Schulen

Zwei Jobs für einen Berliner Schulleiter

Gerald Miebs hat Mozart-Schule in Hellersdorf wieder auf Trab gebracht. Nach den Sommerferien kehrt er nach Neukölln zurück.

Schulleiter Miebs von der Mozart-Schule in Hellersdorf

Schulleiter Miebs von der Mozart-Schule in Hellersdorf

Foto: Massimo Rodari

Wir treffen Gerald Miebs in seinem Schulleiterbüro an der Walter-Gropius-Gemeinschaftsschule in Neukölln. Er trägt ein blaues Oberhemd, wirkt frisch und energiegeladen. Dass er seit einem Vierteljahr zwei Jobs macht, merkt man ihm nicht an. Seit Anfang März ist Miebs nicht nur Schulleiter der Gropius-Schule, sondern auch kommissarischer Schulleiter der Wolfgang-Amadeus-Mozart-Gemeinschaftsschule in Hellersdorf.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hatte ihn im Februar gefragt, ob er diesen Posten bis zum Sommer übernehmen könnte. Die Schule war in Not. Eltern hatten einen Brandbrief geschrieben und um Hilfe gebeten. Sie berichteten von Gewalt unter den Schülern und verbalen Ausfällen gegenüber den Lehrern. Vor allem Grundschulkinder hätten Angst, zur Schule zu gehen.

Hellersdorfer Lehrer motiviert

Drei Tage in der Woche verbringt Gerald Miebs seitdem in Hellersdorf. Tage, an denen er früh um halb fünf aufstehen muss, um pünktlich in seinem zweiten Büro zu sein. Das ist aber nicht die einzige Herausforderung, die der neue Job mit sich bringt. Bei seinem Antritt in Hellersdorf traf Miebs auf ein überlastetes Kollegium. Der Krankenstand war hoch. „Meine wichtigste Aufgabe bestand zunächst darin, die Kollegen zu motivieren. Viele waren frustriert, andere hatten sich völlig zurückgezogen“, sagt er. Einige hätten sogar vor ihren Schülern Angst gehabt.

Wie konnte es soweit kommen? „Der Schule hat eine stabile Leitung gefehlt, auch wurden die Kollegen nicht beteiligt“, sagt Miebs. Aufsichten seien nicht richtig eingeteilt worden. „Da sollten Grundschullehrer die Pausenaufsicht der Oberschüler übernehmen, das hat nicht funktioniert.“ Auch sei nicht kontrolliert worden, ob die Aufsichten überhaupt durchgeführt worden sind. Vertretungspläne seien nicht transparent gewesen. „Das alles hat die Kollegen demotiviert. Viele wurden krank.“ Für die Schüler, die zum großen Teil aus sozial schwachen Familien kommen, hatte das verheerende Folgen. Gerade sie brauchen viel Zuwendung, Förderung und feste Strukturen. Stattdessen gab es Unterrichtsausfall und ein zunehmend hilfloses Kollegium.

Konsequentes Erziehungskonzept

Gerald Miebs hat sich drei Ziele gesetzt. „Am wichtigsten war mir ein einheitliches Erziehungskonzept“, sagt er. Es könne nicht sein, dass einige Kollegen Schüler für ihr Fehlverhalten bestrafen, andere das nicht tun und wieder andere einfach wegsehen. Auch die Aufsichten wollte er besser regeln und die Vertretungspläne transparenter machen. „Wir haben das inzwischen umgesetzt, an der Schule herrscht Aufbruchsstimmung“, sagt er und erzählt nicht ohne Stolz, dass die gemeinsam mit dem Kollegium erarbeiteten Veränderungen kürzlich einstimmig verabschiedet worden sind.

„Wenn nach den Sommerferien ein neuer Schulleiter an die Schule kommt, kann es richtig losgehen, die Schienen sind gelegt“, sagt Miebs. Bis die Schule aber wieder ganz obenauf sei, werde es noch einige Zeit dauern. „Das braucht einen langen Atem.“ Viel verspricht sich Miebs zum Beispiel vom Deeskalationstraining, das alle Lehrer der Mozart-Schule absolvieren werden.

Heinrich-Mann-Schule: neuer Chef

Dass Veränderungen Zeit brauchen, hat auch Rudolf Kemmer erfahren. Der Lehrer, Schulpsychologe und Schulberater wurde im August 2011 als Schulleiter an der Heinrich-Mann-Sekundarschule eingesetzt, als dort ein Brandbrief des Kollegiums für Schlagzeilen sorgte. Die Lehrer berichteten von zerstörten Möbeln und Urin in den Aufgängen, von zunehmender Gewaltbereitschaft und Respektlosigkeit unter den Schülern.

Kemmer sagt heute, dass es auch an der Heinrich-Mann-Schule zunächst vor allem darum gegangen sei, eine stabile Schulleitung zu etablieren. „Das haben wir geschafft, aber es hat viel länger gedauert, als ich anfangs dachte.“ Auch ein Schulprofil haben sie inzwischen entwickelt. Die Schüler arbeiten mit Laptops und Lernplattformen. Schüler der neunten und zehnten Klassen können sich für die Teilnahme am Produktiven Lernen entscheiden, sie haben dann an drei Tagen der Woche Unterricht in der Praxis. Die große Wende sei das zwar noch nicht, sagt Kemmer. „Mit vielen kleinen Schritten haben wir es aber geschafft, wieder stabile Verhältnisse herzustellen.“

Rückkehr im neuen Schuljahr

Gerald Miebs wird seinen Zweitjob allerdings nur noch bis zu den großen Ferien machen. „So war das von Anfang an abgemacht“, sagt er. Auf Dauer würde seine Schule, die Walter-Gropius-Schule in Neukölln, darunter leiden, wenn er nicht täglich vor Ort sei. Ganz will Miebs die Mozart-Schule aber trotzdem nicht loslassen. „Als Coach werde er dem neuen Schulleiter gern zur Seite stehen“, sagt er.

Wer dieser neue Schulleiter sein wird, will Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) noch nicht sagen. Man sei mit einem richtig guten Fachmann in Verhandlung, heißt es.