Warentest

Hahn oder Flasche: Wie gut ist Berliner Trinkwasser?

Stiftung Warentest hat geprüft: Mineralwasser wird überschätzt, Rückstände im Leitungswasser sind unbedenklich.

Eine junge Frau nimmt in Karlshorst Wasser von einem Trinkbrunnen

Eine junge Frau nimmt in Karlshorst Wasser von einem Trinkbrunnen

Foto: Hannibal Hanschke / picture alliance / dpa

Berlin.  Das Berliner Trinkwasser aus dem Hahn, so heißt es, soll besser sein als Mineralwasser. In Deutschland ist es trotzdem eine Glaubensfrage: Flasche oder Leitung? Stiftung Warentest hat das Trinkwasser jetzt in einer groß angelegten Untersuchung geprüft. In 28 Rathäusern wurden Proben entnommen – auch in Berlin. Zusätzlich wurden 30 stille Mineralwässer aus Flaschen getestet. Das Ergebnis: das Hauptstadt-Trinkwasser schneidet gut ab.

Stephan Natz, Sprecher der Berliner Wasserbetriebe (BWB), wundert das nicht: „Unser Trinkwasser ist das Grundnahrungsmittel Nummer eins, weil es engsten Vorschriften unterliegt.“ Was die Belastung durch unerwünschte Stoffe betrifft, schneidet das stille Mineralwasser bei Stiftung Warentest aber generell besser ab.

Im Trinkwasser wiesen die Verbraucherschützer an 21 der getesteten Orte Medikamente, Röntgenkontrast- und Korrosionsschutzmittel, Pestizide und Süßstoffe nach. Allerdings in so geringer Konzentration, dass die Funde Stiftung Warentest zufolge gesundheitlich unbedenklich sind. Viele liegen unter 0,1 Mikrogramm pro Liter – nicht Mal ein millionstel Gramm.

Medikamentenrückstände im Berliner Wasser

Dennoch zeigen die Werte, dass unser Lebensstil Spuren hinterlässt: So haben die Tester in Großstädten wie Berlin, wo viele Menschen auf engem Raum leben, vor allem Süßstoffe im Trinkwasser entdeckt, die aus zuckerfreien Getränken stammen können. „Wasser ist immer vom Menschen beeinflusst, und ein Klärwerk schafft es nicht immer, alle Stoffe herauszufiltern“, sagt Natz.

Auch Rückstände von Medikamenten wurden im Berliner Trinkwasser gefunden, darunter Stoffe und Abbauprodukte von Schmerz- und Diabetesmitteln. Für diese Spurenstoffe gibt es bislang keine Grenzwerte. „Das Umweltbundesamt hat für solche Fälle das Konzept der gesundheitlichen Orientierungswerte entwickelt“, sagt Lebensmittelexpertin Ina Bockholt von Stiftung Warentest.

Solange zu wenige Daten zur Auswirkung bestimmter Rückstände vorlägen, werde für sie ein so geringer Wert angesetzt, dass auch lebenslanger Konsum keine Gefahr bedeute. In keiner der 28 Trinkwasserproben sind die Orientierungswerte überschritten worden. Dennoch können Medikamentenrückstände zum Problem werden, da sie teilweise Tieren und Umwelt schaden. Natz appelliert deshalb an die Verbraucher, Medikamente nie in Toilette und Waschbecken zu entsorgen, sondern in den Hausmüll zu werfen oder zurück in die Apotheke zu bringen.

Berlin hat besonders hartes Wasser. „Das ist so, weil es durch die zerriebenen Muscheln in den Erdschichten mit besonders vielen Mineralstoffen versetzt wird“, so Natz. Der hohe Kalzium- und Magnesiumgehalt ist ein typisches Merkmal für das Berliner Trinkwasser. Das kann für Verbraucher interessant sein, die zum Beispiel kaum Milch trinken. Damit steht Berlin in Sachen Mineralstoffgehalt im Trinkwassertest an vierter Stelle und liegt weit vor den anderen Metropolen des Landes.

Im Vergleich zu landwirtschaftlichen Regionen wurde in den Berliner Proben nur wenig Nitrat gefunden – meist gelangt es über Gülle und Kunstdünger in Grund- und Trinkwasser. Genauso gering waren die nachgewiesenen Chrommengen. Der Stoff kommt natürlich in Gestein vor, ist wasserlöslich und krebserregend. Die Tester fanden ihn auch in Mineralwässern.

Problematik ist noch relativ neu

„Die Problematik ist noch relativ neu“, sagt Bockholt, „das Umweltbundesamt diskutiert seit 2014 einen Leitwert von 0,3 Mikrogramm pro Liter.“ Dieser Wert sei nicht bindend. Sechs Trinkwässer im Test liegen leicht darüber, die Werte gelten aber noch als tolerabel. Dass das Pflanzenschutzmittel Glyphosat nicht nachweisbar war, überrascht Bockholt übrigens nicht: „Es baut sich schnell ab und kann bei der Aufbereitung herausgefiltert werden.“ Auch die übrigen Rückstände seien erwartbar gewesen, da viele Stoffe mit dem Regen durch den Boden ins Grundwasser gespült werden.

Ein Kriterium gegen das Trinken von Wasser aus dem Hahn sollten die kaum messbaren Verunreinigungen nicht sein, so Bockholt: „Man kann beide Wassertypen bedenkenlos trinken.“ Es gebe sogar Faktoren, die für Leitungswasser sprächen: Es koste pro Liter 0,5 Cent, „das günstigste Mineralwasser im Test liegt bei 24 Cent pro Liter“. Zudem schneide Trinkwasser ökologisch besser ab, es müsse nicht abgefüllt und transportiert werden, sei überall verfügbar.

Die oberirdischen Verunreinigungen in fünf Mineralwässern hat die Stiftung eher überrascht. Bockholt: „Mineralwasser darf praktisch nicht behandelt werden, anders als Trinkwasser. Dringen Verunreinigungen in die Quelle ein, kann das auf eine defekte Anlage oder Undichtigkeiten hindeuten.“