Industrie-Geschichte

Mehr Licht im Bürgerschloss

Der Unternehmer Paul Schmidt hat die Marke Daimon weltbekannt gemacht. In seinem Gutshaus in Hohenschönhausen eröffnet ein Museum.

 Rüdiger Schwarz, Vorstandsvorsitzenderdes Fördervereins Schloss Hohenschönhausen, treibt die Sanierung des Gutshauses voran

Rüdiger Schwarz, Vorstandsvorsitzenderdes Fördervereins Schloss Hohenschönhausen, treibt die Sanierung des Gutshauses voran

Foto: David Heerde

An das Dorf Hohenschönhausen erinnert nicht mehr viel. Plattenbauten säumen als zwei Relikte aus der Zeit, als dieser Ort noch weit draußen vor der Stadt lag, die Taborkirche und das Gutshaus. Seit 18 Jahren kümmert sich der Förderverein Schloss-Hohenschönhausen um das vermutlich Ende des 17. Jahrhunderts – eine Analyse des Holzes der Deckenbalken ergab 1691/92 als Fälljahr – errichte Gebäude. Es gilt als der älteste Profanbau des Bezirks Lichtenberg – und als einer der ältesten Berlins. Bei den Sanierungsarbeiten wurden Wandmalereien gefunden, ein Kreuzgewölbe rekonstruiert und Stuck freigelegt, der wohl bei einem Umbau Anfang des 2o. Jahrhunderts mit Unterdecken kaschiert worden war.

Zu dieser Zeit gehörte das Haus dem Fabrikanten Paul Schmidt, einem Visionär der Elektrotechnik. Er erfand auch die Trockenbatterie. Die wurde unter dem Markennamen Daimon weltbekannt und war eine Voraussetzung für den Siegeszug der „Elektrischen Taschenlaterne“, die sich Schmidt 1906 patentieren ließ. Ein besonders handliches Modell wurde 1937 unter dem Namen „Handy“ als Warenzeichen eingetragen. An Paul Schmidt und seine Werke erinnert das Daimon-Museum, das am 13. Juli im Beisein des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD) im Schloss eröffnet wird. Ein Rundgang vorab mit Rüdiger Schwarz, dem Vorsitzenden des Fördervereins.

Ob Rüdiger Schwarz den Vergleich mit dem neuen Flughafen BER auch im Beisein von Müller macht? Zuzutrauen wäre es ihm. Schließlich hinken beide Baustellen dem Zeitplan hinterher. Mit der Eröffnung des Museums sind die Arbeiten am Haus noch längst nicht abgeschlossen. 2018 nennt Schwarz, hauptberuflich Geschäftsführender Gesellschafter einer Firma, die im Ausland nach Rohstoffen sucht, als Wunschdatum. Dann könnte zeitgleich der Förderverein 20-jähriges Bestehen feiern.

Denkmalgerechte Sanierung dank des Engagements der Bürger

Das ganze Projekt ist ein Musterbeispiel für bürgerschaftliches Engagement. Die Vereinsmitglieder sorgten dafür, dass das seit 1990 leerstehende Gebäude, das zuvor als Kinderheim, Hilfskrankenhaus und zuletzt als Entbindungsstation diente, gesichert wurde und schrittweise denkmalgerecht instand gesetzt wird. Dank Lobbyarbeit flossen Fördermittel des Bundes und des Landes, es wurden Lottomittel und Spenden akquiriert.

Momentan sucht Schwarz, der seit 1998 im Förderverein mitarbeitet und nicht weit vom Schloss entfernt aufwuchs, eine Firma, die den Boden in einem Saal im Erdgeschoss durchsiebt. Stücke von alten Kaminkacheln sind dort schon gefunden worden. In der Mitte des Raumes auf einem Podest steht die restaurierte „Puchmüller-Tür“, benannt nach dem gleichnamigen Kaufmann, der das Gutshaus 1893 erwarb. Sie soll später wieder als Eingangstür dienen, allerdings geschützt durch eine zweite, moderne.

Zuvor aber werden die Wandgemälde rekonstruiert, fehlende Teile sollen ergänzt werden. Farblich leicht modifiziert, also sichtbar. Unter Denkmalschützern ist ja die Frage der Wiederherstellung eine grundsätzliche, ebenso wie die Entscheidung, welche Bauphase eines jahrhundertealten, zwischendurch umgebauten Gebäudes der Restaurierung zugrunde gelegt wird.

