Wahrzeichen

Als der Funkturm noch „Funkturm Lietzensee“ hieß

Am 3. September 1926 wurde der Berliner Funkturm eröffnet. Die Geschichte eines 90 Jahre alten Wahrzeichens.

Während der IFA wird der Funkturm rot angestrahlt

Während der IFA wird der Funkturm rot angestrahlt

Foto: P4444/_Volkmar Otto / Messe Berl / obs

Es war ein glänzender Auftakt. Als auf den Tag genau vor 90 Jahren am 3. September 1926 der Sendemast des Berliner Funkturms eröffnet wurde, schien die Sonne auf das damals als technisches Wunderwerk gefeierte neue Wahrzeichen Berlins. Der neue Funkturm schimmerte im Sommerlicht und strahlte weit über das Messegelände hinaus. Nach der Leonoren-Ouvertüre von Beethoven und Festansprachen kündigten drei laut dröhnende Böllerschüsse die offizielle Inbetriebnahme des nach Plänen von Architekt Heinrich Straumer realisierten Sendemastes an, der mit seinen damals 135 Metern Länge als höchster Turm Deutschlands galt. „Langer Lulatsch“ wurde der Funkturm noch Jahrzehnte von den Berlinern genannt.

Auch heute ist er für viele, vor allem West-Berliner, ein identitätsstiftendes Wahrzeichen. Und er ist nicht zuletzt „der weithin sichtbare Leuchtturm des Messegeländes“, wie der stellvertretende Messesprecher Wolfgang Rogall sagt. Als Leuchtturm strahlt der unterdessen 147 Meter hohe Turm jetzt anlässlich der aktuellen Internationalen Funkausstellung 2016 abends in Rot. Eine hochmoderne Lichtanlage mit 68 LED-Leuchten macht das möglich. Zur Eröffnung vor 90 Jahren leuchteten stattdessen abends 4000 Glühbirnen auf der anfangs noch vorhandenen Lichtreklame, auf der „Berliner Fach-Messen“ zu lesen war.

Damals war es noch die „Deutsche Große Funkausstellung“

Anlass für die feierliche Funkturm-Eröffnung am 3. September 1926 war der Start der dritten und noch nicht „Internationalen“, sondern „Deutschen Großen Funkausstellung“ auf dem Messeareal. Der als „Stimme Berlins“ damals bekannte Radiopionier und ab 1953 erste Intendant des SFB, Alfred Braun (1888–1978), deklamierte den Funkturm-Prolog des Schriftstellers Hans Brennert: „Achtung! Hier Funkturm Lietzensee! Zwischen Havel und Oberspree! Der Funkturm sendet im Programm. Die Funkturmweihe vom Kaiserdamm ...“

Schon drei Jahre nach dieser „Weihe“ der überaus weltlichen Architektur wurden bereits 1929 die ersten Fernsehtestbilder vom Funkturm aus gesendet.

Zu den herausragenden Ereignissen der wechselhaften „Turm-Geschichte“ zählt in den Anfangsjahren der Besuch Albert Einsteins. Der weltbekannte Physiker und Nobelpreisträger eröffnete am Funkturm 1930 die siebte Funkausstellung. Zwei Jahre später schon wurde die weltweit erste Fernsehsendung über Ultrakurzwelle (UKW) ausgestrahlt. Sendungen des Hörfunks wurden bereits im Eröffnungsjahr gesendet.

Der erste Fahrstuhl war noch ziemlich langsam

Beim Ausbau des Stahlfachwerkmastes zum Funkturm standen die Arbeiter damals vor zahlreichen Herausforderungen. Beispielsweise auch beim Bau der Fahrstuhlanlage. Der erste Aufzug brauchte noch eine Sekunde für 2,50 Meter auf dem Weg nach oben. Das geht heute bedeutend schneller. Gerade mal 33 Sekunden dauert die zügige Fahrt im funkgesteuerten gläsernen Fahrstuhl bis zur Aussichtsplattform.

