Sexismus-Debatte

Jenna Behrends und die Wut auf die CDU

Die Kommunalpolitikerin Jenna Behrends wirft führenden CDU-Politikern Sexismus vor. Ein Treffen mit der 26-Jährigen.

Jenna Behrends (26) am Sonnabend in Mitte

Jenna Behrends (26) am Sonnabend in Mitte

Foto: Sergej Glanze

Jenna Behrends sieht erschöpft aus an diesem Sonnabend. Wir treffen sie in Mitte zum Gespräch, dort, wo sie wohnt und auch Kommunalpolitikerin ist. Kurz vorher hat sie ihre dreijährige Tochter zum Vater gebracht. Die junge Frau, die am Freitag in einem offenen Brief gegen die CDU, ihre Partei, Sexismusvorwürfe erhob, hat seitdem viel zu tun. Anrufe, Nachrichten, Interviews. Irgendwann habe sie ihr Handy weggelegt, sei erschöpft eingeschlafen.

Das Online-Magazin "Edition F" veröffentlichte ihren Text mit dem Titel "Warum ich nicht mehr über den Sexismus in meiner Partei schweigen will". Schon im April habe sie eine erste Fassung davon geschrieben. Als sie wütend darüber war, wie schlecht der Umgang mit Frauen in ihrer Partei ist. Weniger wurde die Wut mit der Zeit nicht.

Ein ungutes Gefühl bei abendlichen Veranstaltungen

Jenna Behrends ist eine auffällige Erscheinung. Fast etwas elfenhaft läuft die 26-Jährige die Straße entlang. Im Gespräch wirkt sie zurückhaltend, spricht dennoch eloquent darüber, was passiert ist und wie es ihr nun geht. Noch immer steht sie zu dem, was sie da von sich gegeben hat, sagt sie. Woher kam ihr Mut, an die Öffentlichkeit zu gehen? "Mir ist es am Ende egal, ob ich eine parteipolitische Karriere mache." Bei der CDU jedenfalls wolle sie das nicht, sollte die so bleiben, wie sie ist. Das ungute Gefühl, das sie häufig am Abend nach Parteiveranstaltungen überfiel, war stärker. "Durch die Zuschriften seit Freitag sehe ich wieder, dass ich damit nicht alleine stehe." Aus Kreisverbänden deutschlandweit seien Nachrichten gekommen – von CDU, SPD, FDP, Grünen.

Weil sie eine Stimme vor allem in Sachen Familienpolitik haben, etwas bewegen will, ist sie damals in die Partei eingetreten. Sie wollte mit den Christdemokraten gehen, weil sie ihre Werte am besten vertreten, "mir am nächsten stehen", sagt sie. Auch wenn sie selbst mit unehelichem Kind gar nicht konservativ lebt. Aber es gebe ja auch Menschen, die nicht nur das klassische Bild unterstützen.

Vorstandsmitglieder der Frauen Union distanzieren sich von Kritik

Während Jenna Behrends so spricht, wirkt sie offen, wenn auch überlegt. Nicht aber kalkuliert. Wenn es stimmt, was nun einige über sie sagen, unter anderem auch die Vorsitzende der Frauen Union in Mitte, Sandra Cegla, dass sie karrieregeil und intrigant sei, dass sie häufig lüge, muss sie diese durchtriebene Seite gut zu überspielen wissen. Von der Aussage Ceglas haben sich bereits andere im Vorstand der Frauen Union distanziert, das sei nicht abgesprochen gewesen, heißt es in der CDU.

Noch immer hat Behrends rund 60 Anrufe in Abwesenheit, von Nummern, die sie nicht kennt. Mit so einem gewaltigen Interesse habe sie nicht gerechnet, sagt Jenna Behrends. Fast etwas naiv von ihr, tatsächlich zu glauben, dass das Thema Sexismus nicht für große Aufmerksamkeit sorgen würde. Man erinnere sich an den Fall der Journalistin Laura Himmelreich, die vom FDP-Politiker Reiner Brüderle auf sexistische Weise angegangen worden sein soll.

"Frank Henkel hat sich bei mir nicht gemeldet"

CDU-Chef Frank Henkel, der in Behrends Brief besonders konkret angegriffen wurde, hat sich bislang nicht bei ihr gemeldet. "Ich habe in der Presse nachgelesen, dass er es versucht haben will", sagt Behrends. Habe er nicht, sagt die 26-Jährige.

Laura Himmelreich, inzwischen Chefredakteurin der "Vice", kann den Einzelfall nicht beurteilen. Der Berliner Morgenpost sagt sie: "Da Frank Henkel die Zitate nicht dementiert, kann man davon ausgehen, dass sie so gefallen sind." Prinzipiell finde sie es wichtig, dass diese Debatte weitergeführt wird.

Auch Monika Grütters, Kulturstaatsministerin, sagt am Sonnabend, sie kenne den Fall nur aus der Presse. Trotzdem: "Sexismus hat in einer modernen Großstadpartei keinen Platz." Ähnlich äußert sich Arbeitssenatorin Dilek Kolat (SPD): "Es ist gut, wenn sich Frauen gegen herabsetzende Behandlung wehren. Die öffentliche Debatte darüber ist wichtig. Sexismus im Alltag und Gleichstellungsprobleme sind leider noch immer präsent – das sollten sie im 21. Jahrhundert nicht mehr." In der CDU seien von insgesamt 31 Abgeordneten lediglich vier weiblich. Eine selbstkritische Debatte sei da wohl angemessen.

"Süße Maus" soll Henkel gesagt haben

"Süße Maus" soll Henkel Jenna Behrends und ihre Tochter auf einem Parteitag genannt und "Fickst du die?", den Kollegen Sven Rissmann gefragt haben. Primitiv und brachial – Dinge, die Henkel, wäre Behrends ein junger, aufstrebender Mann, wohl nicht gesagt hätte. "Damals nach der Sexismusdebatte #Aufschrei", erinnert sich Himmelreich, "gab es Umfragen, dass 25 Prozent der Deutschen ihr Verhalten hinterfragt haben. Das ist eine Menge, zeigt aber auch, dass es 75 Prozent nicht getan haben."

Behrends schreibt in ihrem Text, dass sie sich in ihrer Partei als Frau oft unwohl fühle. "Dabei sollte jedem in einem professionellen Umfeld auch professionell begegnet werden", sagt Himmelreich. Aber man sei halt Frau, würde oft darauf reduziert, sagt Behrends. Als sie, die bald ihr Juraexamen beenden möchte und als freie Journalistin tätig ist, ihre Bewerbungsrede für den Listenplatz halten sollte, habe sie sich mehr Gedanken über ihr Outfit als über den Inhalt ihrer Worte gemacht, erzählt sie. "Das überlege ich mir bei jeder politischen Veranstaltung, meine Haare trage ich immer im Zopf." Sie glaubt, dass man es als gut aussehende Frau deutlich schwerer hat.

Wieso sie nicht erst zu Henkel selbst gegangen sei, begründet sie mit den Worten, dass sie nie in einem engen Austausch gestanden hätten. Und das, obwohl sie sich doch sehr häufig begegnet sind. Immerhin ist er nicht nur Landeschef, sondern auch Kreisvorsitzender der CDU Mitte. Ob sie ihm vielleicht bewusst aus dem Weg gegangen ist? Das weiß nur sie.

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