Fitness

Wer fit ist, bleibt länger selbstständig

Tai Chi, Gerätetraining, Aquafitness, Gymnastik: Ob allein oder in der Gruppe, die Sportangebote für Senioren sind vielfältig

Bewegung in Zeitlupe: Trainer Stefan Neumann und seine Tai-Chi-Gruppe

Bewegung in Zeitlupe: Trainer Stefan Neumann und seine Tai-Chi-Gruppe

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Nein, sagt Stefan Neumann, und seine sonst so sanfte Stimme klingt in dem Moment sehr bestimmt, von Seniorensport solle man doch bitte nicht sprechen. Erstens, weil zu der Gruppe, mit der er jeden Mittwochabend trainiert, auch viele Teilnehmer gehörten, die das Seniorenalter noch nicht einmal annähernd erreicht haben. Und zweitens, weil Tai Chi keine Seniorensportart sei, sondern eine, die volle Konzentration verlangt – unabhängig vom Geburtsjahrgang.

Karin Burisch würde sich den Ausdruck wohl auch verbitten. Sie ist 71, das stimmt, also ein Alter, in dem man das Wort Seniorin vielleicht ruhig mal verwenden dürfte. Andererseits hat sie sich für Tai Chi als Sportart entschieden, weil „es so wunderbar entschleunigt und alles andere mit Tempo zu tun hat“. Alles andere? Karin Burisch zählt auf, was sie noch so macht. Dreimal in der Woche geht sie joggen, zweimal zur Gymnastik. Außerdem tanzt sie, „Standard und Latein“. Ach ja, schiebt sie noch schnell hinterher, mit dem Swingstab trainiert sie auch, dreimal wöchentlich.

Wenn der weiße Kranich seine Flügel ausbreitet

Bei diesem Programm kann etwas Entschleunigung nichts schaden, deshalb also Tai Chi. Schon die Namen der Übungen klingen so beruhigend: „Der weiße Kranich breitet seine Flügel aus“, heißt eine Bewegungsabfolge, „Die Nadel auf dem Meeresboden“ eine andere. Allerdings gehören auch Schläge, Tritte und Abwehrbewegungen dazu – schließlich ist Tai Chi in China als Kampfkunst entstanden.

„Wir wollen ja nicht kämpfen, deshalb könnt ihr die Hände ruhig locker lassen“, sagt Stefan Neumann, der die Gruppe beim TSV Staaken trainiert und neben den poetischen Originaltiteln die Handbewegungen auch schon mal mit Anweisungen erklärt wie „Jetzt die Fenster putzen“ oder „Eine stinkige Socke zwischen den Fingern halten“. Der 56-Jährige hat vor 26 Jahren mit Tai Chi begonnen, ein paar Jahre später den Trainerschein gemacht, inzwischen hat er beim TSV mehr als 50 Schüler.

Hinter der Sporthalle rattern Züge vorbei, Flugzeuge auf dem Weg von oder nach Tegel fliegen über Staaken hinweg, vor dem Fenster feuern Männer sich gegenseitig beim Fußball an. In der Halle aber herrscht Ruhe. Im Hintergrund läuft leise chinesische Musik, während sich Stefan Neumann und seine Trainingsgruppe in Zeitlupe durch die Halle bewegen. Immer wieder kon- trolliert der Trainer, ob die Bewegungen fließen, das Gewicht richtig verlagert wird, die Abfolgen stimmen.

Das alles soll neben der Entschleunigung auch noch für eine bessere Körperhaltung sorgen, das Gleichgewicht und die Koordination fördern, die Konzentration stärken und das Gedächtnis trainieren. Und auch wenn das in jedem Alter nützlich sein kann, machen diese Effekte Tai Chi eben doch zu einer idealen Seniorensportart.

Kraft, Koordination, Ausdauer, das seien die wichtigsten Trainingsziele im Seniorensport, sagt Katja Sotzmann, beim Landessportbund zuständig für den „Sport der Älteren“. Wer ausreichend Kraft hat, stürzt nicht so leicht. Das Ausdauertraining sorgt für eine bessere Durchblutung des Gehirns und der anderen Organe. Und wer beim Koordinationstraining beide Gehirnhälften fit macht, kommt im Alltag besser zurecht.

„Die Selbstständigkeit im Alter erhalten“, nennt Katja Sotzmann als übergeordnetes Ziel. Anders gesagt: Wie fit jemand ist, kann auch darüber entscheiden, ob er ohne Hilfe in der eigenen Wohnung leben kann oder nicht. Je früher man mit dem Training beginne, desto besser, sagt die Expertin. „Aber es ist nie zu spät, um mit dem Sport anzufangen.“

Landessportbund bietet 194 Kurse für Ältere an

Wer tatsächlich erst im Alter einsteige, sei vielleicht in einer Gymnastikgruppe am besten aufgehoben. „Die wichtigste Frage ist: Was macht mir Spaß?“ Für Menschen, die gern im Freien sind, sei Nordic Walking eine gute Idee, wer gern schwimme, entscheide sich eher für Aquafitness. Aber es gebe auch Ältere, die Karate machen, „der Seniorensport ist breit gefächert“.

