Unterwegs im Wahlkampf

Wie die Basis in Berlin ums Abgeordnetenhaus kämpft

Sechs Parteien, sechs Wahlkämpfer abseits des Rampenlichts. Unsere Reporterin begleitete Kandidaten auf dem Weg ins Parlament.

BIZ / Wahlen zum Abgeordnetenhaus / Parteimitglieder vor dem Preußischen Landtag

BIZ / Wahlen zum Abgeordnetenhaus / Parteimitglieder vor dem Preußischen Landtag

Foto: Reto Klar

Mit dem Bollerwagen für die FDP: Frauke Lindemann und Henner Schmidt

Kurfürstendamm am George-Grosz-Platz, es ist Dienstagnachmittag, 17 Uhr, als Frauke Lindemann und Henner Schmidt mit dem Bollerwagen die Szene betreten. Man muss das so sagen. Die Literaturagentin (58) und der Chemie-Ingenieur (52) wechseln nun ihre Rollen. Es ist heiß, auf der Straße steht der Nachmittagsstau. Auch die Fußgänger sind langsam. Und auf dem Bänken im Schatten sitzen Familien mit Kindern. Wahlkämpfer zu sein, bedeutet, mit Menschen über Politik zu reden. Wie fängt man das an?

"Guten Tag, möchten Sie ein Wasser?" Frauke Lindemann stammt aus Norddeutschland, sie hat diesen Singsang und ein gewinnendes Lächeln. Die ersten Passanten bleiben stehen. "Sind Sie Berliner? Und gehen Sie wählen?", fragt sie, reicht Prospekte und Wasser. Die ersten greifen zu, zwei Herren auf der Bank aber lehnen ab. "FDP? Nee. Dat wählen wa nicht. Sind auch gar nich von hier." Die Herren sind Rheinländer.

Die Wasserflaschen haben sie selbst gekauft, erzählen die beiden, 50 Stück, und selbst beklebt. "Mehr Frische!", steht darauf, darunter liegt das neonfarbene Logo des diesjährigen FDP-Wahlkampfes. "Möchten Sie ein Wasser?" –"Nicht von der FDP", sagt ein Mann mit Hund. Eine Frau sagt: "Geben Sie mir gleich mehr, ich mache Werbung für Sie." Und eine weitere: "Ich bin auch in der FDP, ich werde Sie wählen!" Die Wahlkämpfer bedanken sich begeistert.

Bei den Wahlen 2011 bekam die FDP in Charlottenburg nur 3 Prozent, berlinweit waren es nur 1,8, die Partei flog aus dem Abgeordnetenhaus. Den damaligen Wahlkampf hat Frauke Lindemann in schlimmer Erinnerung: "Damals gab es viel Ablehnung, es lag an der Bundespolitik der FDP." Diesmal erleben sie es ganz anders, sagen beide. "Die Leute kommen auf uns zu, erstaunlich viele fragen nach unserem Programm, wollen sich informieren. Viele sagen, sie wüssten nicht, wen sie dieses Mal wählen sollen."

Das wichtigste Thema in Charlottenburg? "Tegel, Tegel, Tegel", sagt Henner Schmidt und lacht. Die Offenhaltung des Flughafens Tegel interessiert viele Charlottenburger, weil es zum BER nach Schönefeld ungleich weiter ist. Frauke Lindemanns wichtigstes Thema ist die Kultur. 2007 trat sie dafür in die FDP ein. Vorbild sei für sie Monika Grütters, heute Staatsministerin für Kultur und Medien – allerdings in der CDU. Frauke Lindemann lacht. Wichtiger noch als Parteipolitik ist für sie offenbar das konkrete Engagement des Einzelnen in Berlin.

Henner Schmidt macht Politik seit Studentenzeiten. "Die FDP hatte an meiner Uni die erfolgreichste Studentengruppe", sagt er. Er stammt aus Düsseldorf, ist Chemie-Ingenieur und wie Frauke Lindemann selbstständig. Schmidt saß schon einmal für die FDP im Abgeordnetenhaus. Wenn er es diesmal wieder schafft – er hat mit seinem Listenplatz 1 in Charlottenburg gute Chancen –, "werde ich mich für Energie- und Umweltthemen engagieren". Eins hat er dabei manch grünem Kontrahenten in Sachen Umweltengagement voraus: "Ich habe kein Auto." Statt mit dem Bollerwagen ist er normalerweise mit dem ÖPNV unterwegs.

