Mobilität

Wie es um die Radwege von Brandenburg bestellt ist

Ein Bauingenieur aus Bayern dokumentiert mit einem speziellen Messrad den Zustand der Wege. 1000 Kilometer Strecke liegen vor ihm.

Bau-Ingenieur Stefan Oertelt fährt mit seinem Messrad auf dem Radweg an der L 92 bei Fahrland. Im Auftrag des Landes wird mit dem Pedelec der Zustand und die Qualität der Radwege erfasst.

Bau-Ingenieur Stefan Oertelt fährt mit seinem Messrad auf dem Radweg an der L 92 bei Fahrland. Im Auftrag des Landes wird mit dem Pedelec der Zustand und die Qualität der Radwege erfasst.

Foto: Bernd Settnik / ZB

Fahrland.  Ein Schlagloch im Weg umfährt auch Stefan Oertelt – genauso wie alle anderen Radler, die es rechtzeitig bemerken. „Obwohl ich wegen der Genauigkeit der Daten eigentlich mitten durch hoppeln müsste.“ Auf einem speziellen Messrad mit Navigationsgerät und Elektroantrieb ist der Bauingenieur aus Gießen am Ammersee in den nächsten Wochen in Brandenburg unterwegs. Nicht zum Freizeitvergnügen, sondern im Auftrag des Landesbetriebs Straßenwesen soll der 62-Jährige auf seinen Messfahrten den Zustand der Radwege an allen märkischen Landesstraßen erfassen – immerhin rund 1000 Kilometer. Rund zwei Monate werde er benötigen, kalkuliert Oertelt, „wenn das Wetter mitspielt“.

Auslöser für seine Tour ist das Projekt einer Forschungsgemeinschaft des Bundes, die sich seit einigen Jahren mit den „Grundlagen zur Instandhaltung von Radwegen“ beschäftigt. Sämtliche Bundesländer sind mittlerweile an der Arbeit intereBau-ssiert. Eines der konkreten Ergebnisse des Expertenteams: das Messrad, das Bauingenieur Oertelt mit Komponenten aus dem Baumarkt ergänzt hat, um sein technisches Equipment zu befestigen. Um die 4000 Euro habe das E-Bike gekostet, weitere 500 Euro Messtechnik. „Quads, die zuvor zur Messung eingesetzt wurden, haben sich nicht bewährt – zu breit für schmale Radwege mit Gegenverkehr“, sagt Oertelt. Der setzt nun auf seine Beinkraft samt kleiner Unterstützung, will pro Tag mindestens 50 Kilometer Wegstrecke erfassen. „Wenn die Kondition mitspielt, sollten auch bis zu 75 Kilometer zu schaffen sein.“

Der Radverkehr soll weiter ausgebaut werden

„Wir haben uns ans Projekt angedockt“, sagt Brandenburgs Verkehrsministerin Kathrin Schneider (SPD). Denn: Nicht nur der touristische Radverkehr spiele im Flächenland eine Rolle. „Uns ist es wichtig, den Radverkehr noch stärker ins Alltagsgeschehen zu integrieren.“ Hier sei Brandenburg bereits auf gutem Weg. „Der Anteil des Radverkehrs am Gesamtverkehrsaufkommen liegt bei 13 Prozent – vier Prozent mehr als im Bundesdurchschnitt.“

Den Vorsprung will Schneider ausbauen, auch im Rahmen der Brandenburger Mobilitätsstrategie. „Nur wenn die Radwege in gutem Zustand und sicher sind, werden wir mehr Menschen dazu bewegen können, mit dem Rad zu fahren“, sagt Schneider. In diesem Jahr werde ihr Ministerium sieben Millionen Euro für Neubau und Erhaltung von Radwegen an Bundes- und Landesstraßen einsetzen. Am Montag nahm sie das Pedelec von Stefan Oertelt persönlich in Augenschein – bei einer Stippvisite auf dem Radweg an der L 92 in Fahrland. 300 Kilometer hat das moderne E-Bike erst auf dem Zähler. Beim Vorgängermodell habe nach 2000 Kilometern der Akku schlappgemacht, sagt Oertelt.

Der Hilfsantrieb sei Voraussetzung für seine Fahrten. „Nicht nur, um mich körperlich zu entlasten“, sagt der Bayer mit einem Schmunzeln und kurzem Blick auf seine durchtrainierten Oberschenkel. Gebraucht werde dieser, um eine konstante Geschwindigkeit von rund 25 Kilometern in der Stunde beizubehalten. Nur so seien die Messungen, bei denen die Erschütterung des Rades auf den Wegen aufgezeichnet werde, miteinander vergleichbar.

Neben dem Gerät zur „vertikalen Schwingungsmessung“ hat der Ingenieur eine Kamera an der Lenkstange angebracht. Jeden Meter des Untergrundes filmt er damit. Tausende von Bildsequenzen, die Oertelt aber nicht alle begutachten muss. Macht er Schäden auf und im Belag aus, markiert er diese mittels GPS-Koordinaten in seinen digitalen Aufzeichnungen, die dann mit der Straßendatenbank abgeglichen werden. „Diese genaue Verortung“ mache es dem Landesbetrieb leicht, die Gefahrenstellen zu beseitigen.

Asphaltbelag bedeutet Komfort für die Radfahrer

Bereits 2013/14 erfasste Oertelt die Beschaffenheit der Radwege – damals an den Bundesstraßen. Sein Fazit nach 964 abgefahrenen Kilometern: 60 Prozent der Radwege an märkischen Bundesstraßen schnitten mit „sehr gut“ ab, 20,2 Prozent mit „gut“. 8,1 Prozent bewertete er mit „ausreichend“, 4,9 und 6,8 Prozent stufte er als schlecht und sehr schlecht ein. Mit knapp sechs Millionen Euro beziffert Verkehrsministerin Schneider die Reparaturkosten, die in diesem Fall der Bund trägt. In den kommenden vier Jahren soll jährlich eine Million Euro für die Sanierung aufgewendet werden.

„Die Radwege in Brandenburg sind im Vergleich zu anderen Bundesländern in einem guten Zustand“, sagt Oertelt. Im vorigen Jahr untersuchte er rund 900 Kilometer Radwege in Rheinland-Pfalz. „Die Verbindungen zwischen Ortschaften waren teils in katastrophalem Zustand.“ Was Oertelt ebenfalls kritisiert: „Dass aus optischen Gründen statt Asphalt Pflastersteine oder Platten auf dem Radweg verlegt werden. Das führt zu unangenehmen Erschütterungen.“ Deshalb würden Radrennfahrer auf die Straße ausweichen. Sein Lob gilt dem Fläming, der sich bei seinen Wegen überwiegend für Asphaltbelag entschieden hat. „Das bedeutet Komfort.“