194 Kurse nur für Ältere listet allein der Landessportbund auf seiner Internetseite auf, Wirbelsäulengymnastik zum Beispiel, aber auch Volleyball oder Selbstverteidigung für Senioren. Über diese Vereinsangebote hinaus gibt es Kurse für Ältere in Fitnessstudios oder in Volkshochschulen. Dazu kommen die Angebote, die sich nicht speziell an Senioren richten. Und wer lieber allein als in der Gruppe trainiert, kann beispielsweise auf einem der Berliner Aktivplätze trainieren. Die wurden vor einigen Jahren als „Seniorenspielplätze“ eingeführt. Der Name allerdings setzte sich nicht durch – auch, weil auf den Fitnessgeräten am Spektefeld in Spandau, im Märkischen Viertel und an vielen anderen Standorten nicht nur Senioren ihre Beinmuskeln stärken oder die Hüften beweglich halten.

Eine Ausrede zu finden, keinen Sport zu treiben, ist deshalb gar nicht so leicht. Zumal die Angebote in Berlin gut erreichbar seien, sagt Katja Sotzmann. „Auf dem Land ist es schwieriger, da fährt der Bus vielleicht nur einmal in der Stunde“, und die Kurs-Auswahl ist auch nicht so groß wie in Berlin.

Die Gruppe, die sich am Dienstagvormittag in einer Spandauer Sporthalle trifft, hat sich für ein ganz klassisches Angebot entschieden: Gymnastik. Eineinhalb Stunden trainieren bis zu 23 Frauen und Männer, die meisten sind zwischen 70 und 85. In dem Alter gehe es vor allem um Gleichgewichts- und Koordinationstraining, um Kräftigung und Ausdauer, sagt Trainerin Dagmar Steinmetzer. Deshalb lässt sie ihre Teilnehmer immer wieder auf einem Bein stehen, „das dient der Sturzprophylaxe“, rückwärts gehen („Koordination und Orientierung“) oder die Hüftregion „gründlich durchbewegen“, wie sie es nennt. Manchmal verknüpft sie Muskel- und Gedächtnistraining, zum Beispiel, wenn die Seniorensportler sich erinnern müssen, an welcher Station welche Übung dran ist.

Das ganze Programm

Gleichgewicht, Koordination, Gedächtnis trainieren – dagegen hat Hildegard Schwert gar nichts einzuwenden. Wenn man sie fragt, weshalb sie jeden Dienstag um halb elf in der Halle zum Training erscheint, sagt sie allerdings etwas ganz anderes: „Weil’s Spaß macht.“ Vor 20 Jahren, damals war sie 64, hat sie angefangen. Einige Mitglieder der Gruppe sind ähnlich lange dabei, sie sind längst Freunde, die sich auch außerhalb der Turnhalle treffen, zum Kartenspielen oder Kegeln. Im vergangenen Jahr ist die ganze Gruppe gemeinsam zur Landesgartenschau gefahren. Und wenn „die Jungs“, wie sie die männlichen Gruppenmitglieder nennen, bei der Rad-rundfahrt „Tour de Prignitz“ mitmachen, kommen die „Mädels“ zum Anfeuern mit.

Auch die Ehemaligen, die nicht mehr mittrainieren können, sind ab und zu dabei, wenn sich die Gruppe trifft. Eigentlich aber ist das Ziel, dass alle dabeibleiben. Wer nicht mehr ganz so fit ist, wiederholt die einzelnen Übungen einfach nicht so oft. Für die meisten allerdings ist es eine Frage der Ehre, das ganze Programm durchzuhalten. „Da merkt man, dass sie alle schon lange dabei sind“, sagt die Trainerin. Wer Sport treibe, könne sich im Alter besser bewegen.

Sogar, wenn es darum geht, auf dem Boden liegend die schrägen Bauchmuskeln oder im Kniestand den Rücken zu stärken. Die Übungen unterscheiden sich kaum von denen im Fitnessstudio. Eines aber ist anders als bei „Bauch, Beine, Po“ im Studio: Die Musik ist extra leise gestellt – damit die Sportler die Anweisungen der Trainerin besser hören können. „Schlecht hören kann ich besonders gut“, scherzt einer der Teilnehmer. Das Ohr lässt sich beim Sport eben nicht trainieren.