Berlin Trend

Flüchtlingsfrage: Stimmung in Berlin hat sich gedreht

Neue Umfrage: Knapp die Hälfte der Berliner sagt, die Hauptstadt könne weitere Flüchtlinge aufnehmen.

Flüchtlinge im Oktober bei der Ankunft in Schönefeld

Flüchtlinge im Oktober bei der Ankunft in Schönefeld

Foto: Patrick Pleul / dpa

Die Stimmungslage der Berliner mit Blick auf die Flüchtlinge hat sich im April wieder gedreht. War Ende Februar nur ein gutes Drittel (35 Prozent) der Bürger der Ansicht, die Stadt könne weitere Flüchtlinge aufnehmen, sind es im aktuellen Berlin Trend der Berliner Morgenpost und der RBB-Abendschau knapp die Hälfte (49 Prozent). 47 Prozent sagten in der Umfrage von Infratest dimap, Berlin könne keine weiteren Asylsuchenden beherbergen. Vor gut sechs Wochen bei der letzten Befragung waren noch 56 Prozent dieser Ansicht.

Der Meinungsumschwung geht offensichtlich auf eine veränderte reale Situation zurück. Die Balkan-Route ist durch den mazedonischen Grenzzaun geschlossen, nur sehr wenige Flüchtlinge kommen bis nach Deutschland durch.

Berlin registriert nur noch 60 Flüchtlinge pro Tag

An den vergangenen Tagen erreichten nur noch je rund 60 Menschen die Berliner Registrierungsstellen. Rund die Hälfte davon bleiben in der Stadt, die anderen werden in andere Bundesländer verteilt. Auch die Schlangen vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) an der Turmstraße sind geschrumpft, sodass der Eindruck einer akuten Überforderung offensichtlich bei vielen Berlinern verflogen ist.

Dabei sind noch immer fast 60 Sporthallen belegt, die Suche nach Standorten für die geplanten Containerdörfer und Modularbauten für Flüchtlinge gestaltete sich schwieriger als gedacht. Die ersten Container sollen Ende Juni bezugsfertig sein. Spätestens dann könnten die ersten Flüchtlinge die Notquartiere in den Sporthallen verlassen. Noch aber beharrt die Sozialverwaltung auf einer Reserve, falls die Flüchtlingszahlen wieder ansteigen sollten, weil etwa regulär eingereiste Schutzsuchende aus der Türkei eintreffen.

Trotz dieser anhaltenden Probleme und Ungewissheiten ist das Bild einer positiveren Stimmung gegenüber Flüchtlingen eindeutig und zieht sich durch fast alle Altersgruppen und politischen Lager. Vor allem unter den jüngeren Berlinern ist zumindest in ihren Aussagen gegenüber den Interviewern die Offenheit für Flüchtlinge zurückgekehrt, die sie vor einigen Monaten gezeigt hatten.

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Unter den 18- bis 34-Jährigen und den 35- bis 49-Jährigen sind wieder mehr als 50 Prozent überzeugt, Berlin könne mehr Flüchtlinge aufnehmen. In allen politischen Lagern hat die Aufnahmebereitschaft zugenommen. Die Anhänger von SPD (58 Prozent), Linke (69 Prozent) und Grünen (85 Prozent) zeigen sich in der Mehrheit offen. Unter CDU-Sympathisanten sind 45 Prozent der Meinung, Berlin könne mehr Asylsuchende verkraften, 50 Prozent sehen das anders.

Auf deutliche Ablehnung stößt der Gedanke an weitere Flüchtlinge in der Stadt unter den Wählern der wieder mit fünf Prozent gemessenen FDP. Zwei Drittel der Anhänger der Liberalen sind gegen weitere Flüchtlinge. Im Lager der rechten AfD sind es sogar 92 Prozent.

Mehr als 60 Prozent halten Terrorgefahr für groß

Nach den Anschlägen von Brüssel befragte Infratest dimap 1000 wahlberechtigte Berliner vom 7. bis 11. April auch nach ihrer Angst vor Terror. 16 Prozent schätzen die Gefahr eines Anschlags in Berlin als sehr groß ein, 46 als groß. 29 Prozent halten das Risiko eher für klein, fünf Prozent für sehr klein.

Dabei ist die Sorge bei den jüngeren Berlinern größer als bei den Berlinern, die über 65 Jahre alt sind. Besonders viel Angst vor Terror haben die AfD-Anhänger, drei Viertel halten die Gefahr für groß oder sehr groß. Auffällig gelassen reagieren die Unterstützer der Linkspartei. 59 Prozent empfinden die Gefahr als klein oder sehr klein. Entsprechend ihrer Gemütslage haben viele Berliner ihr Verhalten geändert.

44 Prozent gaben an, im Alltag verstärkt auf verdächtig aussehende Gegenstände oder Personen zu achten. 36 Prozent bejahten die Frage, ob sie häufiger Menschenansammlungen oder Großereignisse meiden. Und immerhin elf Prozent sagten, sie verzichteten häufiger auf öffentliche Verkehrsmittel. Insgesamt zeigten sich die Frauen unter den Befragten deutlich besorgter als die Männer.

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