsprogramm an.

Gleich drei neue Großbaustellen

Für Autofahrer heißt das allerdings auch: Sie müssen sich auf zahlreiche neue Großbaustellen einstellen. Bereits im nächsten Sommer könnte es dadurch gleich an drei neuralgischen Punkten im städtischen Autobahnnetz zu Sperrungen und damit zu langen Staus und Behinderungen kommen. So will der Senat nach jahrelangen Vorplanungen endlich mit der Erneuerung des sogenannten Pankow-Zubringers, der A114, beginnen. Zudem sollen die in diesem Jahr begonnenen Sanierungsarbeiten an der A113, dem Schönefeld-Zubringer, fortgesetzt werden. Und dann will die Senatsverkehrsverwaltung sich auch noch eines der größten „Sorgenkinder“ im Bereich der Stadtautobahn, der Rudolf-Wissell-Brücke, annehmen. Das täglich von bis zu 200.000 Fahrzeugen passierte Bauwerk in Charlottenburg ist mit 932 Metern nicht nur Berlins längste Straßenbrücke, es gilt auch als besonders dringend sanierungsbedürftig.

Neubau der Rudolf-Wissell-Brücke erforderlich

Die eigentlich aus zwölf Feldern bestehende Spannbeton-Konstruktion muss durch einen kompletten Neubau ersetzt werden. Dafür jedoch ist eine zeitaufwendige Planfeststellung erforderlich. Laut Adam ist daher mit einem Baubeginn nicht vor 2022, also frühestens in sechs Jahren, zu rechnen. Damit die 1961 eröffnete Brücke so lange überhaupt durchhält, sollen vor dem Brückenabriss noch die Fahrbahnen für rund sieben Millionen Euro instand­ gesetzt werden.

Eigentlich war die Sanierung der Rudolf-Wissell-Brücke bereits für 2015 angekündigt, nun sollen die Arbeiten im Sommer nächsten Jahres beginnen. „Eine endgültige Genehmigung durch die Verkehrslenkung Berlin haben wir aber noch nicht“, sagte Adam. Was auch mit der noch immer ungeklärten Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens BER zusammenhängt. Der Umzug der Flughafeneinrichtungen und Airlines von Tegel zum neuen Airport Schönefeld soll zu großen Teilen über die Stadtautobahn erfolgen, eine Vollsperrung in Charlottenburg genau in dieser Zeit wäre für allen Beteiligten fatal. In diesem Fall könnte sich der Beginn der Instandhaltungsarbeiten ins Jahr 2018 verschieben.

Ideenwettbewerb für neue Brücke

Unabhängig davon will die Bundesbaugesellschaft Deges, die die Planung und Ausführung des Ersatzneubaus vom Senat übertragen bekommen hat, 2017 einen Ideenwettbewerb für die neue Brücke starten. Dabei soll auch die Frage beantwortet werden, ob eine etappenweise Erneuerung möglich ist oder ob vor Beginn des Abrisses erst noch eine Behelfsbrücke errichtet werden muss.

Auch die Westendbrücke muss erneuert werden

Dringend erneuerungsbedürftig ist auch die benachbarte Westendbrücke. Die 1963 eröffnete und 244 Meter lange Überführung befindet sich in einem so schlechten Zustand, dass sie bereits seit geraumer Zeit für Schwertransporte gesperrt ist. Alle übrigen Lkw dürfen nur noch die Fahrspuren nutzen, die über den Hauptträgern liegen. Untersuchungen haben ergeben, dass auch in diesem Fall ein Neubau erforderlich ist. Der Ersatz ist laut Adam in Planung, mit einem Baubeginn ist aber nicht vor 2020 zu rechnen. Um den Zustand wenigstens zu erhalten, sollen im ersten Halbjahr 2017 zusätzliche Stützpfeiler unter der Brücke angebracht werden.

Sanierung der A113 wird fortgesetzt

Während der nächsten Sommerferien will der Senat auch die in diesem Jahr begonnene Sanierung der A113 fortsetzen. Die Fahrbahn des erst 2005 eröffneten Autobahnabschnitts in Richtung Flughafen Schönefeld ist vom berüchtigten „Betonkrebs“ befallen. Damit wird die Alkali-Kieselsäure-Reaktion bezeichnet – eine chemische Reaktion, die die Betonfahrbahn nach und nach zerbröseln lässt. In diesem Jahr wurde bereits die Fahrbahn zwischen den Anschlussstellen Späthstraße und Adlershof saniert, 2017 soll die Autobahn bis zur Landesgrenze repariert werden.

Pankow-Zubringer ist marode

Das größte Autobahn-Bauvorhaben des Senats ist allerdings die A114. Der noch zu DDR-Zeiten zwischen 1973 und 1982 errichtete Pankow-Zubringer ist so kaputt, dass auch hier nur ein kompletter Neuaufbau hilft. Weil auch drei Anschlussstellen, sieben Brücken und vier Überführungen erneuert werden sind, kalkuliert der Senat mit Kosten von 45 Millionen Euro und einer Bauzeit von mehr als drei Jahren.

Bevor jedoch mit Arbeiten begonnen werden kann, muss wie im Fall der Rudolf-Wissell-Brücke erst einmal die alte, von zahlreichen Rissen durchzogene Fahrbahn saniert werden. Der Grund: Während des Neubaus der einen Autobahnseite, soll der Verkehr über die andere Seite umgeleitet werden. Auf diese Weise soll während der Bauphase zumindest eine Fahrspur pro Richtung erhalten bleiben. Heute rollt der Verkehr über zwei Spuren pro Richtung.

Im Sommer beginnen die Arbeiten an der A114

Zu diesem Zweck will der Senat im Sommer kommenden Jahres die Fahrbahn in Richtung Zentrum „ertüchtigen“. Die bereits an vielen Stellen geflickte Piste aus Beton wird mit einer Asphaltschicht überzogen. Rund vier Monate Bauzeit sind dafür geplant. Für die grundhafte Erneuerung der A114, die dann 2018 beginnt, sind dann jeweils 18 Monate Bauzeit pro Fahrtrichtung vorgesehen. Dabei soll die Autobahn nicht nur den derzeit fehlenden Standstreifen an den Seiten bekommen, sondern auch neue Brücken. Überlegt wird zudem, ob die Anschlussstelle Buch so erweitert wird, dass die Autos von der Bucher Straße aus nicht nur stadteinwärts auf die Autobahn fahren können. Eine Entscheidung dazu ist aber noch nicht getroffen

Bauindustrieverband will mehr Investitionen

Während viele Autofahrer über die vielen bevorstehenden Baustellen eher betrübt sein dürften, freut sich Axel Wunschel, Chef des Bauindustrieverbandes Berlin-Brandenburg, über die anstehenden Millionenaufträge. Der Verband hatte in der Vergangenheit die fehlenden Investitionen in den Erhalt der In­fra­struktur wiederholt scharf kritisiert. „Unsere Botschaft ist nun endlich angekommen“, sagte Wunschel der Berliner Morgenpost. Wichtig sei aber, dass der Senat seine Anstrengungen nicht allein auf die Autobahnen konzentriert. „Auch an den städtischen Hauptverkehrsstraßen ist noch sehr viel zu tun“, so Wunschel.

Während die Investitionen in den Erhalt und die Modernisierung der Autobahnen ausschließlich vom Bund finanziert werden, muss die Reparatur der städtischen Straßen vom Senat bezahlt werden. Die Tiefbauämter der Bezirke kritisieren wiederum seit Jahren, dass sie aus der Landeskasse zu wenig Geld für die laufende Instandhaltung von Straßen, Fuß- und Radwegen erhalten.