"In Berliner Betten"

Schorfheide – Wo Berlin von der Wildnis träumt

| Lesedauer: 9 Minuten
Uta Keseling
Daniel Adler (38) und sein Sohn Roman Adler (17) wohnen auf Rügen. Vor dem Ansturm der Ferien-Berliner sind sie zum Angeln in die Schorfheide ausgewichen

Daniel Adler (38) und sein Sohn Roman Adler (17) wohnen auf Rügen. Vor dem Ansturm der Ferien-Berliner sind sie zum Angeln in die Schorfheide ausgewichen

Foto: Amin Akhtar

Im neunten Teil der Sommerserie geht es in die Schorfheide: Urlaub machen im tiefen Wald, am klaren See und auf des Kaisers Spuren.

Türkisfarbenes Wasser. Handwarm. Ein perlweißer Strand, menschenleer. Ein einzelnes Segelboot, das die endlose Wasserfläche kreuzt, wie hingetupft. Karibik. Es muss die Karibik sein, dieses einsame Ufer. Das Wasser kräuselt sich jetzt in kleinen Wellen und wirft Sonnenlicht in Reflexen zurück ans Ufer. Dort steigen zwei Badende ins Wasser, im Schatten tiefgrüner Bäume, nackt wie die ersten Menschen. Spielt nicht im Hintergrund irgendwo leise Klaviermusik? Ja, dieses Paradies muss die Karibik sein. Oder?

Nein. Die Karibik hat keine Autobahnabfahrt, sie hat keine eiszeitlichen Seen und Buchenwälder, schon gar keine röhrenden Hirsche und kaiserlichen Jagdschlösser. Oder doch? Selbst wenn, würde man die Karibik nicht über die A11, Ausfahrt Finowfurt erreichen. Eine Dreiviertel-Autostunde nordöstlich von Berlin liegt nicht die Karibik, aber immerhin doch ein Paradies: Die Schorfheide, eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete Europas. Und der Werbellinsee. Er ist bis zu 55 Meter tief, was seine tiefgrüne Farbe erklärt.

Hinter der Autobahnabfahrt muss man sich links halten, etwas später nochmal rechts, dann erreicht man die Südseite des Werbellinsees. Eichhorst ist ein Dorf voller Angebote: Petra’s Fischexpress, Restaurant zum Wisent, eine Schultheiss-Gaststätte. An der Schleuse am Werbellinkanal warten gerade im Sommer viele Ausflugsschiffe und Kanus. Unter ihnen sind Daniel Adler und sein Sohn Roman, sie wohnen auf Rügen. Vor dem Ansturm der Berliner sind sie zum Angeln und Paddeln an den Werbellinsee ausgewichen. „Im Vergleich zu Rügen ist es hier paradiesisch ruhig.“

Auch wenn die Schorfheide geografisch im Barnim liegt: Gefühlt ist hier Berlin, Ecke Sommerfrische. Werbellinsee und Schorfheide waren schon zu Kaisers Zeiten eine Lieblingsecke der Berliner, der einfachen Leute wie der Reichen und Mächtigen. Alle haben ihre Spuren hinterlassen. Die vielen Ferienlager und Bungalowsiedlungen am See und im Wald zum Beispiel erzählen auch davon, wie die DDR ihre Bürger einsperrte. Die echte Karibik blieb für die allermeisten ein Traum, und die Plätze in den staatlichen Ferienanlagen mussten mit politischem Wohlverhalten erkauft werden.

Radeln am See, heiraten im Bahnhof

Oder der tiefe Wald voller Hirsche, Rehe und Wildschafe. Schon Kaiser Wilhelm II. ging hier jagen, gern auch mit Staatsgästen. Ebenso Nazi-Größen um Reichsmarschall Hermann Göring, der sogar seine erste Frau hier begrub, in „Carinhall“ bei Groß Dölln. Der mächtigste Mann der DDR, Erich Honecker, lud zur Jagd ebenfalls Gäste aus dem (kapitalistischen) Ausland ins Jagdschloss Hubertusstock.

Von all dem ist heute fast nichts mehr zu spüren. Neben den Anglern und Skippern auf dem See sind heute viele Radtouristen unterwegs, viele mit Packtaschen und Anhängern, Rennrädern oder auch E-Bikes. Wie Lidwina und Harald Felkeneyer aus Berlin-Friedenau. Sie touren seit mehreren Tagen durchs Barnimer Land. Sie liest dabei die Karte und plant die Tour, er hat ein Auge auf die Technik. In diesem Jahr haben sie sich erstmals E-Bikes „gegönnt“, sagen die beiden, sie sind 70 und 74 Jahre alt. „Damit sind wir schneller unterwegs und man hat mehr Genuss an der traumhaften Landschaft.“

Zu den Verbesserungen der Region in den letzten Jahren gehören die Radwege, die heute den See praktisch umrunden, durch den Wald führen und zu Sehenswürdigkeiten führen wie der Klosterruine Chorin oder dem Kaiserbahnhof in Joachimsthal. Zu Kaisers Zeiten war der Bahnhof für die Öffentlichkeit gesperrt, heute hat hier die Regionalbahn 63 einen „Bedarfshalt“. Im Bahnhof gibt es kleines Museum. Und ein Standesamt vor historischer Kulisse.