In Müllers Revier: Markus Klaer kandidiert für die CDU in Alt-Tempelhof

Ab jetzt werden sie acht Stunden täglich im Wahlkampf unterwegs sein, jeden Tag außer Sonntag. Angefangen haben sie mit Klingeltouren an den Haustüren, jetzt stehen sie auf der Straße. "Die Leute wollen jetzt sehen, dass wir für sie da sind", sagt Markus Klaer. Der 48-Jährige klingt entschlossen. Es ist sein dritter Wahlkampf als Direktkandidat in Alt-Tempelhof. Im vergangenen Jahr verlor er knapp gegen Michael Müller, der inzwischen Regierender Bürgermeister ist. Klaer zog über die Liste dann doch noch ins Abgeordnetenhaus ein, als Nachrücker. "Aber wenn ich diesmal nicht direkt gewinne, habe ich über die Liste keine Chance." Ein Grund mehr, zu kämpfen. An seinem Revers klebt ein Schildchen: "Müller vom Feld!"

Es ist halb sieben am Morgen, Klaers Helfer bauen den Stand auf, er selbst steht schon am U-Bahnausgang. Doch noch hat niemand Zeit für ihn. Der frühe Morgen ist in Tempelhof die Stunde der Maler und Monteure, nicht der politischen Fragen. Die meisten winken eilig ab, als Klaer ihnen CDU-Broschüren anbietet. In dem Flyer mit Klaers Foto liegt unter anderem das "Bürgerprogramm für ein starkes Tempelhof".

Die wichtigsten Themen im Wahlkampf, sagt Klaer, seien Probleme vor der eigenen Haustür. Die Offenhaltung von Tegel interessiere hier kaum, "beide Flughäfen sind gleich gut angebunden". Der ehemalige Flughafen Tempelhof dagegen sei ein Dauerthema, "nicht allein wegen der Flüchtlinge, die dort untergebracht sind". Die Anwohner beschäftige vor allem, ob auf dem Tempelhofer Feld nun doch gebaut werde, "obwohl sie beim Volksentscheid dagegen gestimmt haben".

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Markus Klaer ist wohl ein ungewöhnliches CDU-Mitglied. Er ist für die Einhaltung des Volksentscheids, stimmte als einziges Mitglied der großen Koalition im Januar gegen das Gesetz, mit dem der Senat den Volksentscheid aufweichte. Seitdem ist Klaer im Kiez ziemlich beliebt. "Ich wähl nicht die CDU, aber Sie", sagt ein Mann, andere grüßen aus Autos. Einer sagt im Vorbeigehen: "Letztes Mal hab ich Sie gewählt, aber diesmal AfD." Klaer wünscht ihm trotzdem einen schönen Tag.

Politisch eckt Klaer an, aber äußerlich fällt er kaum auf. An diesem Tag trägt er Jackett und blaues Hemd zu grauer Jeans und Turnschuhen, später steht eine Sondersitzung eines Ausschusses im Abgeordnetenhaus an. Aufgewachsen ist Klaer in Westfalen, bis 1998 war er Offizier der Bundeswehr, dann von Beruf Vermessungsingenieur. Er ist Katholik – und Vorsitzender der "Lesben und Schwulen in der Union" in Berlin. CDU-Mitglied sei er seit 1998. Warum ausgerechnet diese Partei? "Die CDU steht für Freiheit, nicht für Gleichheit, wie sie andere Parteien fordern", sagt er. "Ich möchte unterschiedlich sein dürfen. Dafür habe ich mich auch schon in der Bundeswehr eingesetzt."

Ärger gibt es dann wegen einer ganz anderen Sache. "Geh arbeiten!", ruft ein Bauarbeiter ihm zu, Klaer ruft zurück: "Tu ich doch!" Ein Rentner ("Bin 73, 45 Jahre auf dem Bau geschuftet") unterstellt Klaer, nur wegen des Abgeordnetensalärs zu kandidieren. "Ah, Sie haben Radio gehört", sagt Klaer. Ein privater Radiosender verlose derzeit 5000 Euro monatlich und unterstelle, so viel würden Abgeordnete verdienen. "Es sind 3300 Euro plus Sachkostenzulage", stellt Klaer richtig. "Wenn ich voll in meinem Beruf arbeiten würde, hätte ich mehr." – "Warum machen Sie dann Politik?", will der Mann wissen. – "Weil ich mich für Menschen wie Sie einsetzen will." Touché. Der Rentner verabschiedet sich freundlich.

