Tödliche Schüsse

„Es war klar, dass hier mal einer durchdreht“

Am Tag nach den tödlichen Schüssen liegt eine gespenstische Ruhe über dem Flüchtlingsheim. Die Bewohner werden abgeschottet.

Sascha Langenbach, der Sprecher des Landesamtes für Flüchtlingsangelegenheiten, beantwortet vor der Flüchtlingsunterkunft an der Moabiter Kruppstraße Fragen von Journalisten

Sascha Langenbach, der Sprecher des Landesamtes für Flüchtlingsangelegenheiten, beantwortet vor der Flüchtlingsunterkunft an der Moabiter Kruppstraße Fragen von Journalisten

Foto: Jürgen Stüber / BM

„Es war klar, dass hier mal einer durchdreht“, sagt Anderl Kammermeier. Der Künstler arbeitet in einem Atelier direkt neben den beiden Traglufthallen an der Moabiter Kruppstraße, wo Dienstagabend das Unglück geschah. Schüsse will der Anwohner gehört haben, als er gegen 21.30 Uhr an seinem Computer saß. Gesehen hat er aber nichts. Minuten später seien zahlreiche Polizeifahrzeuge vorgefahren. Beamte hätten das Gelände abgeriegelt.

Ein 29-jähriger Flüchtling war dort am Dienstagabend bei einem Polizeieinsatz in Berlin durch Schüsse tödlich verletzt worden. Den tödlichen Schüssen war den Angaben zufolge ein Polizeieinsatz wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch eines sechsjährigen Mädchens aus dem Irak vorausgegangen - mutmaßlich die Tochter des Erschossenen. Des Missbrauchs verdächtigt sei ein 27-jähriger Pakistaner, ebenfalls Bewohner der Flüchtlingsunterkunft. Als dieser mit Handfesseln im Funkstreifenwagen saß, sei das spätere Opfer mit einem Messer auf den 27-Jährigen losgegangen, so die Staatsanwaltschaft.

Kein Zutritt für Fremde

Am Tag nach dem Unglück liegt eine gespenstische Ruhe über dem Areal der Flüchtlingsunterkunft auf dem Gelände des Poststadions. Kaum vorstellbar, dass unter dem metallisch schimmernden Dach der Hallen 250 Menschen leben – alleinreisende Männer in der einen, Familien in der anderen Halle. Von den benachbarten Tennisplätzen hallt das „Plopp, Plopp“ der Bälle herüber. Auf der Laufbahn des Sportplatzes zieht ein Jogger seine Bahnen.

Der Herbstwind weht welkes Laub über den vertrockneten Rasen des Sportplatzes, auf dem die Hallen errichtet wurden. Auf dem Asphalt des Vorplatzes haben Kinder mit farbigen Kreiden Bilder gemalt. Einige Männer stehen in Gruppen beisammen. Sie sprechen leise miteinander, tippen Nachrichten in ihre Smartphones. Mütter sitzen mit ihren Kindern auf Bänken. Andere haben sich dort zum Mittagessen niedergelassen. Auf die Frage, ob man das Gelände betreten und mit den Geflüchteten sprechen dürfe, antwortet ein junger Mann, der sich als Mitarbeiter der Stadtmission bezeichnet, „Das dürfen Sie nicht“.

Trauer und Fassungslosigkeit

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Reporter sind auf dem Areal unerwünscht. Mitarbeiter der Stadtmission, dem Träger der Flüchtlingsunterkunft, verweisen auf Sascha Langenbach, den Sprecher des Landesamtes für Flüchtlingsangelegenheiten, der an der Einfahrt der Einrichtung steht. „In der Halle herrscht große Trauer und Fassungslosigkeit“, berichtet er. „Psychologen und Sozialarbeiter der Stadtmission sprechen mit den Geflüchteten und versuchen, die Stimmung aufzufangen.“

360 Grad – So leben Flüchtlinge in Berlin Wie Langenbach berichtet, wurden die aus dem Nordirak stammende Ehefrau des Getöteten und ihre drei Kinder im Alter von drei, sechs und acht Jahren schon in der Nacht zu Mittwoch in eine andere Einrichtung gebracht. „Dort werden sie rund um die Uhr von Psychologen in ihrer Landessprache betreut.“ Den Ort will der Sprecher nicht nennen. Er lobt die Krisenintervention des Trägers der Einrichtung. „Die machen das sehr gut und sind sich ihrer Aufgabe sehr bewusst“, sagt er.

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Kritik an der Unterbringung

„Kinderschutz spielt für uns eine enorme Rolle“, sagt Langenbach. Nur ausgewählte Kräfte, die ein erweitertes Führungszeugnis vorweisen können, hätten Kontakt zu den Geflüchteten. Die Betreuer seien verpflichtet, besondere Vorkommnisse sofort zu melden.

Die Nachbarn in der Remise neben den Traglufthallen wollen nicht als Ausländerfeinde gelten, wenn sie die Art der Unterbringung kritisieren. „Wir kriegen von den Flüchtlingen nicht viel mit“, sagt Kammermeier. „Sie suchen auch keinen Kontakt.“ Von kleineren Streitigkeiten abgesehen komme man miteinander aus. „Aber die Hallen sind zum Wohnen auf Dauer nicht geeignet“, sagt der Künstler. „Seit Anfang des Jahres wohnen sie hier fest und nicht nur übergangsweise, wie man uns ursprünglich sagte.“ Die Menschen lebten auf engstem Raum dort zusammen, hätten kaum Rückzugsmöglichkeiten. Es gebe keine Privatsphäre , denn die Verschläge einzelner Familien seien nach oben offen. Immerhin könnten die Kinder im Sommer auf dem weitläufigen Gelände spielen. Aber jetzt werde es wieder kälter. Dann bleibt ihnen nur die fensterlose Halle.