Flüchtlinge in Berlin

Am Flughafen Tempelhof sollen bald 3000 Flüchtlinge leben

Weil sich der Bau der Containerdörfer weiter verzögert, werden weitere Hangars am Flughafen Tempelhof für Flüchtlinge vorbereitet.

In der Notunterkunft im ehemaligen Flughafen Tempelhof leben derzeit 1160 Flüchtlinge. Noch in diesem Monat kommen Hunderte dazu

In der Notunterkunft im ehemaligen Flughafen Tempelhof leben derzeit 1160 Flüchtlinge. Noch in diesem Monat kommen Hunderte dazu

Foto: Reto Klar

Weil die vom Senat geplanten Containerunterkünfte für Flüchtlinge viel später fertig werden als vorgesehen, müssen bis zu 2000 Flüchtlinge zusätzlich in die Hangars des ehemaligen Flughafens Tempelhof ziehen. Die Fertigstellung der sogenannten Tempohomes verzögert sich teilweise um mehrere Monate. Sozialsenator Mario Czaja (CDU) und Flüchtlingsstaatssekretär Dieter Glietsch (SPD) hatten allerdings im April zugesagt, die noch belegten Sporthallen möglichst schnell freizuziehen, um sie während des kommenden Schuljahres zu renovieren und wieder für Sport nutzbar zu machen.

Um dieses Versprechen einigermaßen einhalten zu können, werden jetzt die Kapazitäten in Berlins größter Notunterkunft im alten Terminalgebäude hochgefahren. Mitarbeiter des Betreibers der Notunterkunft, der Tamaja GmbH, berichten von einer steigenden nervlichen Anspannung der Menschen, die zum Teil seit zehn Monaten in den früheren Flugzeuggaragen leben. Die Rede ist von Selbstmordversuchen, Selbstverstümmelungen und Persönlichkeitsveränderungen. Die Senatsverwaltung für Soziales konnte dazu zunächst keine Angaben machen. Derzeit leben in Tempelhof nach Angaben von Tamaja 1162 Menschen in den Hangars zwei, sechs und sieben.

Wegen Funkausstellung muss Messehalle geräumt werden

Die ersten zusätzlichen 300 Flüchtlinge, die nun hinzukommen, sollen im Hangar fünf untergebracht werden, der zurzeit hergerichtet wird. Sie lebten bisher in der Messehalle 26 auf dem Messegelände am Funkturm. Dort waren Anfang Mai mehrere Hundert Menschen eingezogen, als das zuständige Landesamt für Gesundheit und Soziales das Horst-Korber-Sportzentrum und die Rudolf-Harbig-Halle auf dem Olympiagelände an der Glockenturmstraße freizog.

Jetzt wird die Messehalle, in der noch 400 Flüchtlinge Obdach haben, für die Internationale Funkausstellung benötigt. Überlegungen, den Hangar fünf dem bisherigen Messehallen-Betreiber Albatros gGmbH zu überlassen, wurden inzwischen zu den Akten gelegt. Es erschien nicht sinnvoll, neben der Tamaja einen zweiten Betreiber in Tempelhof einzusetzen.

Auch erstes Obdach für Neuankömmlinge

Darüber hinaus wird geplant, alle Hangars in Tempelhof als Unterkünfte in Betrieb zu nehmen. Das würde eine Kapazität von 3000 Bewohnern bedeuten. Dort sollen Menschen aus anderen geschlossenen Unterkünften unterkommen, ebenso fürs Erste die immer noch bis zu 25 Neuankömmlinge in Berlin pro Tag.

Um den Vollbetrieb zu erreichen, werden in den Hangars drei und vier jetzt die Sanitäranlagen erneuert. Die alten hätten einen infernalischen Gestank in der riesigen Halle verbreitet, hieß es. Außerdem sei es zu Konflikten gekommen, weil Frauen und Männer den gleichen Eingang zum Sanitätsgang nehmen mussten. Jetzt werden die Geschlechter getrennte Zugänge zu Toiletten und Duschkabinen erhalten.

Spannungen beim Umzug nach Tempelhof erwartet

Hunderte von Flüchtlingen in die Hangars zu verlegen, dürfte aber nicht ohne Spannungen ablaufen. Als zuletzt die ebenfalls von Tamaja gemanagte Jahn-Sporthalle am Columbiadamm geräumt wurde, weigerten sich zahlreiche Bewohner, in die Hangars zu ziehen. Die Massenunterkunft hat ein schlechtes Image, obwohl es inzwischen eine gut ausgebaute Sozialarbeit, medizinische Versorgung, Sportangebote und Kinderbetreuung gibt. Demnächst wird in einem Nebenraum eine Hausaufgabenbetreuung für Schulkinder eingerichtet.

Seit einiger Zeit kochen sie in der Unterkunft auch selbst in einer provisorischen Küche, denn Bewohner wie Mitarbeiter waren des angelieferten Fertigessens überdrüssig. Die Zulassung des Lebensmittelaufsichtsamtes für die bisherige Küche läuft jedoch aus. Jetzt wird geprüft, eine andere Küche zu reaktivieren, die seit zehn Jahren nicht benutzt wurde.

Containerdorf für 2000 Flüchtlinge geplant

Die Betreiber rechnen inzwischen damit, dass sie Tempelhof noch Monate, wenn nicht Jahre weiter betreiben sollen. Auch am Flughafen soll ein Containerdorf für insgesamt 2000 Flüchtlinge errichtet werden. Ursprünglich sollte es Anfang September fertiggestellt sein, nun spricht die landeseigene Berliner Immobilien Management GmbH (BIM) von November. Für die Containerquartiere zuständig ist die BIM, die dem Finanzsenator unterstellt ist. Wie es in einem internen Papier heißt, das der Berliner Morgenpost vorliegt, musste die Planung wegen zu hoher Erschließungskosten abgebrochen und neu gestartet werden.

Von Mitte August bis November muss die Fertigstellung des Containerquartiers am Oberhafen in Spandau verschoben werden. Dort kann wegen des Artenschutzes erst nach Ende der Brutzeit mit dem Bau begonnen werden. Ähnliche Probleme gibt es bei einem Containerquartier in Pankow

Auszugsplan für die Turnhallen revidiert

Wegen der Verzögerungen bei den Tempohomes musste der Zeitplan für den Freizug der Turnhallen geändert werden. Die neue Version sieht vor, 46 Hallen bis November zu räumen, im Juli aber lediglich die Sporthalle des Oberstufenzentrums Bautechnik in Spandau. Im August sollen dann neun Turnhallen freigezogen werden, im September weitere 14.

Für Oktober sind neun Freizüge geplant, für November zwei. Neun Turnhallen sind bereits leer, für sechs gibt es noch keine Termine. Sie sollen geräumt werden, sobald die dafür erforderlichen Unterkunftskapazitäten bereitstehen. Noch Anfang Juni hatte es seitens der Verwaltung geheißen, bis September würden 47 Turnhallen freigezogen.

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