Hingehen, wo es wehtut: Enrico Stölzel tritt für die SPD in Hellersdorf an

Die U-Bahnlinie 5 verbindet zwei Welten. Am einen Ende liegt Berlins selbstbewusste Mitte, die U5 wird hier gerade zum Brandenburger Tor verlängert. Am anderen Ende liegt Hellersdorf, wo Menschen über sich selbst sagen: sie müssten hier eben wohnen, "weil die Mieten die billigsten von ganz Berlin sind". Das zumindest behauptet der Mann, der an diesem Abend als erster am Wahlkampfstand der SPD am Bahnhof Louis-Lewin-Straße steht. "Gucken Sie sich um, das wird hier ein Getto, wenn nichts passiert!", sagt er mit türkischem Akzent.

Die Gegend bietet tatsächlich wenig fürs Auge. Der gelb geachelte Bahnhof atmet DDR-Schick, drumherum: Plattenbauten, so weit das Auge reicht. Rechter Hand entsteht unter der optimistischen Überschrift "Berlin baut für die wachsende Stadt" gerade ein Flüchtlingsheim. Auf der anderen Straßenseite wirbt die Plakatwand in Schwarz-Weiß für einen Mann: "Enrico Stölzel, SPD", steht da und als Zusatz ein Hashtag: #echt.

Der echte Enrico Stölzel, 29 Jahre alt, weißes Hemd, schwarze Hose, wendet sich jetzt dem wütenden Mann zu, der sagt, er sei Sozialarbeiter, seine Frau auch, "erzählen Sie mir nichts, ich kenne mich aus!" Auch sie seien aus Spandau nach Hellersdorf hergezogen wegen der Mieten. Jeden Tag fährt er nun einmal quer durch Berlin. "Aber unsere Kinder müssen hier auf eine Privatschule gehen, weil an der Regelschule 90 Prozent der Kinder Sozialhilfeempfänger sind. Das geht doch nicht!"

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Der junge Politiker versucht zu antworten, doch der Mann ist eine rhetorische Herausforderung. Stölzel erklärt ihm das erfolgreiche Coaching-Modell an Hellersdorfer Schulen, der Spandauer winkt ab. Stölzels berufliches Thema ist die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit, er arbeitet selbst in der Jugendberufsagentur: Kopfschütteln. Dann fragt er sein Gegenüber, ob ihm noch nicht aufgefallen sei, dass Hellersdorf ein sehr lebenswerter Bezirk sei, mit viel Platz und viel Natur? "Nennen Sie mir mal neue Ideen, dann wähle ich Sie!"Die beiden trennen sich unentschieden.

Es ist Stölzels erster Wahlkampf als Direktkandidat. Er hat Urlaub genommen dafür, jeden Tag stehen sie hier, seit Wochen, Louis-Lewin-Straße, wo die Arbeitslosigkeit groß ist wie die Hoffnungslosigkeit. Und die Wut. Das Stichwort "echt" auf Stölzels Plakaten soll heißen: "Ich bin hier geboren und aufgewachsen und lebe hier immer noch gern", sagt der Politiker. Es soll aber wohl auch heißen, dass er sich den Realitäten stellt.

Manches ist er schon aus den vergangenen Wahlkämpfen gewohnt. Sprüche wie den von dem jungen Paar: "Die lügen doch alle hier!" Manches aber ist auch neu. Die Frau etwa, die von Stölzel begeistert begrüßt wird. "Vor vier Wochen haben wir uns hier kennengelernt, jetzt ist sie in die SPD eingetreten", sagt er stolz. Anlass sei ein Erlebnis mit einer Nachbarin gewesen, erzählt die Frau: "Sie ist fast auf mich losgegangen, weil ich sie auf eine ausländerfeindliche Bemerkung hin angesprochen habe." Ich habe selbst in Neuseeland gelebt.

Stölzel ist Direktkandidat im Wahlkreis 3, Hellersdorf Nord-Ost. In den vergangenen Jahren trat hier Marlitt Köhnke an, sie gründete 1989 die SPD in Marzahn mit, war Bezirksbürgermeisterin. Lange war die Linke hier tonangebend, bekam teilweise die absolute Mehrheit, erzählt sie, "aber das ist vorbei". Stölzel errechnet, dass ein Sieg der SPD dieses Mal zumindest nicht ausgeschlossen ist.

