Abitur 2016

Was kommt nach dem Abitur?

Der letzte Schultag ist vorbei, die Prüfungen laufen gerade. Zugleich müssen sich die Jugendlichen mit ihrer Zukunft beschäftigen.

Die Abiturientin Hanna Herzog aus Charlottenburg weiß, was sie nach dem Schulabschluss machen will. Bei anderen Abiturienten ist die Orientierungslosigkeit noch groß

Die Abiturientin Hanna Herzog aus Charlottenburg weiß, was sie nach dem Schulabschluss machen will. Bei anderen Abiturienten ist die Orientierungslosigkeit noch groß

Foto: Amin Akhtar

Die ersten Prüfungen haben die Abiturienten bereits hinter sich, der Großteil steht den meisten noch bevor. Bis Ende Mai finden die regulären schriftlichen und mündlichen Prüfungen statt. Anfang Juli ist die Schulzeit in Berlin voraussichtlich für mehr als 14.000 Abiturienten Vergangenheit. So viele Schüler waren zumindest an den Berliner Gymnasien und Integrierten Sekundarschulen sowie an beruflichen und Abendgymnasien zu Beginn dieses Schuljahres in den Abschlussklassen der Oberstufe gemeldet. 2015 hatten bundesweit rund 443.000 Schüler das Abitur abgelegt, in Berlin waren es nach Angaben der Senatsbildungsverwaltung 13.916 Schüler, 13.540 von ihnen haben die Prüfungen bestanden.

Und was kommt nach der Schule? Für manche Abiturienten ist die Entscheidung längst gefallen. Viele haben aber noch keine konkreten Pläne. Nach einer Umfrage der Vodafone Stiftung von 2014 freuten sich zwar 60 Prozent auf die Zeit nach der Schule, jeder zweite Schulabgänger gab aber zu, dass ihm die Berufswahl schwerfällt. Nur ein knappes Drittel hatte eine Vorstellung von der beruflichen Zukunft, jeder Fünfte hingegen überhaupt keine Ahnung.

Die Orientierungslosigkeit der Jugendlichen wird auch dadurch verstärkt, dass viele Absolventen heute im Schnitt ein Jahr jünger sind als vor der Umsetzung von G8, der Verkürzung der Schulzeit auf zwölf Jahre. Bei jungen Männern spielt außerdem noch eine Rolle, dass sie keinen Bundeswehr- oder Zivildienst mehr ableisten müssen.

Abiturienten sind ein Jahr jünger als vor der Verkürzung der Schulzeit am Gymnasium

Zusätzlich wirkt sich auch aus, dass die Kinder in Berlin mit dem Schuljahr 2005/2006 früher eingeschult wurden. Im Durchschnitt waren die Berliner Abiturienten im vergangenen Jahr 18 Jahre alt, allerdings zählen hier auch die Prüflinge mit, die auf dem zweiten Bildungsweg, also deutlich älter das Abitur ablegen. An Gymnasien legten tatsächlich viele Schüler mit 17 Jahren die Prüfungen ab. Das macht die Entscheidungsfindung nicht leichter. Seit der Einführung von G8 ist der Widerstand dagegen daher überall hoch. Nach einer Umfrage unter Eltern in Nordrhein-Westfalen, die in der vergangenen Woche veröffentlich wurde, sprachen sich 88 Prozent für eine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium aus.

Erschwert wird die Entscheidung für den Weg nach dem Abitur auch durch die Fülle an Möglichkeiten. Es stehen etwa 19.000 verschiedenen Studiengänge an 381 Hochschulen zur Auswahl, dazu kommen fast 350 Ausbildungsberufe und weitere schulische Bildungsmöglichkeiten. Bevor es an die Uni oder in die Ausbildung geht, wollen viele Schüler erst einmal eine Lernpause einlegen, sich bei einem sozialen Projekt im Inland engagieren oder für einige Zeit ins Ausland gehen. Immer mehr Agenturen haben die Abiturienten als Zielgruppe entdeckt und bieten überall auf der Welt Auslandseinsätze an. Meist für viel Geld.

Die Fülle an Möglichkeiten nach der Schule macht die Entscheidung schwer

Viele Jugendliche versinken bei der Fülle an Möglichkeiten in der Orientierungslosigkeit. Vielfalt kann auch Überforderung bedeuten. Nach der Umfrage der Vodafone Stiftung fühlt sich nur gut die Hälfte der Schüler ausreichend informiert. Die Mehrheit der Abiturienten bespricht sich zur beruflichen Zukunft mit ihrem direkten sozialen Umfeld, Freunden und Familie. Auch das Internet hat eine große Bedeutung, allerdings findet nur etwa ein Drittel dort tatsächlich Informationen.

Auf der Wunschliste ganz oben steht bei Abiturienten das Studium. Nach einer Erhebung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) zieht es 80 Prozent der Schulabgänger an die Hochschulen, mehr als jeden zweiten direkt nach dem Abschluss. Wer nicht bis zum Wintersemester warten will, kann sogar schon an einigen Hochschulen in den Semesterferien mit einem Vorstudium beginnen.

In Berlin starten weniger Schulabgänger direkt mit dem Studium

Das DZHW befragt regelmäßig Abiturienten ein halbes Jahr vor und nach dem Schulabschluss. Die jüngsten vorliegenden Daten sind allerdings von 2012. Danach haben bundesweit 52 Prozent der Abiturienten ein halbes Jahr nach dem Abschluss bereits mit dem Studium begonnen, weitere 22 Prozent hatten ein Studium geplant.

