Retro-Fotos

Dieses Berlin wird es bald nicht mehr geben

Alex Steffen hat ein Berlin fotografiert, das zu verschwinden droht. Seine schönsten Bilder veröffentlicht er jetzt als Bildband.

Alex Steffen ist bei der Berlinale beschäftigt. Nebenbei dokumentiert er mit Blog und Kamera das Berlin seiner Vergangenheit

Alex Steffen ist bei der Berlinale beschäftigt. Nebenbei dokumentiert er mit Blog und Kamera das Berlin seiner Vergangenheit

Foto: Joerg Krauthoefer

Die Stadt war sein Dschungel und das orangefarbene Bonanza-Rad seine Harley. Vom Nollendorfplatz flitzte er nach Schulschluss zum Lützowplatz, dem vergessenen Terrain in Sichtweite der Mauer, zu Gestrüpp, Büschen und den verlassenen Botschaften im Tiergarten, in die er mit dem besten Freund hineinkletterte, wenn keiner guckte, und wo man verstaubte Drehstühle in Bewegung setzte, auf denen seit Kriegsende niemand gesessen zu haben schien. Es war das West-Berlin von Alex Steffen. Ehe ihm Stadt und Anblicke seiner Kindheit ganz verloren gehen, zieht er zwei Mal im Monat mit seiner Kamera durch die Straßen, um alte Laden-Fassaden, Brachen und Brandwände festzuhalten, die vielleicht morgen schon verschwunden sind.

Der 49-Jährige sitzt im Sessel eines Coffeeshops am Potsdamer Platz, ein paar Schritte vom Berlinale-Hauptquartier entfernt, wo er in der Sponsoringabteilung arbeitet. Verrauchter Jazz der 50er-Jahre läuft im Café, junge Menschen in Anzug oder Business-Kostüm kommen und gehen. Entschleunigter Sound und schnelle Geschäfte am einst meistbefahrenen Platz Europas. Modernes Berlin mit einem Schuss Retro.

Fotosafaris durch „abseitige Bezirke“

Das passt. Die Bilder sind auf dem Kaffeetisch ausgebreitet. „Anfangs nahm ich meine Kamera mit, um Schnappschüsse zu machen, wenn man einem Motiv begegnete“, sagt Steffen. „Inzwischen fahre ich mit dem Rad gezielt in abseitige Bezirke und Ortsteile, nach Spandau, nach Wedding, in die hinterletzten Straßen, und schaue mich um.“

Auf seinen Touren lernte er Zeichen im Stadtbild zu lesen, die ihn auf die Spur zu Relikten eines unverfälschten Berlins führen. „Wenn auf dem Hinterhof noch ein alter Schrauber seine Werkstatt betreibt und ehemalige Fabriken mit Graffiti bemalt sind: Das deutet auf Gegenden hin, die noch nicht fertig sind, die sich im Übergang befinden.“

Aufnahmen voll Sehnsucht nach besseren Zeiten

Die Fotos vor ihm sind auf daumendicke Holzrechtecke gezogen, auf Marmorstein gedruckt und auf Papier. Leuchtreklamen schmücken da Läden mit Schrifttypen, die heutige Grafiker nur noch für die Einbände von „Sissi“-Büchern verwenden. Es gibt das Musikaliengeschäft mit einem anderthalb Etagen großen Notenschlüssel an der Fassade. „Feinkost Kahm“ heißt ein anderes Geschäft. Man ahnt, in welch Höhen sich das Angebot dieses Delikatessenladens bewegt, denn wie eh’ und je wirbt sein Slogan: „Schluck für Schluck Berliner Kindl“.

Und wenn Steffen unweit seiner alten Nachbarschaft an dem keine drei Schritte breiten Laden mit dem stolzen Namen „Schuhpflege des Westens“ vorbeiradelt, muss er jedes Mal schmunzeln.