Als der Stand abgebaut wird, läuft Stölzel zum Theaterplatz schräg gegenüber. Der Name klingt ein bisschen wie Hohn, ein Theater gibt es hier höchstens im übertragenen Sinne: Auf den Bänken, wo Männer und Frauen mit Bierflaschen sitzen. Als Stölzel ihnen Wahlprogramme anbietet, antworten sie im Chor: "Hamwa schon! Aber darfst trotzdem bleiben."

Stölzel hört sich die Sorgen an. Das neue Flüchtlingsheim, wovor haben sie Angst? Von Angriffen der Rechten, erzählt einer, der dort arbeitet. Die Baustelle sei mehrfach verwüstet worden. "Und die Flüchtlinge! Die bekommen alles und bei uns leben Nachbarn auf der Straße." Stölzel kennt den Fall, weiß von Leuten, die ihren Fernseher verkaufen müssen, weil die Sozialhilfe nicht reicht. "Da kann man nur schwer argumentieren."

Er versucht es trotzdem. Nicht Plattenbau oder Stadtrand treiben die Menschen an den rechten Rand, "sondern das Gefühl, nicht wahrgenommen zu werden". Deshalb zieht er abends in eine Kneipe, vor der eine Runde muskulöser Bauarbeiter sitzt. Kahle Köpfe, Tattoos, Goldkettchen. "Auf ein Bier" heißt Stölzels Wahlkampfkonzept, er war schon mal hier. Als er ankommt, wird er lautstark begrüßt: "Ey, du Spitzenkandidat!" Und dann machen sie ihm Platz.

Für die Grünen im Weitlingkiez in Lichtenberg: Stefan Taschner

"Warum hängen Sie nicht mehr Plakate für die Grünen auf? Überall NPD, und gucken Sie mal da hinten, von der AfD guckt in jedes Schlafzimmer einer rein!" Die erste Interessentin der Grünen steht schon da, bevor der Fahrrad-Wahlstand am S-Bahnhof Nöldnerplatz fertig aufgebaut ist. Um drei Uhr nachmittags drängen aus dem Bahnhof junge Eltern mit Kindern, Frauen mit Kopftuch, dazwischen Tätowierte mit großen Ringen im Ohr. Die Dame am Stand ist Großmutter. Sie lebe in Kreuzberg, aber die Enkel seien mit den Eltern gerade hierhergezogen. "Aber so viel braun an den Laternen, das geht nicht!"

Stefan Taschner, 46 Jahre alt und Direktkandidat der Grünen im Kiez, versucht, seiner Mitstreiterin das Problem zu erklären. "Mehr Plakate bedeuten auch mehr Material, das dann weggeworfen wird. Außerdem haben wir in Lichtenberg nicht so viele Mitglieder, die helfen können." Grünen-Hochburg in Berlin ist Kreuzberg, in Lichtenberg haben sie gerade mal 110 Mitglieder. "Wir müssen uns genau überlegen, wo wir hingehen." Neulich zum Beispiel hätten sie in Karlshorst Plakate aufgehängt, erzählt ein Helfer, "weil da außer der NPD überhaupt keine Partei geworben hat. Das wollten wir nicht so stehen lassen."

Lichtenberg, Weitlingkiez: Das Viertel galt nach der Wende als Quartier der rechten Szene. "Inzwischen wird viel saniert und in Eigentum umgewandelt, die Mieten steigen", sagt Taschner. Am Stand stehen inzwischen auch weitere Direktkandidatinnen aus den Nachbarwahlkreisen. Sie reichen Wahlprogramme und beantworten Fragen – wie die nach der Androhung eines Säureanschlags am Morgen. "Soll man euch die Buttersäure gleich vor Ort verabreichen?", hatte ein Twitterer gefragt. "Nur so ein Blödmann", sagt Daniela Ehlers, politische Geschäftsführerin der Grünen Jugend und Kandidatin im Lichtenberger Wahlkreis 1. "Wir haben das gerade bei der Polizei angezeigt." Polizeischutz wie die AfD haben sie nicht. "Aber die Wache ist ja gleich um die Ecke."