Dass der Funkturm heute noch immer steht, ist keine Selbstverständlichkeit. 1935 löste ein Feuer in der alten Funkhalle einen Kurzschluss aus, in dessen Folge das Restaurant größtenteils zerstört und der Sender sowie die Leuchtreklamen-Anlage verglühten. Die Antenne wurde abgebaut, der Funkturm funkte nicht mehr. Eine neue Anlage in Tegel wurde vom Sender Berlin-Witzleben genutzt.

Seit 1966 genießt der Funkturm Denkmalschutz

Zehn Jahre später fiel der Funkturm fast einer Granate zum Opfer die 1945 in eine der vier Hauptstreben einschlug. Doch das Bauwerk geriet nicht ins Wanken. Arbeiter sollen ihn damals mit insgesamt 7,2 Tonnen Stahl und 800 Kilogramm Schrauben und Nieten wieder instand gesetzt haben. Seit 1966 steht der Funkturm unter Denkmalschutz.

Seine Bedeutung als Wahrzeichen und Anziehungspunkt für bislang mehr als 17,3 Millionen Besucher verdankt der Funkturm vor allem dem schwebenden Turmrestaurant sowie der Aussichtsplattform in 126 Metern Höhe unterhalb der Turmspitze. „Unter unseren Besuchern sind nach wie vor viele Prominente, die das besondere Ambiente und die Intimität in unserem Restaurant genießen“, sagt Heiko Falkner. Stichwort Vertraulichkeit. Aktuell will Falkner, der „Projektleiter Funkturm“, deshalb keine Namen nennen. Lieber spricht er über vergangene Zeiten, die lange vor seinem Start im Funkturm-Restaurant 1993 liegen.

Gästebuch der Nachkriegszeit wurde gestohlen

Beispielsweise die 50er-Jahre. Ein „ganz besonderes Gästebuch der Nachkriegszeit“, das er selbst noch gesehen hatte, sei gestohlen worden, die ersten Gästebücher hingegen verbrannt, erzählt Falkner. In den Gästebüchern hatten sich internationale Stars wie Marlene Dietrich oder auch nationale Berühmtheiten wie Theo Lingen verewigt. Im Funkturmrestaurant speisten Hans Söhnker oder Heidi Kabel, aber auch Politiker wie Theodor Heuss, Jakob Kaiser, Herbert Wehner oder Annemarie Renger.

„Ich wollte immer hoch hinaus und jetzt habe ich es geschafft und feiere hier oben meinen Geburtstag“, zitiert Falkner eine Eintragung von Marlene Dietrich. „Ich hatte das Buch mal in der Hand und erinnere mich noch daran, was die Dietrich in das Buch geschrieben hatte“. Das Ambiente, in dem Marlene Dietrich Geburtstag feierte, macht auch heute noch den Charme des schwebenden Restaurants aus – neben dem Rundumpanorama durch die schrägen Scheiben. „Die Einrichtung ist weitestgehend im Stil der 20er-Jahre“, sagt Falkner.

Scheel witzelte über den Funkturm

Vieles, was durch den Granatentreffer im Krieg zerstört wurde, hat man in den 50er-Jahren originalgetreu ersetzt.

Dass der Funkturm lange auch als Berlins kleiner Eiffelturm wahrgenommen wurde, mag ein wenig vermessen sein. Denn das Pariser Bauwerk ist mit 324 Metern Höhe immerhin mehr als doppelt so hoch wie der Funkturm, der erst 135, dann 150 Meter hoch und nach der Demontage seiner Sendeanlage 1989 mittlerweile mit 147 Meter Höhe in Berlins Himmel ragt.

So soll bei der Eröffnung des Internationalen Congress Centrums (ICC), welches am Fuße des Funkturms liegt, der am 24. August 2016 verstorbene damalige Bundespräsident Walter Scheel von einer „Zimmerantenne“ gesprochen haben. Gleichwohl, als leuchtendes Wahrzeichen Berlins hat der Funkturm auch an seinem 90. Geburtstag nach wie vor große Strahlkraft.