Prozessauftakt in Berlin

Rumänische Familie steuerte 79 Taschendiebe in Berlin

Europaweit haben Ermittler zwei Jahre lang nach Banden gefahndet. Nun stehen die ersten drei Drahtzieher in Berlin vor Gericht.

Die drei Angeklagten, Mircea A. (r), Somna C. (M) und Vasilie C. (l), sollen  von Rumänien aus Taschendiebstähle in Berlin organisiert haben

Die drei Angeklagten, Mircea A. (r), Somna C. (M) und Vasilie C. (l), sollen von Rumänien aus Taschendiebstähle in Berlin organisiert haben

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Am Landgericht Moabit stehen in den kommenden Wochen mehrere Prozesse gegen Taschendiebe an. In mehr als zwei Jahre andauernden Ermittlungen im Rahmen eines europaweit geführten Großverfahrens haben Staatsanwaltschaft und Polizei allein in Berlin 79 Tatverdächtige aufgespürt, darunter ein Dutzend mutmaßliche Hintermänner der international agierenden Diebesbanden.

Den Auftakt des Verhandlungsmarathons bildete am Freitag der Start des Prozesses gegen zwei Männer und eine Frau, in denen die Staatsanwaltschaft wichtige Drahtzieher des organisierten Taschendiebstahls in Berlin sieht.

Mircea A. (41), seine gleichaltrige Partnerin Somna C. und ihr gemeinsamer Sohn Vasile C. (21) gehören einem Familienverbund der Roma an. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft hat das Trio eine komplette Bande von Taschendieben gesteuert. Das Paar agierte dabei von Rumänien aus, engagierte dort fertig ausgebildete Taschendiebe, zumeist Jugendliche und organisierte deren Einreise nach Deutschland und ihre Unterbringung in Berlin. Weiterhin kontrollierten sie der Anklage zufolge der Geldsummen aus der Beute der Diebe vor Ort.

Auf Diebstähle in Bahnhöfen spezialisiert

Sohn Vasile C. soll in Berlin als „Aufpasser“ tätig gewesen sein. Zu seinen Aufgaben gehörte es nach Überzeugung der Ermittler, die in der Regel aus zwei bis drei Personen bestehenden Diebesgruppen täglich neu zusammen zu stellen und ihnen ihre „Arbeitsplätze“ im gesamten Stadtgebiet zuzuweisen. Ferner soll es seine Aufgabe gewesen sein, Täter, die der Polizei bereits mehrfach aufgefallen waren, in andere Städte zu schicken, wo sie ihre kriminellen Aktivitäten fortsetzen konnten.

Die Bande, die von den drei Angeklagten dirigiert worden sein soll, hatte sich vor allem auf Diebstähle auf Rolltreppen in Bahnhöfen spezialisiert. War ein ideales Opfer ausfindig gemacht, folgten ihm zwei Täter auf die Rolltreppe. Dort schlugen sie genau in dem Moment zu, in dem der dritte Komplize die Rolltreppe durch Betätigen des Notfallknopfes ruckartig zum Stehen brachte.

Nachdem der Polizei diese spezielle Masche bereits mehrfach aufgefallen war, begannen im Januar 2014 konzentrierte Ermittlungen. Zahlreiche Zivilfahnder waren von nun an auf Bahnhöfen und dort vor allem im Bereich der Rolltreppen verdeckt im Einsatz. Bald folgten gezielte Observationen der Verdächtigen und die Überwachung der Telefonate, die die Täter mit ihren Aufpassern in Berlin und diese wiederum mit den Chefs in Rumänien führten.

Nach und nach setzte sich das Puzzle zusammen und Ende 2015 schlugen die Ermittler zu. Mircea A. und Somma C. wurden im Dezember in Rumänien festgenommen, bei Sohn Vasile klickten die Handschellen zur gleichen Zeit in Spanien. Wenige Wochen später erfolgte die Auslieferung des Trios nach Deutschland, seither sitzen alle drei in Berlin in Untersuchungshaft.

Zahl der Diebstähle im vierstelligen Bereich

Den drei Angeklagten, die von sechs Anwälten verteidigt werden, rechnet die Staatsanwaltschaft bislang 21 Fälle zu. Die Gesamtzahl aller in Berlin im Rahmen des Verfahrenskomplexes aufgedeckten Taten beträgt ein Vielfaches und europaweit geht es im Rahmen des Großverfahrens um vierstelligen Bereich. Genau lässt diese Zahl sich einem Ermittler zufolge erst beziffern, wenn sämtliche Verfahren zur Anklage gebracht sind.

Für das am Freitag begonnene Verfahren sind 21 Verhandlungstage angesetzt. Dabei sollen 66 Zeugen gehört und unzählige Protokolle über abgehörte Telefongespräche verlesen werden. Und alles, was in der Verhandlung zur Sprache kommt, muss in die Sprache der Roma übersetzt werden. Es sei nicht so ganz einfach gewesen, dafür einen geeigneten Dolmetscher zu engagieren, sagte eine Gerichtssprecherin.

Schwierig gestaltete sich am ersten Prozesstag auch der Versuch, eine bei Großverfahren übliche Verständigung zur Beschleunigung des Prozesses zu erzielen. Das lag vor allem daran, dass die Erwartungen in die Urteile bei Anklage und Verteidigung derzeit noch weit auseinanderklaffen. Der Staatsanwaltschaft schwebt eine Straferwartung von sechs bis acht Jahren für alle drei Angeklagten vor. Die Verteidiger hingegen können sich zumindest für Vasile C., der zur Tatzeit noch Heranwachsender war, auch einen Jugendarrest oder eine Bewährungsstrafe vorstellen.

Die Verhandlung wird in der kommenden Woche fortgesetzt. Der nächste Prozess in diesem Verfahrenskomplex soll Mitte Juni beginnen.