Sommerserie

Sanssouci: Sorglos in den Gärten der Könige

Wenn die Tagestouristen die Stadt verlassen haben, hat der Park von Sanssouci seinen besonderen Reiz.

„Warum haben wir nicht so ein geiles Haus?“: Sönke und Stephanie Hampe mit den Söhnen Lowis, 14 (l.) und Linus (13) sowie den  Hunden Kurt und Bärbel vor Sanssouci

„Warum haben wir nicht so ein geiles Haus?“: Sönke und Stephanie Hampe mit den Söhnen Lowis, 14 (l.) und Linus (13) sowie den Hunden Kurt und Bärbel vor Sanssouci

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Der Kerl auf dem Fahrrad neben mir sieht groß aus. Ein Langer Kerl. Er trägt einen Dreispitz auf dem Kopf und hat einen dunkelblauen Mantel an, der wie ein Frack geschnitten ist. Was für eine Uniform ist das denn? „Die ist einer historischen Wächteruniform nachempfunden“, ruft mir der junge Mann von oben herab zu, denn ich fahre auf einem kleinen Faltrad neben ihm her. Dann tritt er in die Pedale und saust durch das Grüne Gitter Richtung Schloss. Um diese Zeit – kurz vor neun Uhr – sind wir die einzigen Menschen auf der Allee nach Sanssouci. Für den Parkwächter ist bald Dienstbeginn, ich habe es nicht eilig: Ich bin als Urlauberin in Potsdam.

Trotz vieler Tagestrips in die Nachbarstadt ist ein Traum immer unerfüllt geblieben: Einmal im Park von Sanssouci zu sein, bevor die Touristen ankommen – und hierzubleiben, wenn die meisten längst wieder weg sind. Einmal durch die Gärten zu flanieren, wie es der Alte Fritz getan hat. Heute ist es so weit, und ich bin vor meiner Unterkunft voller Vorfreude aufs Rad gestiegen. Vom Steigenberger Hotel Sanssouci ist das Grüne Gitter, das schönste Tor zum Park, in Sichtweite. Dahinter biege ich rechts ab, denn hier liegt die 1845 von Friedrich Wilhelm IV. in Auftrag gegebene Friedenskirche. Den markanten Turm mit Italien-Flair hatte ich schon vom Hotelgarten aus gesehen.

Italienische Leichtigkeit und protzige Bauten

Die Kirche ist so früh noch geschlossen, dafür liegt mir der angrenzende Marlygarten in sommerlicher Pracht zu Füßen. Die intensiven Farben der Blumen machen das Grau des Himmels vergessen. Ich bin ganz alleine unterwegs und fühle mich nun wirklich wie eine Schlossfrau. Ein Highlight in diesem romantischen, von Peter Joseph Lenné gestalteten Landschaftsgarten: die Florastatue. Hier blühen Verbenen, Nesseln, Rosen und andere Blumen in satten Rot-, Blau-, Weiß- und Lila-Tönen. Das Gezwitscher der Vögel ist das einzige Geräusch.

Vom Marlygarten ist es nicht weit bis zum Schloss Sanssouci. Hier sind Jürgen und Simona Sauter mit Hund Theo unterwegs. Die Besucher aus dem Allgäu geraten vor dem gelben Ohne-Sorgen-Schloss Friedrichs II. ins Schwärmen. „Einfach super. Ich könnte mir sogar vorstellen, in Potsdam zu leben“, sagt Simona Sauter.

Brav steige ich vom Rad ab, denn Fahren ist im Park nur auf den asphaltierten Wegen erlaubt, und schiebe es bis zum Chinesischen Haus. Im Inneren des goldglänzenden Pavillons sind seit ein paar Tagen drei knallbunte Kleider-Kunstwerke der Berliner Künstlerin Tina Cassati zu sehen. Die verspielten Roben passen gut zu den fröhlichen Rokoko-Deckengemälden mit ihren exotischen Pflanzen und Tieren.

