Berliner Spaziergang

Wie Landesarchäologe Wemhoff an den Wurzeln Berlins kratzt

Jochim Stoltenberg begleitet Landesarchäologe Matthias Wemhoff bei einem Spaziergang durch das historische Berlin.

Prof. Dr. Matthias Wemhoff, Museumsdirektor und Landesarchäologe von Berlin, steht vor dem "Neuen Museum"

Prof. Dr. Matthias Wemhoff, Museumsdirektor und Landesarchäologe von Berlin, steht vor dem "Neuen Museum"

Foto: Reto Klar

Man muss schon etwas genauer hinsehen, um das Archäologische Zentrum in der Geschwister-Scholl-Straße auf der anderen Uferseite der Museumsinsel ausfindig zu machen. Mit seiner nach Westen hin fensterlosen braunen Ziegelfassade erinnert der Neubau, der seit 2012 Verwaltung, Restaurierungswerkstätten und Depots beherbergt, mehr an einen Hochbunker denn an ein zeitgemäßes offenes Haus.

Kein moderner Kontrapunkt auf dem Gelände der ehemaligen Friedrich-Engels-Kaserne am Kupfergraben. Als ich Berlins Landesarchäologen, Professor Matthias Wemhoff, zum Spaziergang abhole und ihn sogleich mit meiner Verwunderung über das Werk des Stuttgarter Architektenbüros harris + kurrle überfalle, reagiert der 51-Jährige mit verständnisvollem Lächeln.

„Der Kubus hat ja nach Osten hin immerhin durchgehende Fensterschlitze. Eigentlich muss sich die Archäologie nach außen wenden. Sie erzählt doch von Geschichte und Heimat unserer Vorfahren. Ich hätte mir das Haus auch etwas offener vorstellen können.“

Eine Reise zu den Wurzeln Berlins

Wir machen uns denn auch sogleich auf den Weg, um an den Wurzeln Berlins zu kratzen. Die sind, denke ich, im Vergleich zu schon zur Römerzeit blühenden Städten wie Trier oder Köln vergleichsweise zart. Das lässt der Herr Professor, der nicht nur Landesarchäologe ist, sondern an erster Stelle Direktor des Vor- und Frühgeschichtlichen Museums im Neuen Museum auf der Museumsinsel, so nicht stehen.

„Die gängige Vorstellung, dass es menschliches Leben hier nachweisbar erst seit der ältesten urkundlichen Erwähnung Berlins 1237 gibt, ist falsch. Archäologen haben längst ausgegraben, dass Berlin, wenn es die Stadt selbst auch noch nicht gab, viel älter ist. Unser Fundmaterial beginnt mit dem Ende der Eiszeit.“

Also so um 10.000 vor Christus – und als Folge des Klimawandels. Mit den Tieren kamen die ersten Menschen als Jäger. Einer der spektakulärsten Funde ist der sogenannte Elch vom Hansaplatz. Beim Bau der U-Bahn wurden 1956 in Tiergarten zwischen Turmstraße und Hansaplatz Tierknochen entdeckt.

Herbeigerufene Archäologen förderten schließlich ein ganzes Tierskelett mit mächtigem Geweih zutage – eben den Elch, jetzt eines der Prunkstücke im Neuen Museum. Die ältesten menschlichen Spuren in Berlin haben altsteinzeitliche nomadische Jäger hinterlassen, die um 8000 vor Christus im Tegeler Fließ im heutigen Reinickendorf ihre Lager aufschlugen.

Über den einstigen Kasernenhof des DDR-Wachregiments führt uns der Weg zum Kupfergraben mit der Großbaustelle Pergamonmuseum. Der James-Simon- Eingangsbereich, dessen Richtfest gerade gefeiert worden ist, verdeckt die Sicht auf die westliche Front des Neuen Museums.

„Aber die Giebelinschrift ist noch klar erkennbar: Artem non odit nisi ignarus. Frei übersetzt: Die Kunst versteht nur der, der darum weiß.“ Für Wemhoff die Kernbotschaft seines Tuns. „Das ist der Bildungsauftrag der Museen. Wir müssen den Menschen Geschichte erklären, als Archäologen wieder zutage fördern, was verschüttet ist. Wir sind Finder und Erklärer.“

Wer glaubt, Archäologen seien eher staubtrockene, dem Jetzt entrückte Menschen, den belehrt der gebürtige Westfale eines Besseren. Ein mitreißender Erzähler, der seine Geschichten über das verschüttete Berlin immer wieder mit einem herzerfrischenden Lachen würzt, der als Direktor eines der bedeutendsten Museen der Stadt mit beeindruckender Bescheidenheit auftritt und der sich äußerlich in Cordhose, dunklem Pullover und einer wetterfesten dunkelgrünen Freizeitjacke kaum von einem der vielen uns begegnenden Touristen unterscheidet.