Sie sind hier Anfeindungen und rechte Einstellungen gewohnt. Ein Anwohner berichtet, das ein Nachbar ein Hitler-Bild im Keller hängen habe, "da treffen sie sich dann". Er selbst sei vor zehn Jahren in den Weitlingkiez gezogen, "aber zum Arbeiten und Ausgehen fahre ich woandershin". Taschner hört interessiert zu. Der Grünen-Kandidat stammt aus Bayern, er lebt in Friedrichshain. Im Weitlingkiez sei eine ähnliche Entwicklung absehbar. Noch sei es möglich, manches zu verhindern, sagt er dem Anwohner, "zum Beispiel über effektiven Milieuschutz". Andere In-strumente, wie die Mietpreisbremse, seien dagegen Angelegenheit der Bundespolitik, "das muss man als Lokalpolitiker auch ehrlich sagen".

Taschners wichtigstes Thema ist die Energie. Der promovierte Geograf lebt in Berlin, arbeitete bisher in der Umweltbewegung. In Berlin gründete Taschner den Energietisch mit, der sich für den Rückkauf der Energienetze einsetzt. Darüber sei er zur Politik gekommen. Er hat das Volksbegehren zum Rückkauf der Energienetze auf den Weg gebracht, "einen Winter lang haben wir auf der Straße gefroren, um 230.000 Unterschriften zu sammeln." Sinnvoller als so ein aufwendiges Verfahren sei es, "solche Fragen in der Politik durchzusetzen". Wenn alles klappt, wird sich Taschner demnächst im Abgeordnetenhaus dafür einsetzen, denn er steht auf Platz 6 der Landesliste seiner Partei.

Für die AfD Zehlendorf: Hans-Joachim Berg

Am Mittwochmorgen um elf Uhr stehen fünf Polizisten in schusssicheren Westen am AfD-Stand in Lankwitz. Passanten bleiben stehen. Ist etwas passiert? "Nein", beruhigt eine Polizistin die Menschen. Im Zentrum des Auflaufs steht Hans-Joachim Berg, weißhaarig und freundlich lächelnd. Der 68-Jährige ist Bezirksvorsitzender der AfD Steglitz-Zehlendorf und stellvertretender Landeschef in Berlin. Er sagt: Dass er die Polizei vorab informiert habe. "Das tun wir bei jedem Stand." Berg deutet ein Lächeln an. An dieser Stelle habe es schon einmal einen Angriff auf einen AfD-Stand gegeben. "Wir werden beobachtet. Sehen Sie den Mann da mit Sonnenbrille und Fahrrad?"

Wenig später sind die Beamten weg, der Radfahrer auch, das Gedränge bleibt. Mehrere ältere Herren und eine junge Frau bieten Passanten Prospekte an. "Bitteschön, Informationen zur AfD?" Wer zugreift, bekommt außerdem Einkaufswagenchips mit 1-DM-Logo in die Hand gedrückt. Sie stammen noch aus dem Bundestagswahlkampf 2013. Aber das Thema von damals, der Euro, interessiert an diesem Tag niemanden.

>>>Wahl-O-Mat: Welche Partei passt zu mir?<<<

Seit dem Wahlerfolg der AfD in Mecklenburg-Vorpommern habe sich die Stimmung gedreht, sagt Berg, als ein Parteikollege auf ihn zuläuft: "Du, wir brauchen mehr Material, es ist alles schon weg, das ist der Wahnsinn!" Der Mann schwitzt. Was treibt Menschen zur AfD? Eine ältere Dame verstaut AfD-Flugblätter in der Fahrradtasche. "Ich war nie für die Rechten", sagt sie, " aber diese Herren wirken doch sehr gebildet. Oder?" Ganz sicher sei sie nicht, deswegen wolle sie das Programm lesen. Vom Flugblatt, das noch aus ihrer Tasche ragt, springt einen der Begriff "Masseneinwanderung" an.

Zweifel begegnen die AfD-Herren am Stand gern mit der eigenen Lebensgeschichte. Hans-Joachim Berg stellt sich so vor: "Jurist, 40 Jahre CDU, jetzt AfD." Ein Ingenieur erzählt, er habe schon 1968 gegen den Vietnamkrieg demonstriert. Giselher Suhr ("71, ein Leben lang in der SPD") sagt, nur mit der AfD könne man "endlich die Wahrheit aussprechen". Sein Beruf ist Journalist. "Ich war in leitender Funktion beim ZDF." Kein Zuhörer fragt nach. Nur selten widersprechen Passanten. Eine Frau ruft auf die Frage, ob sie "Informationen der AfD" wolle: "Nein, wir schaffen das!" Und eine andere: "Erzählen Sie mir mal was anderes als immer nur von Flüchtlingen!"