Es sind Aufnahmen voll Sentimentalität, Sehnsucht nach besseren Zeiten und gut gelaunter Selbstüberschätzung – klassischen Berliner Eigenschaften eben. Gerade auf dem verlorenen Posten der geteilten Stadt konnten sie bestens gedeihen. Den Tonfall einer Ära trifft Steffens Ansicht nach ein Film perfekt: „Keinem ist es so gelungen wie Wim Wenders mit ,Himmel über Berlin‘, das späte West-Berlin an exemplarischen Orten und mit dem richtigen Timing darzustellen.“

„Mach’ ein Buch daraus“, riet die Lebensgefährtin

Während sich daheim Festplatten und Fotokartons mit Aufnahmen füllten, bedrängte Steffen zunehmend die Frage, was eigentlich mit all dem Nostalgiefutter anzustellen sei. „Mach’ ein Buch daraus“, riet seine Lebensgefährtin leichthin.

Einen Blog hatte er schon. Er habe sich das einfach mal selbst beibringen wollen, sagt Steffen. Nun also würde er seine Dokumentation zum Anfassen bereitstellen. Erfahrungen als Galerist hatte er von 1999 bis 2015 als Co-Chef von „Transition“ an der Kreuzberger Oranienstraße gesammelt. Steffen mietete ein Geschäft mit Tradition und schrulligem Namen, stellte bis vor Kurzem bei „Linoleum Pannier“ an der Katzbachstraße in Kreuzberg 50 seiner Arbeiten aus. Jene, denen gefiel, was Steffen da im Alleingang an die Wände gebracht hatte, bestellen seitdem den Fotoband „Vanishing Berlin“, der im September erscheint.

Steffen finanziert das Buch durch Crowd­funding, hat bei allem das letzte Wort, lässt die Abfolge der Bilder auf den Seiten aber auch bereitwillig von seinem Grafiker auswählen, der mit professionellem Auge sicherstellt, dass beim Blättern keine Langeweile aufkommt. Für den richtigen Rhythmus sorgen aber auch Steffens dazwischengestreute Notizen persönlicher Erinnerungen. Etwa an Bubi und Hansi, Halbstarke aus seiner Straße mit Ambitionen auf eine abwechslungsreiche Verbrecherkarriere, die hier mal den jungen Alex verdroschen, dort mal mit fingerfertig eingesetzten Büroklammern Zigarettenautomaten plünderten.

„Mich hat interessiert, so einen Band selbst zu produzieren“, sagt Steffen. Mit einem seiner zwei Kinder stellte er den Soundtrack für den Crowdfunding-Trailer her, stand morgens im Kittel in der Siebdruckwerkstatt und huschte nach Mitternacht als sein eigener Social-Media-Manager durchs Netz. Eine gute Gelegenheit, um Belastungsgrenzen kennenzulernen. „Ich habe ja keine zwölf Mitarbeiter, die sich um alles kümmern, während ich am Latte macchiato nippe“, sagt Steffen.

Steffen gruselt, was die Stadt mit sich machen lässt

Seine Foto-Exkursionen auf der Jagd nach einer Stadt, die findige Projektentwickler und einfallsreiche Fondsmanager noch übersehen haben, hätten ihn zu Orten geführt, die er in gut 50 Jahren als Berliner nicht kennengelernt habe. „Das hat mich versöhnt mit diesem Berlin, das einem mitunter ganz schön auf die Nerven gehen kann“, sagt Steffen. Ihn gruselt, was die Stadt mit sich machen lässt. „Es herrscht Ausverkauf. Kleine Dienstleister, Schuhmacher und Wäschereien verschwinden, Freiflächen werden vor dem ersten Spatenstich drei, vier Mal gewinnbringend weitergegeben. Wo sind die Menschen, die dafür Sorge tragen, wie die Stadt in 30 Jahren aussieht?“, sagt Steffen. „Ich würde mir wünschen, dass man als Bürger darauf mehr Einfluss hat.“

Er verstehe „Vanishing Berlin“ nicht als historisches Buch, sagt Steffen. Er wolle die Menschen mit dem konfrontieren, was Berlin gerade aufgibt und was sich heute noch – so wie er in seiner Kindheit – alles entdecken lässt. Auch wenn man inzwischen nicht mehr ganz genau weiß, wie man so ein Bonanza-Rad eigentlich lenkt.

Vanishing Berlin, 144 Seiten, 160 Abbildungen, 32 US-Dollar (ca. 30 Euro), zu bestellen unter diesem Link. Bilder und Texte gibt es hier. Und hier noch der Trailer zum Buch.