Auf dem Weg zum Neuen Palais nehme ich noch einen Umweg über Italien: Sich dorthin zu träumen ist ganz leicht, wenn man im Gras sitzt und die Römischen Bäder vor Augen hat. Oder das cremefarbene Schloss Charlottenhof, das dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm als Sommersitz diente und nach dem Vorbild römischer Villen designt wurde. Dieser Teil des Parks ist selbst in der Hochsaison ein stiller Rückzugsort. Zum Durchatmen lädt auch das kleine Cafe Eden hinter den Römischen Bädern ein, dessen Stühle direkt an einem Teich platziert sind. Ein königliches Urlaubsgefühl.

Königliche Urlaubsgefühle im Cafe Eden

Auf dem Weg zum Neuen Palais begegnen mir etliche Mütter und Väter, die ihre Kinderwagen durch den Park schieben. Martin Meier ist einer von ihnen, der mit Sohn Henri unterwegs ist. „Am Morgen gehört der Park den Potsdamern“, sagt er und lacht. Schon von Weitem ist die Kuppel des Neuen Palais zu sehen – auch diesen Palast gab Friedrich der Große in Auftrag, doch ist er deutlich protziger als das viel intimere Sanssouci. Im Inneren kann der Besucher zwei frisch restaurierte Prachtsäle erleben, ganz ohne Filzpantoffel: Im Rokoko-Grottensaal verbreiten Tiere und Pflanzen aus Muscheln und Edelsteinen sanft schimmernden Glanz. Auch der Marmorsaal ist wieder prachtvoll hergerichtet: Besucher laufen über einen gläsernen Gang, der den Blick auf die filigranen Ornamente freigibt.

Auf dem Weg zur Mittagspause im Hotel radele ich noch einmal zur Friedenskirche. Um mit ein paar italienischen Touristen das Prunkstück des Bauwerks über der Apsis zu bewundern: ein goldglänzendes mittelalterliches Mosaik aus Venedig, das Jesus an der Seite von Maria und Johannes dem Täufer zeigt. Friedrich Wilhelm IV. ließ das Mosaik aus einer abbruchreifen Kirche in Murano nach Potsdam bringen – so sieht Kunstbegeisterung aus. Als ich wieder durch das Grüne Gitter fahre, hat der Wächter mit Dreispitz, dem ich am Morgen begegnet bin, Position bezogen und erinnert Besucher freundlich an das freiwillige Parkentgelt.

Das Steigenberger Hotel ist nach hinten deutlich größer, als es vom Luisenplatz aussieht. 1998 erbaut, verfügt es über 137 komfortable Zimmer, die mit dunklen Holzmöbeln und Fotos aus Filmen, die in Babelsberg gedreht wurden, ausgestattet sind. Bei gutem Wetter können die Gäste gleich morgens auf der Terrasse sitzen, um das üppige Früh­stücksbüfett zu genießen. Ein lauschiger Ort, denn hier haben sie einen Blick auf das historische Kutscherhaus, in dem, so will es jedenfalls die Legende, der Alte Fritz Pferde stehen hatte. Hier sitzt auch Martin Samuel, der derzeit in Ecuador lebt und mit Frau Cristina und Söhnchen Leo (1) auf Heimaturlaub in Deutschland ist. Weil ihnen Park und Hotel so gut gefallen, haben sich die jungen Eltern spontan entschlossen, länger in Potsdam zu bleiben: „Es ist einfach genial hier. Und so ruhig, ganz anders als in Quito.“

Im hinteren Teil des Hotelgartens feiern gern Hochzeitspaare, die sich in der Friedenskirche das Jawort gegeben haben. Hier setze ich mich auf einen Stuhl mit Blick auf den Turm der Kirche und lese. Sanssouci heißt: ohne Sorgen.

