"In Berliner Betten"

Rund um den Grunewaldsee – wie auf dem Lande

| Lesedauer: 10 Minuten
Regina Köhler
Einst brachte der Kaiser hier seine Jagdgesellschaft unter. Heute ist im Fortshaus Paulsborn ein Hotel- und Restaurantbetrieb

Einst brachte der Kaiser hier seine Jagdgesellschaft unter. Heute ist im Fortshaus Paulsborn ein Hotel- und Restaurantbetrieb

Foto: Massimo Rodari

Eine Viertelstunde dauert die Fahrt vom Kudamm zum Grunewaldsee. Dort ist es ländlich. Im Forsthaus Paulsborn sind Hunde willkommen.

Es regnet. Der Weg durch den Grunewald zum Forsthaus Paulsborn ist nass und voller Pfützen. Ich ziehe mir die Schuhe aus und laufe barfuß über den Schotter, manchmal auch durchs nasse Gras. Es riecht nach Pilzen und feuchtem Laub – Waldgeruch. Ich atme tief ein und bin plötzlich ganz weit weg – im brandenburgischen Wald meiner Kindheit, der sommers oft unser Spielplatz war. Ferienstimmung überkommt mich. Dass mein Büro nur 15 Busminuten entfernt ist, spielt keine Rolle mehr: Ich bin auf dem Land. Es ist Sommer. Die laute, stickige Stadt ist weit weg.

Der Regen sorgt dafür, dass ich an diesem Nachmittag fast allein im Wald unterwegs bin. Zwei durchnässte Spaziergängerinnen sind die einzigen, die ich treffe. Barfuß, in der einen Hand meine Reisetasche, in der anderen einen Regenschirm, komme ich nur langsam voran. Von der Bushaltestelle Clayallee/Ecke Königin-Luise-Straße bis zum Forsthaus brauche ich zwanzig Minuten.

Zurückversetzt in eine Zeit, als Berlin noch fast ein Dorf war

Zunächst erreiche ich das Jagdschloss Grunewald. Dort schließen sie gegen 18 Uhr gerade den Museumsshop, zu dem auch eine Gaststätte gehört. Ich überquere den gepflasterten Innenhof und fühle mich zurückversetzt in jene Zeit, als Berlin noch fast ein Dorf und am Brandenburger Tor zu Ende war. Damals, zu Beginn des 18. Jahrhunderts, ließ Friedrich I., der erste König in Preußen, das 1524 erbaute Renaissance-Schloss umbauen und zu einem Jagdschloss erweitern. 1708 war die barocke Gestaltung des Gebäudes abgeschlossen.

Heute ist das Jagdschloss Grunewald der älteste erhaltene Schlossbau Berlins. Von dort führt eine mit alten Eichen gesäumte Kopfsteinpflasterallee direkt zum Forsthaus Paulsborn. Barfuß brauche ich für diesen Weg etwa sieben Minuten. Das Anwesen ist von einem hölzernen Lattenzaun umgeben. Vor dem Haus macht sich ein Biergarten breit, überdacht von Linden- und Kastanienbäumen, mit Blick auf den Grunewaldsee.

1871 weihte Kaiser Wilhelm I. dort ein Gasthaus ein, 1905 erhielt Paulsborn den heute noch bestehenden Gaststättenbau in prächtiger Neurenaissance, mit vielen Anspielungen auf das Jagdschloss. Gern quartierte der Kaiser seine Jagdgesellschaften im Paulsborn ein. Selbst wenn sie im Jagdschloss vorher ordentlich getrunken haben sollten, dürften die Jäger den Weg dorthin ohne größere Probleme gefunden haben. Von Haus zu Haus geht es einfach nur geradeaus.

Als der Regen gegen 19 Uhr aufhört – ich habe bereits mein Zimmer im zweiten Stock des Hauses bezogen und im großen Speisesaal mit den skurrilen Kronleuchtern aus Geweihen Abendbrot gegessen – treffe ich im Biergarten den Logistikunternehmer Holger Demmin und seine Tochter Lavinia. Die beiden haben ihre Hunde Lupa, Emma und Bosse dabei, die sitzen artig unter dem Tisch. Ab und zu schlabbern sie Wasser aus einem großen Napf, den der Kellner vorbeigebracht hat, kaum dass Demmins Platz genommen haben.

