Mordprozess

Tödliches Autorennen: Angeklagten droht lebenslänglich

Bei ihrem Autorennen in der City West starb ein unbeteiligter 69-Jähriger. Jetzt stehen Hamdi H. und Marvin N. in Berlin vor Gericht.

Die wegen Mordes angeklagten Marvin N. (2.v.l.) und Hamdi H. (5.v.l.) im  Verhandlungssaal des Kriminalgerichts in Moabit

Die wegen Mordes angeklagten Marvin N. (2.v.l.) und Hamdi H. (5.v.l.) im Verhandlungssaal des Kriminalgerichts in Moabit

Foto: Paul Zinken / dpa

„Die Angeklagten werden beschuldigt, heimtückisch und aus niederen Beweggründen einen Menschen getötet zu haben“. Dieser Satz steht am Anfang jeder Anklageschrift in einem Mordprozess. Bei Verhandlungen zu Verkehrsunfällen mit tödlichem Ausgang ist er vor deutschen Gerichten jedoch noch nicht gefallen. Bis zum Donnerstag. Da begann am Landgericht Moabit der Prozess gegen zwei 27 und 24 Jahre alte Männer, die über Berlin hinaus als Kudamm-Raser bekannt geworden waren.

Marvin N. (24) und Hamdi H. (27) sollen in der Nacht zum 1. Februar dieses Jahres auf dem Kurfürstendamm und der Tauentzienstraße mit ihren hochtourigen Fahrzeugen ein illegales Rennen veranstaltet haben, bei dem ein unbeteiligter 69-Jähriger ums Leben kam. Für die Staatsanwaltschaft ist der Fall nach sechsmonatigen Ermittlungen klar: Sie klagte die beiden des Mordes an. Eine von vielen Seiten als mutig bezeichnete Anklage, mit der absolutes Neuland in der deutschen Rechtsprechung betreten wird. Verfahren wie dieses endeten in der Vergangenheit in den meisten Fällen mit einem Schuldspruch wegen fahrlässiger Tötung. In weitaus selteneren Fällen gab es Verurteilungen wegen Totschlags.

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Entsprechend groß war das Interesse beim Prozessauftakt. Drei Dutzend Journalisten und Kamera-Teams sämtlicher Fernsehsender waren anwesend, auch der Zuschauerbereich im größten Saal des Kriminalgerichtes war bis auf den letzten Platz gefüllt. Marvin N. wird von zwei, Hamdi H. gar von drei Anwälten verteidigt. Komplettiert wird die Riege der Prozessbeteiligten von zwei Nebenklägern samt Anwälten, dem Sohn des Getöteten und einer jungen Frau, die bei dem Rennen im Auto von Marvin N. saß. Für den Prozess vor der 35. Großen Strafkammer als Schwurgericht sind elf Verhandlungstage angesetzt, mehr als 50 Zeugen und mehrere Sachverständige sollen gehört werden, bevor die Richter am 17. November ihr Urteil sprechen wollen.

In seiner Anklageschrift ließ der Vertreter der Staatsanwaltschaft das tödliche Geschehen am 1. Februar um kurz nach Mitternacht Revue passieren. Die beiden Angeklagten sollen sich auf dem Kurfürstendamm getroffen und ein illegales Rennen, in der Szene als „Stechen“ bezeichnet, vereinbart haben. Unmittelbar danach begann die wilde Raserei. Hamdi H. soll als erster Vollgas gegeben und gleich mehrere rote Ampeln überfahren haben.

Marvin N. wunderte sich nach Aussage seiner Beifahrerin zunächst noch über den Mitangeklagten („Wieso fährt der wie ein Verrückter“) und hielt noch vor zwei roten Ampeln. Dann aber soll auch er Vollgas gegeben und Hamdi H. schließlich eingeholt haben. An der Kreuzung Tauentzienstraße Ecke Nürnberger Straße überfuhren beide Angeklagte wieder eine rote Ampel. Der 69-Jährige, der bei Grün von rechts in den Kreuzungsbereich einfuhr, wurde von Hamdi H.’s Wagen mit 160 Kilometern pro Stunde erfasst, sein Fahrzeug durch den Aufprall 50 Meter weit geschleudert. Er hatte keine Chance und starb noch am Unfallort.

Für die beiden Angeklagten geht es um viel, wenn nicht sogar um alles. Für Mord sieht das Gesetz nur eine Strafe vor: Lebenslänglich. Ob das den beiden Männern auf der Anklagebank bewusst ist, ließ sich am Donnerstag schwer einschätzen. Marvin N. saß steif und regungslos auf seinem Stuhl, der Verhandlung folgte er mal mit geschlossenen Augen, mal mit einem starrem Blick nach vorn. Hamdi H. weinte nahezu die gesamte Zeit fast lautlos vor sich hin. Beide Angeklagte äußerten sich zunächst nicht.

Dafür sprachen ihre Verteidiger und machten deutlich, dass sie den Mordvorwurf abstreiten. Die Staatsanwalt habe aus einer Ordnungswidrigkeit einen Mord kon­struiert, sagte ein Verteidiger. Ein anderer sprach von einem rechtlich zweifelhaften Vorgehen der Anklagebehörde. Für die Verteidiger ist den Angeklagten höchstens fahrlässige Tötung nachzuweisen.

Bei der Staatsanwaltschaft macht niemand ein Hehl daraus, dass die harte Anklage auch einen Abschreckungseffekt haben soll. Das ist aber keineswegs der entscheidende Faktor für die Ankläger. Beide Angeklagte hätten in unglaublicher Rücksichtslosigkeit den Tod Unbeteiligter in Kauf genommen, und gemeingefährliche Mittel eingesetzt, nur um zwecks Selbstbestätigung ein Autorennen zu gewinnen. Der Prozess wird am 12. September fortgesetzt.