Flüchtlinge

Senat nutzt Ramadan als Ausrede für Turnhallen-Chaos

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Ulrich Kraetzer
Muslime beim abendlichen Fastenbrechen. Sie dürfen während des Fastenmonats Ramadan zwischen Sonnenauf- und -Untergang nichts essen oder trinken

Muslime beim abendlichen Fastenbrechen. Sie dürfen während des Fastenmonats Ramadan zwischen Sonnenauf- und -Untergang nichts essen oder trinken

Foto: Carsten Koall / Getty Images

Berlins Sozialverwaltung kommt mit dem Freizug der mit Flüchtlingen belegten Turnhallen nicht voran – angeblich wegen des Fastenmonats.

In Deutschland geht die Angst um: Angst vor Flüchtlingen. Angst vor dem Islam. Angst, dass die Deutschen die Werte des „christlichen Abendlandes“ im vorauseilenden Gehorsam freiwillig aufgeben könnten: Minarett statt Kirchturm, Burka statt Minirock, Scharia statt Grundgesetz. Und die Deutschen? Nehmen das einfach so hin – so sehen es zumindest „Islamkritiker“. Wie hatte der Publizist Henryk M. Broder formuliert: „Hurra, wir kapitulieren!“

Eine Anfrage der Berliner Morgenpost an die Sozialverwaltung des Berliner Senats gibt den Befürchtungen, dass die Deutschen willfährige Opfer einer „schleichenden Islamisierung“ sein könnten, nun neue Nahrung. Die Behörde ist für die Registrierung und Unterbringung der vielen Flüchtlinge zuständig – und geriet damit an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit.

Der Mangel an Unterkünften war groß, so groß sogar, dass die Behörde im vergangenen Jahr 57 Turnhallen beschlagnahmte. Feldbetten für Muslime statt Training für Schulkinder und Leistungssportler: Die Schulen und Sportvereine zeigten zwar Verständnis – begeistert waren sie aber nicht. Immerhin: Vor einigen Wochen hatte die Sozialverwaltung einen detaillierten Zeitplan zum Auszug der Flüchtlinge in andere Unterkünfte beschlossen. Schon im Juni, in diesem Monat also, sollten sie drei Hallen verlassen.

Endlich mal eine gute Nachricht, dachten viele – doch weit gefehlt. Denn bei den Hallen der Grundschule am Hohen Feld in Pankow und der Jahn-Sporthalle am Columbiadamm in Neukölln verzögert sich der Auszug auf Ende nächster Woche. Warum?

Muslimen sollte im Ramadan kein Umzug zugemutet werden

Aus Rücksichtnahme auf die Muslime – sagt der Sprecher der Sozialverwaltung, Sascha Langenbach. Im Ramadan, dem islamischen Fastenmonat also, der am kommenden Dienstag endet, befänden sich Muslime in einer „anderen psychischen und physischen Situation“. Da müsse man ihnen nicht noch einen Umzug aufzwingen. Die Verzögerungen, so der Sprecher, seien einer „zutiefst menschlichen Überlegung“ geschuldet. Wenn Henryk M. Broder am Ende der Leitung gewesen wäre: Ihm wäre wohl der Telefonhörer aus der Hand gefallen.

Der Ramadan ist der neunte Monat des islamischen Mondkalenders. Der Überlieferung zufolge wurde dem Propheten Mohammed im Ramadan der Koran herabgesandt. Laut Koran dürfen Muslime in dieser Zeit zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang weder essen noch trinken – von einem Umzugsverbot steht nichts im Koran.

Auch einige Anrufe bei Imamen, die sich selbst eher als konservativ denn als liberal bezeichnen würden, wecken an der Darstellung der Sozialverwaltung Zweifel. Ender Cetin zum Beispiel, der Gemeindevorsteher der stadtweit wohl prächtigsten Moschee am Columbiadamm in Neukölln, reagiert auf die Frage eines möglichen Umzugsverbots im Ramadan erstaunt.

Eine religiöse Regel zum Nichtstun gibt es nicht

„Man darf im Ramadan arbeiten und natürlich auch umziehen“, sagt Cetin Ferid Heider, der Vorsteher der Spandauer Teiba-Gemeinde, hat die Frage nach einem angeblichen Umzugsverbots im Ramadan sogar mit islamischen Gelehrten erörtert. Ihre gemeinsame Einschätzung: „Eine religiöse Regel, dass man im Ramadan nicht umziehen darf, gibt es nicht. Im Ramadan sollten Muslime ihrem regulären Tagesablauf nachgehen.“

Bleibt Abdul Adhim Kamouss, der Imam, der einst in der nicht gerade liberalen Neuköllner Al-Nur-Moschee predigte und Gast in der Talkshow von Günther Jauch war. Umzug im Ramadan? „Nichts spricht dagegen“, sagt der Imam..

Wie also kam die Sozialverwaltung auf die Idee, mit einer Verschiebung des Umzugs auf die Zeit nach dem Ramadan Rücksicht auf die Muslime zu nehmen? Nein, sagt Sprecher Langenbach, eine Initiative muslimischer Flüchtlinge habe die Behörde nicht darum gebeten. Das sei nicht nötig gewesen. Denn die Mitarbeiter der Verwaltung seien „interkulturell geschult“ und „so sensibel, dass sie auf so etwas Rücksicht nehmen“.

Möglicherweise doch andere Gründe für die Verzögerungen

Warum aber gibt es dann eine Turnhalle, aus der die Flüchtlinge eben doch im Ramadan ausziehen mussten – die der Hector-Peterson-Schule in Kreuzberg nämlich? Langenbach zögert. „Stimmt, das war ja auch im Ramadan“, sagt er dann. Dann zögert er wieder – und räumt auf Nachfrage ein, dass es möglicherweise doch andere Gründe für die Verzögerungen beim Freizug der Turnhallen gegeben haben könnte. Der flüchtlingspolitische Sprecher der Linken, Hakan Tas, nimmt der Verwaltung die „Ramadan-Begründung“ nicht ab. „Das ist eine lächerliche Ausrede“, sagt Tas. Der Senat habe kein Konzept zur Unterbringung der Flüchtlinge – und versuche nun, die Verantwortung abzuschieben.