Später, nachdem ich am Luisenplatz auf der Terrasse des italienischen Restaurants Assaggi vorzügliche Pasta mit Steinbutt und Thunfisch in einer Soße aus Weißwein und Butter gegessen habe, fühle ich mich fit für einen Rundgang durch die nahe Innenstadt. In der Brandenburger Straße mit ihren barocken Häusern, die sich bis zum Holländischen Viertel zieht, lässt es sich gut bummeln. Etwas feiner ist die parallel verlaufende Gutenbergstraße, die mit exquisiten Wein- und Whiskeyläden und besonderen Boutiquen aufwartet. Danach geht es ins Café Heider, eine Potsdamer Institution: ein klassisches Café mit großer Kuchenauswahl.

Stadtpanorama vom Belvedere auf dem Mühlenberg

Die Potsdamer Stadtlandschaft ist sanft modelliert, es geht auf und ab. Eine weite Sicht hat man von den zahlreichen Belvederes. Weniger bekannt als Touristenma­gnete wie das Belvedere auf dem Pfingstberg oder das auf dem Klausberg ist das Belvedere auf dem Mühlenberg, ein Platz wie geschaffen für ein Picknick. Der weite Blick über Potsdam — hier mit der Nikolaikirche mittendrin - wird manchem Berliner vertraut vorkommen, der Lotte Lasersteins Gemälde „Abend über Potsdam“ aus der Nationalgalerie kennt. 1930 entstand dieses Bild — in Potsdam, denn Bekannte der Malerin hatten in der Nähe des Mühlenbergs eine Dachterrasse.Von hier geht es über eine Treppe zurück zum Park – durch den Eingang direkt neben dem Schloss Sanssouci. Die Weinbergterrassen sehen heute aus wie ein Gemälde, eingerahmt von farbigen Staudenbeeten. Unterhalb der Terrassen läuft gerade die vierköpfige Familie Hampe aus Eckernförde mit ihren Hunden Kurt und Bärbel entlang. Lowis (14) findet das Schloss cool. „Warum haben wir nicht so ein geiles Haus?“, fragt er seine Eltern. Gute Frage, denke ich, und habe eine Idee: Ich werde zurückkommen – als Schlossfrau auf Zeit.

Lesen Sie morgen: Bad Saarow,

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Info: Stadt Potsdam

Unterkunft Steigenberger Hotel Sanssouci, Allee nach Sanssouci 1, 14471 Potsdam, Tel. 0331 - 88519926. DZ ab 109 Euro inklusive Frühstück. Mehr: www.steigenberger.com

Anfahrt Mit dem Auto über die A115 bis Potsdam-Babelsberg, dann Richtung Zentrum fahren, auf Nuthestraße Ausfahrt Friedrich-List-Straße nehmen, der B 1 folgen. Über die Lange Brücke bis Zeppelinstraße, dann rechts abbiegen, schließlich links zum Luisenplatz: Hier beginnt die Allee nach Sanssouci. Mit der S-Bahn: S 1 bis Wannsee, weiter mit RE bis Potsdam Hauptbahnhof und mit Bus 606 oder Tram 91 zum Luisenplatz.

Essen und Trinken Assaggi, Luisenpl.3, Tel.: 0331 - 28795452, tgl. 12–24 Uhr; Café Heider, Friedrich-Ebert-Str. 29, Tel.: 0331 - 270 55 96, Mo–Fr: ab 8 Uhr, Sbd.+So. ab 9 Uhr.

Tourist-Information Am Luisenplatz 3, Tel.:0331 - 2755 88 99, April bis Oktober geöffnet Mo–Sbd. 9.30 bis 18 Uhr, So/Feiertag 10 bis 16 Uhr.

Park Sanssouci Ganzjährig geöffnet, tgl. ab 8 Uhr bis Einbruch der Dunkelheit, freiwilliges Parkentgelt.

Belvedere Belvedere auf dem Mühlenberg, Zugang über Gregor-Mendel-Str. 27, tgl. 8–20 Uhr.