Ehemalige Abhörstation

Neuer Pächter öffnet den Teufelsberg - gegen Eintritt

Sieben Euro kostet der Besuch. Pächter Marvin Schütte will die frühere Abhörstation der Amerikaner als Kreativort in Szene setzen.

Der neue Pächter Marvin Schütte (r.) mit einer Besuchergruppe auf dem Teufelsberg

Der neue Pächter Marvin Schütte (r.) mit einer Besuchergruppe auf dem Teufelsberg

Foto: Thomas Schubert / BM

Ein neues Gesicht, reichlich Ambitionen und ganz viel Verfall: Marvin Schütte steht zwischen rissigen, weißen Fetzen auf dem Dach einer Spionage-Anlage, in der schon lange niemand mehr horcht. Nach der deutschen Wiedervereinigung entfernten die Amerikaner die elektronischen Einrichtungen der Anlage, da sie nutzlos geworden waren. Schütte ist der neue Hausherr hier oben – und er will ein Gastgeber für Touristen und Kreative sein. Am Dienstagnachmittag erklimmt er zusammen mit SPD-Wahlkreiskandidatin Carolina Böhm und Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD) den Gipfel dieses 120 Meter hohen, aus Trümmern entstandenen Bergs.

„Ich bin der Marvin“, hatte er sich am Tor kurz vorgestellt. Dann ging es weiter hinauf, vorbei an einer Kantine, in der einst amerikanische Spione Mittag aßen, vorbei an kleinen Müllhalden, reichlich Graffiti und Liebhabern dieses Ortes. Immer hinauf, bis zum Gipfel des alten Trümmerbergs, der auch eine Art Halde der Berliner Geschichte darstellt. Der Ausblick ist imposant: Über Baumwipfel hinweg sind die Erhebungen der Hauptstadt zu sehen.

Projektentwickler setzt auf den Spaßfaktor

Schütte, Sohn eines Architekten aus Bad Pyrmont, möchte als Projektentwickler andere Wege beschreiten als seine Berufsgenossen. Das Geldverdienen sei zweitrangig, sagt er, zuerst käme für ihn der Spaß. So lässt er hier zunächst einmal jeden rein, der sieben Euro (ermäßigt fünf Euro) Eintritt zahlt. Von 10 bis 20 Uhr inszeniert Schütte die alte Field Station als Spielplatz für Freunde des Morbiden und Liebhaber des Weitblicks. Als „natürlicher Kulturstandort“ soll der Berg seine Anziehungskraft entfalten. Maximal 199 Personen dürfen die Faszination gleichzeitig genießen: „Wir halten uns damit an die Versammlungsstättenverordnung“, sagt Schütte.

Eigentlich wollte die SPD das Areal nach dem Scheitern von Immobilienprojekten – 1998 wurde im Rahmen eines Projekts zur Errichtung von Loftwohnungen ein Hügel aufgeschüttet, der den Teufelsberg sechs Meter in die Höhe wachsen ließ – und langen, ereignislosen Jahren zurückkaufen. Und danach die Bergspitze nach den Plänen des Aktionsbündnis Teufelsberg wieder zum Teil des Waldes werden lassen, also einen Rückbau betreiben. Doch aus Sicht von Schütte rücken diese Pläne in weite Ferne. Denn „einen Verkauf wird es nicht geben“, davon ist Schütte überzeugt.

Der Eigentümer gebe ihm freie Hand. Und er nutzt dies zur Ausgestaltung des Vorhandenen. Was er hier schaffen möchte? „Fenster, Türen, Geländer, Wasser, Heizung“, antwortet der Pächter sehr konkret. Die Ruine wird also nicht abgetragen, sondern befestigt. „Das wird kein kapitalistischer Ort. Aber Sicherheit muss sein“, sagt Schütte. Was er an der Kasse einnimmt, komme zuerst der Sicherung von Gefahrenstellen zugute.

Freiluft-Galerie mit Street-Art- und Graffitibildern

Derzeit zeigen provisorische Geländer, wo es kein Durchkommen gibt. Aber auch das erschlossene Gelände bietet schon so viel Reize, dass Besucher ihr Smartphone dauerhaft in den Selfie-Modus schalten. Mit mindestens 300 Street-Art- und Graffitibildern handelt es sich bei der Spionagestation wohl um die größte Galerie dieser Art weltweit.

Doch auch bildende Kunst hat hier offenbar ein Zuhause. So entdeckt man auf dem Vorplatz der Basis einen Pizza-Ofen, der sich zugleich als Sauna nutzen lässt, Künstlerin Rotraud von der Heide nutzt den Turm als „Musensitz“. Und ein Kollege schuf auf dem Teufelsberg ein Hauptquartier für sein Herzens­anliegen: die Befreiung der Weltmeere vom Plastikmüll.

Einer zusätzlichen Nutzung als Geschichtsort steht das Vorhaben sicher nicht im Weg. So zeigt Kultur-Staatssekretär Tim Renner besonderes Interesse für einen noch kaum genutzten Gebäudeteil, in dem sich eine Stätte zum Vermitteln von Historie unterbringen ließe – so, wie es das Aktionsbündnis Teufelsberg fordert. „Es muss nicht unbedingt ein Museum sein“, meint Renner, „aber es macht Sinn, sich an historischen Orten auch mit der Geschichte zu konfrontieren.“ Und Carolina Böhm ergänzt: „Dieser Ort ist ein Symbol der geteilten Stadt, der Krisenstimmung des Kalten Krieges und der Wiedervereinigung.“ Sie schließt sich dem Plan, einen Geschichtsort zu schaffen, ausdrücklich an. Zur historischen Komponente kommt aus ihrer Sicht als weiteres Faszinosum die offene Zukunft hinzu.

Fest steht: Das Baurecht ist längst erloschen, was den Berg für Immobilienprojekte eigentlich wertlos macht. „Die Bausubstanz ist gut“, sagt Pächter Marvin Schütte . Wohl an keinem anderen Ort ist die kreative Zwischennutzung derart zementiert.

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