Expertin der Charité

So kann man Kindern den Anschlag von Nizza erklären

Kindern und Jugendlichen muss man das Gefühl von Sicherheit vermitteln, rät die Berliner Expertin Isabella Heuser im Interview.

Der Anschlag von Nizza

Der Anschlag von Nizza

Foto: Andreas Gebert / dpa

Nach dem Anschlag von Nizza sind auch in Berlin Trauer und Ohnmacht zu spüren. Am Montag (13 Uhr) findet im Berliner Dom ein okumenischer Gedenkgottesdienst statt.

Doch wie erklärt man seinen Kindern, was da im Süden Frankreichs geschehen ist? Das Wichtigste sei, Kindern und Jugendlichen ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln, sagt Professorin Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité, im Gespräch mit der Berliner Morgenpost.

Wie redet man mit Schülern nach solch einem Anschlag?

Isabella Heuser: Da muss man differenzieren. Bei Kindern von sechs bis acht Jahren kann man je nach Entwicklungsstand nicht irgendetwas von Terrorismus erzählen. Da muss man eben sagen, dass es bestimmte böse Menschen gibt, die anderen weh tun wollen und das ist jetzt dort passiert. Aber dir passiert nichts, du musst keine Angst haben, weil Mama und Papa dich beschützen.

Wie sieht es mit den Jugendlichen aus?

Je nach Entwicklungsstand, so ab dem zwölften oder 14. Lebensjahr, sollte man ehrlich und offen damit umgehen und den Kindern und Jugendlichen etwas zumuten. Aber nur so viel, wie sie zulassen. Das heißt, wenn diese Kinder und Jugendlichen Fragen stellen oder sich mitteilen wollen, dann sollte man die Fragen auch so gut man es kann beantworten. Dann kann man zum Beispiel erklären, was Terror ist, dass Terror eben überraschende Gewaltanwendung ist, um Menschen zu verängstigen, das heißt ja terrorisieren. Man wird zufällig ausgesucht, einfach um nur allergrößten Schrecken und Angst und ein möglichst großes Gefühl der Unsicherheit zu verbreiten.

Nun sind die zehn Schulklassen aus Frankreich zurück in Berlin. Wie kann man sie unterstützen?

Auf die Jugendlichen, die in Frankreich auf Klassenfahrt waren, sollte man auf keinen Fall ein Heer von Psychologen und Seelsorgern ansetzen, sondern sollte ein sehr feines Gespür dafür haben, wann diese Jugendlichen überhaupt reden wollen. Ganz wichtig ist, ihnen ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln, dann werden die schon kommen und werden Fragen stellen. Zum Beispiel, ob so etwas auch in Berlin geschehen kann. Und natürlich kann sowas auch in Berlin passieren. Aber man sollte dann nicht wie Politiker von abstrakter und konkreter Gefährdung reden. Das sind Begriffe, die absolut inhaltsleer sind, weil sie nichts wirklich erläutern. Man sollte eher sagen, ja, es besteht natürlich eine Gefahr, dass sowas auch in Berlin passiert. Aber das Risiko, überhaupt zum Opfer eines solchen Anschlags zu werden, ist deutlich geringer als etwa in einen Verkehrsunfall mit erheblichen Folgen verwickelt zu werden. Man muss das auf so eine Weise relativieren.

Was raten Sie Eltern, wie sie sich verhalten sollen?

Man sollte sich bereithalten und eine Antenne dafür entwickeln, wann jemand reden möchte. Aber nun nicht etwa sagen: Jetzt erzähl doch mal, das muss raus, und du musst darüber sprechen, dann wird es leichter. Das ist absolut falsch, das wissen wir heute. Sondern man muss den Kindern das Gefühl geben, du bist jetzt sicher, man muss ihnen Ruhe und Geborgenheit im Umfeld geben. Man muss darauf eingehen, gerade an der Schule, an der zwei Schülerinnen und eine Lehrerin ums Leben gekommen sind. Die werden natürlich besonders betroffen sein und da muss man ein feines Gespür dafür haben, wann sie reden wollen. Irgendwann wollen sie alle reden, aber die Zeitpunkte variieren und man sollte keinesfalls darauf drängen.

Was können die Schulen jetzt tun, so kurz vor Beginn der Sommerferien?

Die Schulen sollten auf jeden Fall Trauerarbeit leisten. Die sollte so gestaltet sein, dass man in einem Versammlungssaal zusammenkommt. In der Regel wird es so sein, dass man nochmal alles Revue passieren lässt, dass jemand darüber sprechen wird, was passiert ist. Dass man vielleicht auch die Schüler, die das wollen, auffordert, vor die Versammlung zu treten und kurz ihre Gefühle zu schildern. Und wenn da geweint wird, dann ist das in Ordnung. Solch ein Trauerversammlungsritual sollte jede Schule, die mittelbar beteiligt war, auf jeden Fall machen. Das sind Rituale, die uns allen helfen, über schwere Situationen hinwegzukommen.

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