Unter den Berliner Abiturienten waren 46 Prozent schon an einer Hochschule, weitere 32 hatten diesen Schritt geplant. Zwölf Prozent der Berliner hatten mit einer Ausbildung begonnen, bundesweit waren es 19 Prozent. Nach einer Studie der Bertelsmann Stiftung wird die Schere zwischen Studien- und Ausbildungsanfängern bis 2030 noch weiter auseinandergehen.

39 Prozent der Abiturienten wollen erst mal eine Pause machen

Der Prozentsatz der „sonstigen Tätigkeiten“ lag in Berlin mit 29 Prozent relativ hoch, im bundesweiten Durchschnitt gaben das nur 21 Prozent der Absolventen an. Dazu zählen zum Beispiel Jobben, Urlaub, Au pair, oder freiwilliges soziales Jahr.

Das DZWH befragte die Abiturienten auch nach den Gründen, wieso sie ein halbes Jahr nach dem Abschluss noch nicht studierten oder eine Ausbildung machten. Mehrfachnennungen waren dabei möglich. In Berlin gaben dazu 39 Prozent der Befragten an, erst einmal eine Pause machen zu wollen (bundesweit: 36 Prozent), 35 Prozent waren sich über ihren Werdegang noch unschlüssig (bundesweit: 31 Prozent), 29 Prozent wollten erst einmal ins Ausland (bundesweit: 25 Prozent) und 24 Prozent zunächst einen freiwilligen sozialen Dienst absolvieren. Bei manchen ist die Pause aber nicht ganz freiwillig, sie sind an den Zulassungsbeschränkungen im gewünschten Fach gescheitert oder müssen erst einmal Geld verdienen.

Wege nach dem Abitur

Au pair Nach Schätzungen gehen etwa 20.000 Jugendliche jedes Jahr als Au-pair ins Ausland. Die meisten über Agenturen, es gibt aber auch Online-Plattformen, z.B. Aupairworld. Die Zahl der Vermittlungen sind in den vergangenen Jahren stabil geblieben, allerdings können Abiturienten erst wenn sie volljährig Au-pair werden. Viele Familien nehmen Jugendliche sogar erst mit 19 oder 20 Jahren. Voraussetzung ist fast überall ein Führerschein, Erfahrungen mit Kindern und gute Sprachkenntnisse, meist Englisch. Nach Informationen der Au-Pair Society, dem Bundesverband der Au-pair-Agenturen, sind etwa zehn Prozent der Au-pairs inzwischen männlich, allerdings sind sie nicht überall willkommen. In den USA haben junge Männer fast keine, in Neuseeland und Australien hingegen sehr gute Chancen.

FSJ und FÖJ Ein freiwilliges soziales oder ökologisches Jahr können Jugendliche zwischen 16 und 27 Jahren absolvieren. Die meisten Plätze sind im Inland, es gibt aber auch Stellen im Ausland. In der Regel dauert es ein Jahr, mindestens sechs, höchstens 18 Monate. FSJ und FÖJ sind Ländersache, ergänzt wurden sie durch den 2011 geschaffenen Bundesfreiwilligendienst, den auch Menschen über 27 Jahren wahrnehmen können. 2015 haben sich bundesweit 24.508 junge Menschen unter 27 Jahren an den Freiwilligendiensten beteiligt, 637 davon in Berlin. Zuständig für den Bundesfreiwilligendienst ist das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben, mehr unter bafza.de. Freie Stellen auch unter bundes-freiwilligendienst.de und unter bufdi.eu. Daneben gibt es noch weitere Freiwilligendienste, mehr Informationen dazu unter freiwilligenarbeit.de.

Weltwärts ist der entwicklungspolitische Freiwilligendienst des deutschen Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Die Teilnahme an weltwärts-Projekten ist kostenfrei. Bei den meisten Entsendeorganisationen wird jedoch eine Eigenbeteiligung unterschiedlicher Höhe gefordert, die durch Spenden realisiert werden soll. Die meisten Programme beginnen im Juli und August, Teilnehmer müssen mindestens 18 Jahre sein. 42 Prozent der Projekte sind in Lateinamerika, 37 Prozent in Afrika, 19 Prozent in Asien. Informationen über freie Stellen gibt es unter weltwaerts.de. Viele Entsendeorganisationen haben ihre Bewerbungsverfahren für die Plätze ab Sommer schon abgeschlossen. Jährlich gibt es etwa 10.000 Bewerbungen, 2015 wurden 3418 Jugendliche eingesetzt, 185 aus Berlin. Neben Weltwärts und anderen bezuschussten Programmen wie der Andere Dienst im Ausland oder der Europäische Freiwilligendienst gibt es auch private Anbieter, die Volunteering-Projekte oder Praktika-Plätze vermitteln, die Kosten sind hier unterschiedlich.

Work & Travel ist ein Angebot vor allem für Schulabgänger und Studenten, die sich durch Gelegenheitsjobs vor Ort („Jobhopping“) das Geld für die Reise verdienen. Für die Zeit der Reise wird ein spezielles Visum ausgestellt, mit dem man bis zu zwölf Monate an verschiedenen Orten arbeiten und reisen kann. Work & Travel lässt sich auf eigene Faust machen, es gibt aber inzwischen auch viele kostenpflichtige Angebote. Infos zum Beispiel unter work-n-travel.info.

Wartesemester Der Bundesfreiwilligendienst zählt als Wartezeit für einen Studienplatz, ebenso Jobben, ein Praktikum oder eine Ausbildung. Wer zunächst ein anderes Studium beginnt, kann dies allerdings nicht auf die Wartezeit anrechnen lassen. Wer während des Freiwilligendienstes einen Studienplatz bekommt, kann diesen nach Abschluss des Dienstes antreten, der Anspruch verfällt nicht.

Wissenswertes Mehr Informationen über Möglichkeiten nach dem Abitur gibt es auf den Seiten nach-dem-abitur.de oder studieren-im netz.org.