Kriminalität

Wo Straßenräuber in Berlin am häufigsten zuschlagen

Raubdelikte sind in Berlin zwar rückläufig – doch bei Diebstahl stieg die Zahl gegenüber dem Vorjahr um 25 Prozent auf 40.000 Taten.

Die beiden jugendlichen Taschendiebe agierten höchst professionell. Kaum hatten die 16 und 17 Jahre alten Männer am Donnerstagmittag im Berliner Hauptbahnhof ein geeignetes Opfer – eine 65-Jährige aus Brandenburg – erspäht, schlugen sie blitzschnell zu. Einer lenkte die Seniorin ab, der zweite entwendete ihr geschickt die Geldbörse aus der Handtasche. Ebenso blitzschnell reagierte aber auch die Bundespolizei. Noch bevor die Diebe mit ihrer Beute flüchten konnten, klickten bei ihnen die Handschellen, Zivilbeamte hatten sie zuvor beobachtet. Überraschend kam die Festnahme auch für das Opfer, das hatte den Diebstahl bis dahin nicht einmal bemerkt.

In Berlin vergeht kein Tag, ohne dass Beamte der Bundes- oder Landespolizei gleich mehrmals einige Langfinger aus dem Verkehr ziehen. Gefasst wird letztlich allerdings nur ein kleiner Teil der Täter. Und deren Zahl in Berlin wächst und wächst. Ebenso wie die Zahl der Delikte. 40.399 Fälle registrierte die Polizei der gerade veröffentlichten Kriminalstatistik zufolge im vergangenen Jahr. Gegenüber dem Vorjahr (32.121 Fälle) war das ein deutlicher Anstieg um 25,8 Prozent. Und gegenüber dem Jahr 2012 hat sich die Anzahl der Taten sogar mehr als verdoppelt.

Täter, die mit Gewalt vorgene, haben 2015 rund 3000 Mal zugeschlagen

Betroffen sind Einheimische ebenso wie Touristen. Und nicht nur Taschendiebe machen ihnen das Leben schwer. Überall, wo große Menschenmengen unterwegs sind, treiben auch Straßenräuber ihr Unwesen, unter ihnen vor allem solche, die es auf die Handtaschen ihrer Opfer abgesehen haben. Sie agieren weit weniger trickreich als die Taschendiebe, dafür aber häufig mit äußerster Brutalität. Etwa 3000 Mal schlug diese Tätergruppe 2015 in der Hauptstadt zu, etwa genauso häufig wie im Jahr davor.

Zu den Schwerpunkten beim Straßen- und Handtaschenraub gehören der gesamte Stadtteil Mitte und große Teile von Moabit, Wedding, Kreuzberg und Friedrichshain. Hinzu kamen im vergangenen Jahr im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf der Bereich rund um Kurfürstendamm und Kantstraße, der Norden Schönebergs und das Zentrum von Spandau. Dort wurden mehr als 120 Delikte registriert. Im Osten sowie im Südwesten der Stadt gab es 2015 hingegen nur wenige Taten.

Die Grenzen zwischen Raub und Diebstahl sind oft fließend

Taschendiebstähle lassen sich, anders als andere Delikte, nicht in einem Kriminalitätsatlas wiedergeben. Opfer, die den Diebstahl melden, können zumeist nicht einmal angeben, wann und wo sie bestohlen wurden. Als Schwerpunkte der Langfinger gelten nach Angaben einer Polizeisprecherin sämtliche Örtlichkeiten, an denen große Menschenmengen unterwegs sind. Beliebte Touristenziele und belebte Einkaufsstraßen gehören ebenso dazu wie viel besuchte Kneipenviertel sowie Bahnhöfe, Busse und Bahnen. Taschendiebe sind darüber hinaus im Bereich von Großveranstaltungen aktiv, die in Berlin ganzjährig regelmäßig stattfinden.

Parallelen zwischen den Delikten Taschendiebstahl und Straßenraub sind kein Zufall. Denn die Grenzen zwischen Diebstahl und Raub sind häufig fließend, das musste die Polizei zuletzt häufiger feststellen. Bemerkt ein Opfer einen Taschendiebstahl, wird aus dem Dieb schnell ein Räuber. Einmal ertappt, wendet er sofort Gewalt an, um trotzdem an seine Beute zu gelangen. Zumeist erhält er sofort Hilfe von Komplizen, die stets in der Nähe warten. Die Delikte treten seit geraumer Zeit vor allem rund um das Kottbusser Tor in Kreuzberg, entlang der Warschauer Straße einschließlich der Nebenstraßen und des RAW-Geländes sowie am Alexanderplatz und in der City West verstärkt auf.

Diebesbanden arbeiten europaweit, die Einzeltäter wechseln ihre Einsatzorte

Die Berliner Polizei hat die Bekämpfung dieser Taten längst intensiviert. Erhöhte sichtbare Präsenz und der Einsatz von verdeckten Ermittlern zeigen durchaus Erfolge. Aber auch die Gegenseite hat aufgerüstet. Wo früher Einzeltäter und kleine Gruppen aktiv waren, sieht sich die Polizei heute mit internationalen Banden konfrontiert, die gleich in mehreren deutschen und europäischen Metropolen im Einsatz sind.

Für deren Chefs bietet das Vorteile. Gerät etwa ein Dieb in Berlin ins Visier der Polizei, wird er in eine andere Stadt „versetzt“. Dass die Festgenommenen einen Haftbefehl erhalten, ist eher die Ausnahme. Denn die meisten sind Jugendliche, da liegen die rechtlichen Hürden besonders hoch. Ihren Nachwuchs beziehen die Bandenchefs vor allem aus Rumänien, Bulgarien und dem ehemaligen Jugoslawien. Dort gibt es, wie Fahnder im Bereich der organisierten Kriminalität wissen, regelrechte Ausbildungszentren.