Studie über Migranten

Migranten schaffen 120.000 Jobs in Berlin

Unternehmer mit ausländischen Wurzeln leisten einen hohen Beitrag zum Boom in Berlin. Das zeigt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung.

Nicht nur in der Gastronomie, sondern in vielen anderen Bereichen schaffen Unternehmer mit Migrationshintergrund Arbeitsplätze

Nicht nur in der Gastronomie, sondern in vielen anderen Bereichen schaffen Unternehmer mit Migrationshintergrund Arbeitsplätze

Foto: Robert Schlesinger / picture alliance / Robert Schles

„Unternehmer mit ausländischen Wurzeln sind ein Jobmotor für Deutschland.“ Mit diesen Worten fasst Aart De Geus, der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung, eine am Donnerstag veröffentlichte Studie über das Unternehmertum von Migranten zusammen. Berlin ist hier in vielen Bereichen ein Vorreiter.

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Unternehmer mit ausländischen Wurzeln leisten einen wesentlichen Beschäftigungsbeitrag – auch außerhalb des Niedriglohnsektors und der arbeitsintensiven Tätigkeiten mit niedrigen Anforderungen. In der deutschen Hauptstadt schaffen Migrantenunternehmer im Schnitt sogar mehr Arbeitsplätze als Unternehmer ohne Migrationshintergrund.

Migranten beleben die Wirtschaft

Wie die Forscher herausgefunden haben, beleben Unternehmer mit Migrationshintergrund nicht nur durch ihre Gründungen die Wirtschaft, sondern auch durch die Schaffung von Arbeitsplätzen. Zwischen 2005 und 2014 hat sich die Anzahl von Arbeitsplätzen, die durch selbstständige Unternehmer mit ausländischen Wurzeln geschaffen wurden, von 947.000 auf 1,3 Millionen erhöht. Das ist ein Anstieg um 36 Prozent.

Gleichzeitig ist auch die Anzahl selbstständiger Unternehmer mit Migrationshintergrund von 567.000 im Jahr 2005 auf 709.000 (2014) um ein Viertel gestiegen.

Einen ähnlichen Trend gibt es für Berlin: Hier ist die Zahl der Selbstständigen von 50.000 auf 73.000 gestiegen. Die Quote der selbstständigen Migranten liegt mit 20 Prozent höher als in allen anderen Bundesländern und doppelt so hoch wie im deutschen Durchschnitt.

Mehr Jobs als in Firmen Deutschstämmiger

„Menschen mit Migrationshintergrund arbeiten nicht nur als Selbstständige, sondern schaffen auch Arbeitsplätze und ermöglichen vielen Menschen so eine Chance zur Teilhabe am Arbeitsmarkt“, erklärte De Geus. Migranten­betriebe schaffen in Berlin im Durchschnitt sechs Arbeitsplätze. In Betrieben mit deutschstämmigem Chef werden dagegen im Durchschnitt nur fünf Stellen geschaffen. Auch damit positioniert sich Berlin vor dem Deutschlandtrend, wo die Zahlen genau umgekehrt sind. Es gibt auch kein anderes Bundesland, in dem Migranten mehr Arbeitsplätze schaffen als Unternehmer ohne Migrationshintergrund. Bei den Arbeitsmarkt-Effekten liegt Berlin vor dem Bundestrend: Insgesamt gab es im Jahr 2014 in Berlin 120.000 durch Migranten geschaffene Arbeitsplätze. Im Jahr 2005 waren es 35.000.

Das Profil der Migrantenökonomie hat sich in den letzten Jahren verändert – weg vom Niedriglohnsektor und den arbeitsintensiven Tätigkeiten. So hat sich der Anteil selbstständiger Migrantenunternehmer im Handel- oder Gastgewerbe verringert, die Bedeutung anderer Branchen im Dienstleistungs- und produzierenden Gewerbe ist gestiegen. Fast die Hälfte der Selbstständigen mit Zuwanderungsgeschichte (48 Prozent) ist mittlerweile im Bereich öffentlicher oder privater Dienstleistungen außerhalb von Handel und Gastronomie tätig. Handel und Gastgewerbe machen nur noch 28 Prozent aus, ein Rückgang um zehn Prozent im Vergleich zu 2005. Im gleichen Zeitraum stieg der Anteil des produzierenden Gewerbes: Jeder fünfte Selbstständige mit Migrationshintergrund ist im Bau- oder verarbeitenden Gewerbe tätig.

Bessere Bildung bei Migranten in Berlin

Berliner mit einem Migrationshintergrund verfügen über eine bessere Bildung als Migranten aus anderen Bundesländern: Zwar hat jeder Vierte eine geringe berufliche Qualifikation und ein weiteres Viertel verfügt über eine mittlere Qualifikation. Aber mehr als jeder fünfte Migrant verfügt in der deutschen Hauptstadt über eine hohe Qualifikation – also mindestens einen Fachhochschulabschluss. Das ist weit mehr als im Rest von Deutschland (15 Prozent). Dieser Trend spiegelt sich bei den Unternehmern: Während sich das Qualifikationsniveau der Selbstständigen in den meisten Bundesländern von 2005 bis 2014 verschlechtert hat, ist es in Berlin gestiegen – und zwar deutlich (13 Prozentpunkte) über dem Bundestrend.

Die Studienergebnisse belegen, dass Selbstständigkeit ein Treiber für höheres Einkommen und Wohlstand ist. Selbstständige Migrantenunternehmer verdienen im Durchschnitt mit 2167 Euro netto im Monat 40 Prozent mehr als abhängig Beschäftige mit Migrationshintergrund (1537 Euro). In Berlin liegen die Zahlen allerdings deutlich unter diesem Wert: Selbstständige kommen hier nur auf 1710 Euro, abhängig Beschäftigte auf 1438 Euro. In keinem anderen „alten“ Bundesland ist der Unterschied zwischen Selbstständigen und abhängig Beschäftigten so niedrig wie in Berlin. Das betrifft allerdings Migranten und Nichtmigranten gleichermaßen und kann als Zeichen der Strukturschwäche der Berliner Wirtschaft gewertet werden.

Studie mahnt bessere Förderung an

Die Studie mit dem Titel „Migrantenunternehmen in Deutschland zwischen 2005 und 2014 – Ausmaß, ökonomische Bedeutung und Einflussfaktoren auf Ebene der Bundesländer“ wurde von Prognos im Auftrag der Bertelsmann Stiftung erstellt. „Staat und Wirtschaft müssen aber noch besser zusammenarbeiten, um Migrantenunternehmern durch gezielte Förderung und Angebote den Sprung in eine erfolgreiche Selbstständigkeit zu ermöglichen“, so Aart De Geus.