Studie zu Migranten

Unternehmer: „Wir gehören zur deutschen Gesellschaft“

Unternehmer mit Migrationshintergrund sind eine Stütze der Berliner Wirtschaft. Sie haben 120.000 Jobs geschaffen.

Nihat Sorgec hat in seinem Bildungswerk in Kreuzberg 90 Arbeitsplätze geschaffen

Nihat Sorgec hat in seinem Bildungswerk in Kreuzberg 90 Arbeitsplätze geschaffen

Foto: Ricarda Spiegel

„Wir müssen uns von Klischees verabschieden“, sagt Armando Garcia Schmidt von der Bertelsmann Stiftung. Er ist Projektmanager der Studie Migrantenunternehmen in Deutschland. „Wir sind schon lange eine Zuwanderungsgesellschaft“, interpretiert Garcia Schmidt die Studie. „Aber die Zuwanderung verändert sich.“ Im Mittelpunkt stehen zunehmend Tätigkeiten, die hohe Qualifikationen erfordern.

Hilfe für Migranten bei der Integration

Das erste Mal machte sich Nihat Sorgec 1982 selbstständig – als Student trug er nicht nur die Morgenpost aus, er eröffnete auch einen Dönerstand in „Loretta im Garten“ (Wilmersdorf). Als Maschinenbauingenieur ging er später ins Ausland, kehrte aber nach Berlin zurück und gründete das Bildungswerk in Kreuzberg, das mit 90 Angestellten und 40 Honorarkräften seit mehr als 25 Jahren Erwachsenenbildung betreibt und junge Menschen auf das Berufsleben vorbereitet. „Für Menschen mit Migrationshintergrund ist es viel schwieriger, in der Mitte der Gesellschaft anzukommen“, weiß er aus eigener und beruflicher Erfahrung als Bildungsarbeiter. Auf dem Gebiet gibt es aus seiner Sicht noch viel Handlungsbedarf: „Wir haben es versäumt, Menschen mit Migrationshintergrund das Gefühl zu geben, türkischstämmige Deutsche zu sein.“

Sieben Tage frisches Ayran

7gün (übersetzt: sieben Tage) ist ein anderes Beispiel. Das Berliner Unternehmen gehört zu den führenden Produzenten des türkischen Nationalgetränks Ayran in Deutschland und hat nach eigenen Angaben in Berlin einen Marktanteil von 70 Prozent. Die Familie lebt und arbeitet bereits in der dritten Generation in Berlin.

Die Betriebswirtin Dilek Özcan leitet das Familienunternehmen. Sie hat das operative Geschäft des Unternehmens vor wenigen Jahren von ihrem Vater übernommen. Das Studium schloss sie als zweitbeste ihres Jahrgangs ab, wie sie selbst in einem Videointerview sagt. Ihr Großvater kam 1969 als Siemens-Arbeiter nach Berlin. Ihre Eltern fingen 1989 zusammen mit zwei Helfern und einem Fahrer an, selbst hergestellten Ayran in Pfandflaschen abzufüllen und zu verkaufen. Sie waren die ersten, die das in Deutschland taten. Ab 1996 füllten die Özcans Ayran in Bechern ab, was ihnen zum Durchbruch verhalf. Das Unternehmen wuchs, die Abfüllung wurde automatisiert. Für Vater Özcan war es wichtig, dass die Kinder studieren konnten. „Wir sind Akademiker, haben Bildung und gehören zur deutschen Gesellschaft“, sagt Dilek Özcan in einem Video des Vereins Barex, den türkischstämmige Unternehmer in Berlin gründeten. „Wir sind nicht mehr Gäste in diesem Land.“

Reisespezialistin für den Mittleren Osten

Eine ganz andere Biografie hat Jasmin Taylor. Sie floh mit 17 Jahren aus der iranischen Hauptstadt Teheran nach Deutschland. Sie lernte die deutsche Sprache, machte vier Jahre später das Abitur, studierte in den USA, wo sie ihr Studium mit der Note 1,2 abschloss. „Im Jahr 2002 habe ich mir dann einen lang ersehnten Traum erfüllt – ich habe mich hier in Berlin selbstständig gemacht und mein erstes eigenes Unternehmen gegründet. Ein Online-Reisebüro, damals noch ein ‚Eine-Frau-Betrieb‘ mit einem Computer und einer Internetseite“, schreibt die Wahl-Charlottenburgerin in ihrem Blog. 2009 gründete sie dann in Berlin die JT Touristik GmbH. Der Reiseveranstalter hat sich auf Reisen in die Vereinigten Arabischen Emirate spezialisiert. Insgesamt vermarktet das Unternehmen mit inzwischen 65 Angestellten 150 Destinationen weltweit.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.