So entstand die Idee für ein Hotel mit Hundetheke

Holger Demmin kennt das Paulsborn seit seinen Kindertagen Ende der 50er-Jahre. „Meine Eltern sind nach langen Spaziergängen durch den Grunewald meist hier essen gegangen“, sagt er. Eine Gewohnheit, die er gern übernommen hat. „Ich esse hier am liebsten Ente“, sagt Demmin, der sich an diesem Abend allerdings mit einem Schnitzel begnügen muss. Das stört ihn aber nicht weiter. Viel wichtiger ist ihm und seiner Tochter, dass Hunde hier willkommen sind. Die dürfen mit ihren Besitzern im Paulsborn übernachten und auch im Restaurant oder im Biergarten sind sie gern gesehen. Sonntags werden sie sogar bewirtet, dann gibt es im Biergarten einen Extra-Stand mit Hundefutter.

Die Idee für ein Restaurant mit Hundetheke hatte Johanna Wahlig, seit Ostern 2014 die neue Chefin des Paulsborn. Ich treffe sie am folgenden Tag nach dem Frühstück. Da scheint die Sonne schon wieder und draußen vor dem Zaun laufen Münsterländer, Bulldoggen, Golden Retriever und viele andere große und kleine Hunde vorbei, begleitet von Herrchen oder Frauchen oder von einem Hundesitter.

Die Kinder machen gerade Urlaub am Starnberger See

Der Grunewaldsee sei eines der größten Hundeauslaufgebiete Berlins, sagt Wahlig, die selbst einen Hund hat – Rico, eine Kreuzung aus Golden Retriever und Pudel. Der sei mit ihrem Mann und ihren drei Kindern aber gerade im Urlaub bei ihren Eltern am Starnberger See. Wahlig seufzt ein wenig. Sie wäre gern mitgefahren, ist im Paulsborn aber unabkömmlich. Es sei schwer, genug Fachkräfte zu finden, sagt sie.

Zugegeben, wer Hunde nicht mag oder gar Angst vor ihnen hat, der sollte nicht am Grunewaldsee spazieren gehen. Auch ein Besuch des Paulsborn empfiehlt sich für so jemanden nicht unbedingt. Für alle anderen aber, vor allem jedoch für Hundebesitzer, ist hier das Paradies. Anja und Renate Schulze zum Beispiel sind extra aus Leipzig angereist, um für ein paar Tage Urlaub im Paulsborn zu machen. An diesem Vormittag frühstücken sie gerade im Garten. Mischlingshündin Celina liegt neben ihrem Tisch auf einer Decke, froh darüber, dass sie dabei sein kann und hin und wieder ein Happen abfällt. „Wir haben sie vor einem Jahr aus Rumänien geholt“, sagt Anja Schulze. Celina habe dort auf der Straße gelebt und hätte getötet werden sollen. Anfangs sei es sehr schwer gewesen mit ihr. „Sie ist quasi oft die Wände hochgegangen und hatte vor Menschen große Angst.“ Mit viel Geduld und Liebe ist es Mutter und Tochter gelungen, Celina das Vertrauen in die Menschen zurückzugeben.

Sie hätten ursprünglich in Bayern Urlaub machen wollen, erzählen die beiden Frauen. Die Reise dorthin sei aber für Celina noch zu weit. Im Internet sind sie dann auf das Hotel Paulsborn gestoßen und sehr zufrieden mit dieser Wahl. „Wo kann man schon so entspannt Urlaub mit Hund machen“, sagt Renate Schulze und berichtet begeistert von den Hundebadestränden am Grunewaldsee.