„Ein Weitblick, den man sich heute auch manchmal wünscht“

Vorbei am Neuen Museum, das er sein Schaufester nennt und über das später noch einiges zu erzählen ist, führt uns der Spaziergang zu den drei Großgrabungen der letzten Jahre. Über Bode- und Spandauer Straße zunächst zum Roten Rathaus.

Dort wurde im Zuge des U-Bahnbaus Richtung Alexanderplatz das Fundament des mittelalterlichen Rathauses samt der das Gewölbe tragenden Pfeiler aus der Zeit um 1250 freigelegt. Kein Zufallsfund. Beim Bau des neuen Rathauses, des Roten, legten die damaligen Stadtväter 1865 fest, das alte Rathaus so vorsichtig niederzulegen, dass es für spätere Forschung brauchbar bleibt.

„Ein Weitblick, den man sich heute auch manchmal wünscht“, sagt Wemhoff. Und freut sich schon darauf, den Berlinern auch diesen Blick in Berlins Historie bald zu ermöglichen. „Der frühere Rathauskeller, also das seit Langem geschlossene Restaurant – übrigens genauso groß wie der erste Rathaussaal –, soll zum Eingang in die mittelalterliche Erlebniswelt werden. Der Weg führt dann weiter unter der Rathausstraße zur Ausgrabung. Erst dahinter liegt der künftige U-Bahnhof.“

Wer in Berlins Boden gräbt, findet immer wieder Überraschendes; auch aus jüngster Zeit. Wiederum beim Bau der U5, der sogenannten Kanzlerlinie, entdeckten die Archäologen in den Trümmern eines im Krieg zerbombten Hauses 15 Skulpturen der Klassischen Moderne. „Den Berliner Skulpturenfund. Er ist Teil der von Nazis beschlagnahmten sogenannnten Entarteten Kunst, die in diesem bislang unbekannten Depot gelagert war. Alles andere ist verbrannt. Wir Archäologen finden immer nur das, was ein Feuer übersteht. Aber dieser Fund zeigt auch, wie wichtig Grabungen für unsere jüngste Geschichte sind.“

Nächste Station Petriplatz. Der jahrelang als Parkplatz missbrauchte Ort zwischen ruhiger Scharren- und verkehrsreicher Gertraudenstraße war Mittelpunkt des mittelalterlichen Cöllns. Auf dem Weg dorthin entlang des Mühlendamms frage ich, welche der beiden Städte denn nun älter sei – Cölln auf der Spreeinsel oder Berlin gegenüber am östlichen Spreeufer?

„Eine Superfrage, auf die ich aber keine richtige Antwort habe.“ Wenn ein Professor so freimütig und dazu mit einem herzhaften Lachen Unwissenheit einräumt, zeugt das von großer Souveränität.

Aber natürlich gibt es Vermutungen. Die für Berlins Chefarchäologen bislang überzeugendste gründet auf den damaligen rechtlichen Strukturen. Danach gab es in der Region zwei Rechtsträger, die die Machtbefugnis zu einer Stadtgründung hatten: das (Heilige Römische) Reich und der brandenburgische Markgraf.

Aus unterschiedlichen Gründen könnten beide in Konkurrenz an der Gründung einer eigenständigen Stadt interessiert gewesen sein. Im Laufe der Jahre habe angesichts des schwächelnden Reichs der Markgraf die Oberhand gewonnen und beide Städte vereint.

Grabungen am einstigen Cöllner Petriplatz

„Aber das sind nur Vermutungen. Wir werden wohl noch 20 Jahre archäologisch arbeiten müssen, bevor wir Ihre Frage verlässlicher beantworten können.“ Auch der Zufallsfund des ältesten Hauses auf Berliner Seite von 1174 hat bislang nicht weitergeholfen. Es wurde bei Bauarbeiten für ein Hotel an der Ecke Stralauer- und Klosterstraße vor der Botschaft der Niederlande entdeckt.

Weit aufschlussreicher waren die inzwischen abgeschlossenen Grabungen am einstigen Cöllner Petriplatz. Die Grundmauern der im Krieg zerstörten Petrikirche wurden freigelegt, auf dem einstigen Friedhof des Gotteshauses die Gräber von 3500 Toten entdeckt. Ein paar Meter weiter konnte das Fundament der ältesten Lateinschule aus dem Kriegsschutt ausgegraben werden. Auch das als amtlich geltende Geburtsdatum Berlins geht auf Cölln zurück.