Hochzeitsgesellschaften kommen gerne hierher

An diesem Tag steht eine große Hochzeitsgesellschaft davor und freut sich, als das junge Brautpaar vor die Tür tritt. Stefanie und Robert Gey leben in Joachimsthal, ebenso wie auch ihre Eltern, erzählt eine Mitarbeiterin des Heimatvereins am Rande, während die Hochzeitsgesellschaft in einen liebevoll restaurierten Oldtimer-Bus steigt. Soll heißen: Für die Traumhochzeit muss hier niemand bis in die Karibik fliegen. „Und es ist schön, dass heute junge Menschen auch bei uns eine Perspektive haben.“

Die Zeiten von Arbeitslosigkeit und Landflucht sind vorbei. Wo an die DDR erinnert wird, geschieht das in bunten Farben. Der Skoda-Linienbus hatte seine roten Streifen auch damals schon, betont sein Fahrer Klaus Gröhler (60). Fahrer wie Bus waren auch zu DDR-Zeiten schon im Linienverkehr in Joachimsthal unterwegs. Wer den Oldtimer buchen möchte, sagt Gröhler, „kann sich gern an die Barnimer Busgesellschaft werden.“

Zu den zufälligen Zeugen der Landhochzeit gehören Barbara Ehwald und Dennis Wagner aus Berlin, die mit drei gut gelaunten Kindern und allerlei Keschern und Badezeug im Gepäck auf dem Weg zum Werbellinsee sind. „In einer Stunde fährt dort unser Boot“, erzählen die Eltern. Auch die Kinder haben es eilig: „Mama, jetzt komm!“

Auf dem Weg zur Bootsanlegestelle liegt die Badestelle am „Spring“ am südwestlichen Seeufer. Am Fuß der Liegewiese geht der weiße Strand flach in den See über, das Wasser ist dort deshalb warm. Mehr Paradies geht nicht.

Ganz in der Nähe liegt das Café Wildau im gleichnamigen Ort. 2009 wurde es als Hotel und Restaurant neu eröffnet, als Neubau nach historischem Vorbild. Das Gebäude gab es schon einmal. Kaiser Wilhelm II. ließ um 1894 die damalige Fabrikantenvilla zum Gästehaus umbauen. Zu DDR-Zeiten verfiel es und wurde 1981 abgerissen. Das heutige Café greift ein Lebensgefühl auf, das die Berliner einst an den Werbellinsee brachten: den Genuss am leichten, schönen Leben in der wilden Natur. Davon zeugt die große Terrasse am See. Von hier kommt auch die Klaviermusik. Sie untermalt die Hochzeitsfeier des jungen Paars.

Wer im Sommer im Café Wildau übernachten will, muss vor allem an Wochenenden früh reservieren. Doch es gibt genug Alternativen – auch solche mit Geschichte. Das Ringhotel Schorfheide zum Beispiel. Auf den ersten Blick ist es nicht zu erkennen, aber das Hotel, ein lichtdurchfluteter Neubau der 1990-er-Jahre mit viel Glas und Holz, liegt in direkter Nachbarschaft des einstigen Jagdschlosses Hubertusstock. Gebaut wurde es als Tagungshotel, heute „Tagungszentrum der deutschen Wirtschaft“. Doch gerade im Sommer checken viele Urlauber hier ein. Familien mit Kindern, Radfahrer und Wanderer, im Herbst kommen auch Jäger, die Schorfheide ist berühmt für Rot- und Muffelwild.

Außen Hirsche, innen Honecker: Das Jagdschloss

Das eigentliche Jagdschloss, zuletzt Gästehaus der DDR-Regierung, war jahrzehntelang Ziel von geschichtsinteressierten Besuchern und Trophäenjägern, die noch einmal das echte DDR-Ambiente aus der Zeit des Kalten Krieges erleben wollten.

Nach der Privatisierung des Geländes in den 90er-Jahren gab es Führungen durch Honeckers Jagdschloss, seine Schlafgemächer und den rustikalen Jagdkeller. In einem der Gäste-Bungalows aus den 60er-Jahren mit Original-Einrichtung aus DDR-Zeiten konnte man sogar übernachten.

Das ist vorbei. Seit Anfang 2015 gehört das gesamte Gelände zum Ringhotel Schorfheide und ist seitdem nicht mehr öffentlich zugänglich. Führungen gibt es nur noch auf Anfrage. Kaiserlichen Prunk sollte man sich nicht erhoffen: Das Jagdschloss steht zwar unter Denkmalschutz, ist aber ein Gebäude aus DDR-Zeiten mit historischer Fassade. Außen Hirsche, innen Honecker: Zu sehen sind nur noch Details wie Kachelöfen, Einbauschränke und ein Bad mit Einrichtung aus dem Westen.

Wo einst die obersten Sozialisten der DDR mit ihren Gästen tagten, kann seit diesem Jahr ebenfalls offiziell geheiratet werden. Das Standesamt ist im Kaminzimmer. Honeckers Schlafzimmer wurde zur modernen Hochzeitssuite, Bad, Schränke und Telefon sind noch original. Im Foyer des Gebäudes steht das grüne Sofa, auf dem die Staatsgäste der DDR fotografiert wurden. Die Bilder verblassen an den Wänden. Vielleicht ist es ganz gut so.

Im Mittelpunkt steht heute der Wald, der sich vor den Hotelfenstern ausbreitet wie ein Gemälde. Wenn der Gast sich abends ins Bett legt, wird ihm möglicherweise eines fehlen: das Grundrauschen der Stadt. Die Stille im Wald hat etwas Unwirkliches. Fast wie im Paradies.

>> Alle Teile der Serie "In Berliner Betten" gibt es hier <<