Auszeichnung

Der Pflanzenretter von Tegel

Das Modellprojekt der Schlossgärtnerei TXL ist bei der Umweltmesse in München als beste Aktion zur Abfallvermeidung ausgezeichnet worden.

Bei Andreas Frädrich finden ausrangierte Pflanzen einen neuen Platz im Garten oder einen Liebhaber, der sie im Pflanzen-Outlet entdeckt

Bei Andreas Frädrich finden ausrangierte Pflanzen einen neuen Platz im Garten oder einen Liebhaber, der sie im Pflanzen-Outlet entdeckt

Foto: David Heerde

Der rote Teppich ist quer über die Wiese ausgerollt, er markiert den Weg. Zwischen riesigen Palmen, Kakteen, Oliven- und Orangebäumen führt er direkt in die ehemalige Reithalle. Dort stehen noch einige Pflanzen, die im Schutz des Gemäuers überwintert haben. Dazu gehört ein kräftiger, gut gewachsener Oleander – er wartet auf seine Auslieferung. Es stehen aber auch Pflanzen dort, die nicht so frisch und kräftig aussehen sondern eher vertrocknet, verkümmert, ein bisschen vernachlässigt. Dass sie nicht im Müll gelandet sind, haben sie Andreas Frädrich zu verdanken. Er ist der Geschäftsführer der "Schlossgärtnerei TXL" direkt am Humboldt-Schloss Tegel und hat das Modellprojekt "Pflanzenrettung" gegründet.

Kaum gestartet, hat er dafür schon einen Preis bekommen. Das bislang in Berlin einmalige Konzept wurde auf der Umweltmesse IFAT in München als "Beste Aktion zur Abfallvermeidung" ausgezeichnet.

Eine Pflanzenklappe für die nicht mehr geliebte Zimmerbirke

Bei Andreas Frädrich bekommen ausrangierte Pflanzen eine zweite Chance. Der 46-Jährige holt die Exemplare entweder auf Bestellung kostenlos ab. Oder die Besitzer stellen sie in die Pflanzenklappe, die am Eingang an der Gabrielenstraße 14 aufgebaut ist. Dort haben zwei große Töpfe Platz. Auf dem Gelände der Schlossgärtnerei werden die Pflanzen wieder aufgepäppelt und kehren in den Kreislauf zurück.

Sie landen als Ausstellungsstücke im Garten oder werden im Pflanzen-Outlet auf dem Gelände der Gärtnerei verkauft. Sie können aber auch ausgeliehen werden, zum Beispiel für Dreharbeiten, Veranstaltungen oder von Restaurantbesitzern.

Pflanzen sind oft zu groß und zu sperrig geworden

Mit dem Verleih und dem Pflanze-Outlet bedient der Geschäftsführer eine Nische, die es ihm ermöglicht, mit den geretteten Pflanzen auch Erlöse zu erzielen. Andreas Frädrich hat früher im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gearbeitet, er kennt die Schwächen der Abfallwirtschaft und auch der kommunalen Wirtschaft in Sachen Kreislaufsysteme. Er habe mit der Wiederverwendung von Topf- und Kübelpflanzen eine Marktlücke in Berlin entdeckt, sagt der Gärtner. Es gebe nämlich keine Rücknahmestelle und auch kein Verwertungssystem für "gebrauchte", aber noch intakte, lebende Pflanzen.

Die Jury auf der Messe in München lobte den "hohen Innovationsgehalt" und die Langfristigkeit des Projekts. Sie begründete den europaweiten Preis zudem mit dem großen Potenzial, das in der Wiederverwendung der Pflanzen, beispielsweise durch den Aufbau professioneller Leihsysteme, liegt.

Gärtner ist auch im Gespräch mit der BSR

"Viele Menschen hängen noch an ihren Pflanzen und wollen sie nicht wegwerfen", sagt Andreas Frädrich. Das können 20 Jahre alte Yuccapalmen sein oder noch ältere Kakteen. Oft seien sie zu groß oder zu sperrig geworden. Manche Gewächse, wie Gummi- oder Geldbäume, kämen auch einfach aus der Mode. Botanische Gärten würden sich für diese Pflanzen nicht interessieren. Mit der Berliner Stadtreinigung (BSR) sei er bereits im Gespräch, um Kooperationen auszuloten, sagt Frädrich. So könnten die Müllmänner ausrangierte Blumentöpfe, die oft neben den Tonnen stehen, einfach telefonisch melden.

"Die geretteten Pflanzen werden wie Lebewesen behandelt und nicht nur wie Roh- oder Brennstoff", sagt der Projektgründer. Für den Gärtnerei-Chef ist es aber auch wichtig, die Geschichte der Humboldts weiterzuschreiben. Er hat das Gelände der Schlossgärtnerei von den Nachfahren und Schlossbewohnern gepachtet. Es wurde vor mehr als 260 Jahren angelegt. "Alexander von Humboldt hat hier das Botanisieren und Pflanzenbestimmen erlernt", sagt Frädrich. Seine Idee der Pflanzenüberwinterung in der alten Reithalle sei ganz in der Philosophie des Naturforschers. Etwa 60 Kunden haben bereits die Möglichkeit genutzt, ihre großen Topfpflanzen in der ehemaligen Reithalle über die kalte Jahreszeit zu bringen, darunter auch Gastronomen vom Gendarmenmarkt.

Café am Sprunggarten mit Blick auf Palmen und Pferde

Das Café am Sprunggarten – ein Open-Air-Lokal neben dem Schloss Tegel am früheren Trainings- und Springplatz der Pferde – hat Andreas Frädrich unterverpachtet. Bei schönem Wetter ist es donnerstags bis montags von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Für ihn ist es eine wertvolle Ergänzung seiner Schlossgärtnerei. Besucher könnten sich zuerst bei den Pflanzen umsehen und dann im Café ausruhen. Wenn sie Glück haben, sind dann auch die Pferde aus dem Reitstall am Schloss Tegel auf der Wiese.

Und mit besonders großem Glück vertreibt der Wind die Geräusche von der nahen Autobahn. Dann hören sie das Rauschen, das von der "Dicken Marie" stammt. Die Stieleiche ist vermutlich Berlins ältester Baum. Er soll im Jahr 1107 in der Nähe des Schlosses Tegel gekeimt sein. Den Namen erhielt der Baum von den Brüdern Alexander und Wilhelm von Humboldt in Anspielung auf die wohlbeleibte Köchin des Schlosses. Für Andreas Frädrich ist der Baum Vorbild für sein gärtnerisches Projekt in Zeiten der Wegwerfgesellschaft. "Eden" hat er den Garten der geretteten Pflanzen genannt.

Mehr unter www.pflanzenrettung.de

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