Am 28. Oktober 1237 wurde Symeon, Pfarrer der Petrikriche, als Zeuge in einer Urkunde erwähnt. Es ist das erste verlässliche Berlin-Dokument. Unser Wissen um das viel ältere Berlin verdanken wir den Archäologen. „Wir graben tiefer, suchen und erschließen vieles, was in schriftlichen Dokumenten nicht festgehalten ist“, sagt Wemhoff.

Als wir den derzeit wieder als Brache erscheinenden Petriplatz neben der Gertraudenstraße erreichen, hellen sich zu meiner Verblüffung die Gesichtszüge meines Begleiters sichtlich auf. „Das wird sich hier bald ändern.

Ich hoffe, dass die Weichen für den Baubeginn des Archäologischen Besucherzentrums im Mai gestellt werden. Es wird auf den sichtbar bleibenden Grundmauern der alten Lateinschule errichtet.

Dieses Zentrum ist für mich besonders wichtig, weil wir dann endlich zeigen können, wie Archäologen, die Anwälte für das, was unter der Erde liegt, arbeiten, wie sie Geschichten erzählen können aus dem, was sie finden. Archäologie wird so ganz konkret. Wir können dann hier leisten, was im Archäologischen Zen-trum an der Geschwister-Scholl-Straße verschlossen bleibt.“

Ein Haus für alle Religionen der Welt

Und gleich daneben, auf den Mauern der im Krieg zerstörten Petrikirche mit ihrem Friedhof, soll noch Spektakuläreres entstehen: das „House of One“, ein gemeinsames Haus für die drei monotheistischen Weltreligionen Christentum, Judentum und Islam. „Das verspricht eine interessante Mischung und gibt dem historisch so bedeutsamen Petriplatz wieder Sinn und Raumgefühl. Ich hoffe, dass wir zumindest das Besucherzentrum 2020 eröffnen können“, gibt sich Wemhoff zuversichtlich.

Wir sind schon länger als eine Stunde unterwegs, die Zeit drängt jetzt etwas. Über die dritte große Grabungsstätte, die am Schloss, dem künftigen Humboldt-Forum, dessen versprochene Pracht noch immer nur zu erahnen ist, wurde schon viel geschrieben. Besichtigen können wir sie derzeit ohnehin nicht.

Aber eine Frage will ich denn doch stellen, als wir entlang des Uferwegs am Kupfergraben Berlins wichtigsten Neubau passieren: Warum in aller Welt mussten die alten Kellerräume und der Küchentrakt des Schlosses wieder ausgebuddelt werden?

Die Antwort ist klar und am Ende auch überzeugend: „Es sind die einzig verbliebenen Originale. Die dürfen nicht ignoriert werden. Nach Fertigstellung des Schlosses werden die Besucher frühere Nutzungsspuren aus der Barockzeit entdecken, auch noch Sprenglöcher für die endgültige Zerstörung des Schlosses 1950 und Fundamente, auf denen das Schloss stand und wieder steht. Es sind Belege für Authentizät und Anschaulichkeit. Sie machen den Wiederaufbau noch überzeugender.“

Durch den Lustgarten vorbei am Alten Museum kehren wir zurück zum Neuen Museum, Matthias Wemhoffs Schaufenster, wo der Fotograf Reto Klar schon wartet. Es ist das alte, 1843 bis 1855 nach den Plänen Friedrich August Stülers gebaute preußische Nationalmuseum mit archäologischen Funden der Vor- und Frühgeschichte aus den Kulturen vom Vorderen Orient bis zum Atlantik, von Nordafrika bis Skandinavien in einer auch international einmaligen Breite und Fülle.

Zu den „Kronjuwelen“ zählen Heinrich Schliemanns Troja-Grabungen und die Nofretete. Eingebettet in diese von vielen beneideten Sammlungen sind die bedeutendsten Berliner Funde. „Wir verbinden große internationale Geschichte mit dem, was in Berlin geschehen ist. Auch das ein einmaliges Ausstellungskonzept. Allerdings muss man die Berliner Stücke etwas suchen. Aber das hat ja auch einen gewisssen pädagogischen Effekt“, sagt der Chef des Hauses.

Mit leicht Berliner Arroganz bemerke ich beim Abschied, es sei doch beachtlich, welch Potenzial in der deutschen Provinz schlummere. Matthias Wemhoff, 2008 aus Paderborn nach Berlin geholt, kann darüber nur lachen.

Und setzt zur ebenfalls nicht ganz ernst gemeinten Retourkutsche an: „In meiner westfälischen Heimat gab es dank der Karolinger im 8./9. Jahrhundert schon eine Hochkultur, als in dieser Region nichts los war ...“ Eins zu null für den Professor, als sich unsere Wege trennen.