Entreebereich mit schönen Wandbildern und Stuck

Schwarz ist kein Freund von fragmentarischen, Zeitschichten offenlegenden Rekonstruktionen. Einladend soll der künftigen Entreebereich werden, mit schönen Wandbildern und prachtvollem Stuck, das würden die Menschen schließlich auch erwarten. Der Balkon über dem Eingangsbereich erstrahlt bereits im alten Glanz.

Momentan geht es gewissermaßen durch die kalte Küche ins „Bürgerschloss“, das auch als örtliches Kulturzentrum dient, Lesungen und Konzerte finden hier statt. Der Eingang liegt noch auf der Gartenseite, das Treppenhaus hat den morbiden Charme der Sophiensäle. Der erste Stock ist fertig renoviert, in dem kleinen Raum, der über dem Kreuzgewölbe liegt, würde Schwarz gern ein archäologisches Fenster einbauen lassen, um Besuchern einen Einblick zu gewähren.

Die Entscheidung darüber ist noch nicht gefallen, ebenso wie die über den neuen Aufzug an der rückwärtigen Hauswand. Schwarz favorisiert ein gläsernes Modell, die Denkmalpflege ein gemauertes. Preislich sei das kein Unterschied, sagt Schwarz.

In den ersten Stock zieht das Daimon-Museum ein, „das einzige seiner Art in Deutschland“. Paul Schmidt (1868–1948), der Tüftler und Unternehmer, stammte aus dem anhaltinischen Köthen. Er zog mit seiner Familie Ende des 19. Jahrhunderts in die boomende Metropole Berlin. Wurde Mitgesellschafter und Betriebsleiter der Hydra-Werke an der Oranienburger Straße.

Als an der Chausseestraße 82 ein Gewerbehof fertiggestellt wurde, mietete Paul Schmidt Räume für seine am 1. Oktober 1901 gegründete Elektrotechnische Fabrik Schmidt & Co., um die von ihm erfundene Trockenbatterie selbst zu produzieren. Eine Marktlücke: der Umsatz an Batterien stieg schnell von 800 auf 3000 pro Tag.

Den Markennamen auf einer Zugfahrt gefunden

Allein es fehlte ein griffiger Markenname. Bei Exporten ins Ausland sorgte das „Sch“ im Namen für Ausspracheprobleme. Auf einer Eisenbahnfahrt nach Hamburg soll Schmidt durch ein Gespräch mit einem Professor den Namen entdeckt haben. Demnach erzählte der Mitreisende von einem Schutzgott namens Daimonios. Der Legende nach habe sich der griechische Philosoph Sokrates auf seinen Daimon verlassen, der ihm half, den richtigen Weg zu finden – ganz profan kann man diese Eigenschaft auch einer Taschenlampe zuschreiben.

Schmidt expandierte, eröffnete eine neue Fabrik an der Sellerstraße, belieferte unter anderem die russische Post mit Batterien, damit die ihr Telefonnetz mit Strom versorgen konnte, gründete Zweigniederlassungen außerhalb Berlins, darunter in Danzig und Köln.

In den 20er-Jahren stieg er in den neu entstehenden Radiomarkt ein, produzierte Geräte in einer neuen Fabrik an der Große-Leege-Straße in Hohenschönhausen. Ein Flop. Das Firmenimperium kam ins Schlingern, die Radioproduktion wurde eingestellt und selbst aus dem Schloss, das Paul Schmidt 1910 für 182.000 Mark erworben hatte, musste die Familie ausziehen. Er war der letzte private Besitzer, die Stadt Berlin erwarb 1927 das Gebäude.

Es sind diese Geschichten, die im Daimon-Museum erzählt und mit Werbeplakaten und Fotos illustriert werden, darunter auch Aufnahmen von Familienfeiern im Schloss. Außerdem erwarb der Förderverein eine private Sammlung mit zahlreichen Daimon-Produkten.

Die Basis der Dauerausstellung bietet die Exposition „Daimon – die Helle Freude“, die der Förderverein – auch als Werbemaßnahme für das Vorhaben – bereits vor 15 Jahren initiiert hatte und die unter anderem in den Heimatmuseen Wedding und Hohenschönhausen zu sehen war. Sie soll nach der Eröffnung weiter ausgebaut werden.

Paul Schmidt schließlich verkaufte die Mehrheit an seinem Unternehmen an den englischen Konkurrenten „Every Ready Company Ltd.“. Er starb am 4. August 1948 in Berlin, fiel im Vergleich zu Firmengründern wie Bosch, Siemens oder Rathenau (AEG) aber in Vergessenheit. Das könnte sich nun ändern.