Unterkünfte in Berlin

Zu eng, zu laut - Wenn Flüchtlinge den Lagerkoller kriegen

Wieder kommt es zu einer Schlägerei in einem Heim für Flüchtlinge. Experten warnen vor „Lagerkoller“ in den Massenunterkünfte.

Großeinsatz: Polizei und Sanitäter in der Flüchtlingsunterkunft in Schöneberg, in der es in der Nacht zu Montag zu einer Schlägerei gekommen war

Großeinsatz: Polizei und Sanitäter in der Flüchtlingsunterkunft in Schöneberg, in der es in der Nacht zu Montag zu einer Schlägerei gekommen war

Foto: Peise

In einer Flüchtlingsunterkunft in Schöneberg sind bei einer Schlägerei in der Nacht zum Montag drei Bewohner verletzt worden. Kurz nach Mitternacht rückte die Polizei mit einem Großaufgebot in der Erfurter Straße an. Syrer und Iraker waren aneinandergeraten. Bei der Prügelei sollen auch ein Messer und Reizgas eingesetzt worden sein. Die genauen Hintergründe sind noch unklar. Zwei 20 und 22 Jahre alte Männer aus dem Irak erlitten eine Schnittverletzung an der Hand sowie eine Platzwunde, ein Elfjähriger klagte über Kopfschmerzen. Drei tatverdächtige Syrer im Alter von 21, 25 und 44 Jahren wurden vorläufig festgenommen.

In Unterkünften kommt es immer wieder zu Schlägereien unter Bewohnern oder zu Übergriffen auf Mitarbeiter von Sicherheitsdiensten. Zeichen für einen zunehmenden Lagerkoller in Berlin? Den Anstieg von Aggressionen und vereinzelten Gewalttaten von Flüchtlingen sehen Experten zumindest als Folge der ungewissen Lebenssituation und Unterbringung in Massenunterkünften. „Wenn Menschen über Monate in Einrichtungen leben müssen, die eigentlich nur als kurzfristige Unterkünfte gedacht waren, führt das zu extremen Belastungen“, sagt Malek Bajbouj. Der 45-jährige gebürtige Mainzer mit syrischen Wurzeln ist Professor an der Klinik für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie der Charité, die unter anderem eine arabischsprachige psychologische Notfallambulanz für Flüchtlinge bietet.

Es sei ein allgemeines Phänomen, so Bajbouj, dass bei starken Belastungen und ausweglosen Situationen wie dem Leben von Flüchtlingen in einer Massenunterkunft der Stresspegel enorm steige. „Das heißt aber nicht, dass jeder Mensch auf Stress mit Gewalt reagiert. Meist kommen mehrere Faktoren zusammen, wie posttraumatische Störungen, Gewalterfahrungen oder -beobachtungen im Herkunftsland, die Enge, der Lärm und die Perspektivlosigkeit in den Unterkünften“, nennt Malek Bajbouj Aspekte, die in Einzelfällen zu Gewalt führen können. Bajbouj betont aber auch, „dass der überwiegende Anteil der Flüchtlinge nach wie vor die Situation in den Notunterkünften still und stumm erträgt, weil für viele selbst diese belastende Situation besser ist als das, was sie zum Beispiel in Aleppo erleben mussten“.

Interaktiv: 360 Grad – So leben Flüchtlinge in Berlin

Wichtig neben der psychologischen Betreuung Traumatisierter sei vor allem: „Die Menschen brauchen endlich ein Dach über dem Kopf, sie brauchen Arbeit und das Gefühl, dazuzugehören und auch etwas zurückgeben zu können“, so Bajbouj. Wenn die Situation der Flüchtlinge nicht zeitnah und besser gelöst werde, „besteht die Gefahr, dass die Konflikte zunehmen und es zu mehr Gewalttaten kommt. Auch die Zahl der stressbedingten Erkrankungen wird dann möglicherweise zunehmen.“ Schon jetzt leide etwa jeder dritte Flüchtling an Depressionen. Bei vielen Frauen registriere er autoaggressives Verhalten, das sich in Selbstverletzungen oder auch in Selbstmordgedanken und -versuchen äußere.

Von vermehrten Selbstmordversuchen sowie auch Schlägereien unter Flüchtlingen vor der Notunterkunft berichtet auch Matthias Nowak, Sprecher des Malteser Hilfsdienstwerkes, das unter anderem die Notunterkunft im ICC betreibt. „Wir warnen schon seit Monaten vor dem sogenannten Lagerkoller, der immer stärker wird“, sagt Nowak. Der Malteser Hilfsdienst und auch die anderen Betreiber versuchen, so viel wie möglich zu machen. „Wir haben jetzt Psychologen eingestellt, die ununterbrochen im Einsatz sind“, sagt Nowak. Auch er appelliert: „Die Menschen müssen schnellstmöglich aus den Notunterkünften heraus.“ Nowak schließt nicht aus, dass Aggressionen und Gewalt „unter den derzeitigen Bedingungen steigen werden“.

Ähnliches befürchtet Amei von Hülsen-Poensgen. Die ehrenamtliche Mitarbeiterin der Initiative „Willkommen in Westend“ bestätigt: „Die Nerven liegen bei den Flüchtlingen immer blanker.“ Sie stellt „seit Mai zunehmende Frustration und Aggression“ fest. Auch bei den Helfern nehme der Frust zu, weil sie sähen, dass sich an der Lebenssituation der Flüchtlinge nichts ändere. „Was nützt es, wenn wir tagsüber einen Ausflug machen und die Flüchtlinge danach wieder in ihre Unterkunft zurückkehren müssen, ohne dass sich etwas an ihrer Situation geändert hat?“, fragt sie.

Beim Landesamt für Flüchtlinge (LAF) sieht man keine Hinweise für die Zunahme von Aggression und Gewalt. „Im Gegenteil, die Menschen verhalten sich erstaunlich ruhig“, sagt Sprecher Sascha Langenbach. Er sieht den Schlüssel zur Integration in der Arbeit. „Eigentlich brauchen wir nur Beschäftigung“, so Langenbach. Wer tagsüber beschäftigt und ausgelastet sei, würde sich abends beispielsweise nicht über das Essen beschweren.

In der Kriminalitätsstatistik finden sich kaum Hinweise auf einen Anstieg von Gewalt. Doch möglicherweise werden viele Vorfälle gar nicht registriert. Oft gelingt es dem Wachpersonal, Konflikte zu entschärfen. Fachleute vermuten auch, dass Betroffene oft davon absehen, die Polizei einzuschalten, weil sie etwa in ihren Herkunftsländern eine korrupte Polizei gewohnt seien und eventuell auch deutschen Beamten nicht trauten, heißt es.

Zahl der Vorfälle laut Statistik zuletzt leicht rückläufig

Die Berliner Polizei verzeichnete von Januar bis Juli 2720 Straftaten in Unterkünften mit mehr als 50 Bewohnern. Die Zahlen sind auf gleich bleibendem Niveau und waren zuletzt leicht rückläufig. Mit 1371 Taten handelte es sich bei knapp der Hälfe der anzeigten Vorfälle um „Rohheitsdelikte“, darunter fallen Körperverletzungen und Raubtaten. Sonstige Straftaten (dazu zählen Widerstand gegen die Staatsgewalt und Landfriedensbruch) sowie Diebstähle folgen in der Statistik mit 564 beziehungsweise 563 Fällen. Im Vergleich mit den Straftaten in ganz Berlin könne die Polizei keine ausufernde Kriminalität in Flüchtlingsunterkünften erkennen, wie es heißt.