Im Paulsborn übernachten allerdings nicht nur Hundebesitzer. Auch Geschäftsleute, Messebesucher oder Touristen, die vorhaben, die Stadt zu erkunden und einzukaufen, abends aber ihre Ruhe haben wollen, checken im ehemaligen Forsthaus ein. Zum Sonntagsbrunch kommen vor allem Familien, die Kinder und Hunde haben. „Die Kinder freuen sich über den kleinen Spielplatz neben unserem Biergarten, die Hunde über den Auslauf“, sagt Johanna Wahlig.

Auch Hochzeiten und andere Familienfeiern werden im Paulsborn ausgerichtet. „Den Leute gefällt das romantische Ambiente im Haus, der große Saal mit seinem Gewölbe, mit den Säulen und Bleiglasfenstern und dem gewaltigen Hirschkopf über der Bar und der Festsaal mit der großen Außenterrasse im ersten Stock“, sagt Wahlig. Gern werde auch das Kaminzimmer gebucht, wo bis zu 30 Personen tafeln könnten. „Die fühlen sich dort wie in einem alten englischen Schloß.“

Der Blick zum See wurde wieder freigelegt

Johanna Wahlig – langes blondes Haar, schlank, energisch – war einst Chefin des Bundespressestrandes, bis der 2011 dem Bau des Bundesbildungsministeriums weichen musste. Auf der Suche nach einer neuen Location ist sie im Januar 2014 eher durch Zufall auf das alte Haus am Grunewaldsee gestoßen. Sie habe eine kleine Annonce der Berliner Forsten in der Zeitung gelesen, sagt sie. Die hätten einen neuen Pächter für das ehemalige Forsthaus gesucht. Sie habe sich dann das Haus angesehen und sich sofort in diesen Ort verliebt. „Obwohl alles ziemlich runter gekommen war, zugewachsen und im Stil der 1970er Jahre eingerichtet“, sagt sie. „Ich konnte mir trotzdem gut vorstellen, wie es einmal aussehen könnte.“ Die Entscheidung fiel schnell. Kurz darauf wurden im Garten des Paulsborn die riesigen alten Thuja-Hecken gerodet und der Blick zum See wieder freigelegt. Im Restaurant verschwanden die braunen Raumteiler und die Blümchenbezüge von den Stühlen. Wahlig hat modernisiert, ohne dabei den Denkmalschützern auf die Füße zu treten. So kommt es, dass das alte Haus noch immer viele Geschichten erzählen kann, gleichzeitig aber auch für ein jüngeres Publikum interessant ist.

Mein Zimmer macht einem Forsthaus alle Ehre. Es ist mit hellen Holzmöbeln eingerichtet. Die Tapeten sind hellgrün, grün sind auch die Gardinen. An den Wänden hängen Bilder, auf denen Rehe, Hasen und Wildschweine abgebildet sind. Nachts ist es absolut still. Durch das offene Fenster kommt frische Waldluft, gegen Morgen sind Vögel zu hören. Gleich nach dem Frühstück laufe ich ein Stück am See entlang. Ihn gänzlich zu umrunden würde etwa eine Dreiviertelstunde dauern.

Mit mir sind jede Menge Leute mit ihren Hunden unterwegs. Stress wie etwa am Schlachtensee gibt es trotzdem nicht. „Hier ist schon so lange Hundeauslaufgebiet, dass keiner mehr auf die Idee kommt, sich aufzuregen“, hatte Holger Demmin mir am Abend noch gesagt und er scheint recht zu haben. Anja und Renate Schulze bestätigen das. „Wir sind hier jeden Tag viel spazieren gegangen, Probleme mit anderen Hunden gab es nicht“, sagt Anja Schulze.

Nachmittags stehen plötzlich zwei Damen im Restaurant. Antje Holdermann und Daniela Fehr aus Zehlendorf wollen den Festsaal des Forsthauses Paulsborn für die Goldene Hochzeit ihrer Eltern buchen. Beim Spazierengehen haben sie festgestellt, dass sich hier in letzter Zeit viel verändert hat. Zum Feiern sei der Ort ideal. „Die Gäste können hier gut essen, spazieren gehen und übernachten und bis in die Stadt ist es nicht weit“, sagt Holdermann und hofft nur, dass ihre Gäste Hunde mögen.

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