Schwieriger wird es bei den Inhalten. "Haben Sie überhaupt welche?", will ein Mann wissen. "Doch", sagt einer der AfD-Herren, "wir sind für die Stammfamilie. Für Vater, Mutter, Kind, aber nicht für diese Auswüchse. Wenn ein Kind in der Schule sagt, es hat zwei Väter, wird es doch gemobbt." Als der Frager schweigt, fährt der Wahlkämpfer fort: "Und, ach ja, wir sagen, dass der Islam nicht dem Grundgesetz entspricht."

Tara Vonessen, Die Linke, Hermsdorf

Für sie ist alles das erste Mal: Tara Vonessen, 19 Jahre alt, wird nicht nur zum ersten Mal in Berlin wählen gehen, sondern tritt gleichzeitig auch als Kandidatin an – für die Linke in Hermsdorf (Wahlkreis Reinickendorf 12 06). Nach dem Abi ist sie 2015 aus Freiburg nach Berlin gezogen, um sich mit einem Freiwilligen Sozialen Jahr auf das Studium vorzubereiten, das sie demnächst beginnen will: Psychologie.

Den Wunsch, sich über eine Partei auch politisch für sozial Schwache zu engagieren, hat sie von zu Hause mitgebracht, sagt sie: "Meine Familie ist selbst politisch engagiert, links und grün. Ich bin mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass wir in Deutschland sehr privilegiert leben – und dass man davon ein Stück an Menschen weitergeben sollte, die nicht so viel haben."

Wie wird man Politikerin – mit gerade mal 19? "Ich habe über verschiedene Jugendorganisationen dazu gefunden. Über Straßenaktionen und Demonstrationen zum Beispiel entstehen schnell Kontakte." In Reinickendorf treten neben Tara Vonessen weitere Nachwuchspolitiker für die Linke an. Gemeinsam ziehen sie mit ihrem Stand durch den Bezirk, unterstützt vom Wahlkampfleiter und älteren Genossen. Sie helfen im Zweifelsfall auch, wenn es argumentativ schwierig wird.

Wobei Tara Vonessen das, wie es aussieht, gar nicht nötig hat. Am Donnerstag steht der Linke-Stand am S-Bahnhof Hermsdorf an einem grünen Platz zwischen Sparkasse, Restaurants und kleinen Geschäften. Eine Idylle, wie eine junge Frau bestätigt, die mit ihren Kindern vorbeikommt. Sie habe schon gewählt, sagt sie den Wahlkämpfern, "per Briefwahl in Friedrichshain". Sie seien gerade von dort hierher ins Grüne gezogen. In Friedrichshain wäre es schwer geworden, eine größere, bezahlbare Wohnung zu finden. Wie sie machen es immer mehr Familien, sagt sie, "sie ziehen aus der Stadtmitte hierher ins Grüne". Wird dies das Wahlverhalten beeinflussen? In Reinickendorf bekam die Linke 2011 nur 3,3 Prozent, die CDU dagegen 38,4. Die Mutter sagt, sie hoffe, "dass sich etwas bewegt". In Reinickendorf fehlten zum Beispiel kulturelle Einrichtungen. "Es gibt nur ein Kino."

Tara Vonessen wohnt im Nachbarviertel Waidmannslust. Ein Thema, bei dem sie gut mitreden kann, ist Obdachlosigkeit. Für das FSJ hat sie in einer Notunterkunft für Obachlose in Reinickendorf gearbeitet. Weitere Station ist eine Psychiatrie. "Es kann nicht sein, dass sich der Staat in der Versorgung von Obdachlosen in so großem Maß auf Ehrenamtliche verlässt", sagt sie. Wird sich das mit ihr als Politikerin nun ändern? Tara Vonessen lacht. Dass sie tatsächlich ins Abgeordnetenhaus einzieht, ist ziemlich unwahrscheinlich. "Aber es geht nicht allein darum. Politik bedeutet, Menschen einen anderen Blickwinkel auf Themen zu geben. Wenn sie nach so einem Gespräch weiter nachdenken, ist schon etwas erreicht."

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