Razzia im Großbordell

Prostituierte im Artemis arbeiteten auch für Hells Angels

Nach Angaben der Ermittler gibt es offenbar Verbindungen ins Rocker-Milieu. Hells Angels schickten Frauen zum Arbeiten ins Bordell.

Einsatzkräfte von Polizei, Staatsanwaltschaft, Steuerfahndung und Zoll durchsuchten am Mittwoch das Großbordell

Einsatzkräfte von Polizei, Staatsanwaltschaft, Steuerfahndung und Zoll durchsuchten am Mittwoch das Großbordell

Die Razzia in Berlins größtem Bordellbetrieb Artemis ist für die Ermittlungsbehörden eine Premiere gewesen. Aber nicht deshalb, weil man dort erstmals durchsuchte. „Den Weg, über das Geld, über Steuerbetrug und Hinterziehung von Sozialabgaben an einen Fall ranzugehen, sind wir zuvor noch nicht gegangen“, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Andreas Behm am Donnerstag.

Wohnungen und Steuerbüros in Bayern und Hessen durchsucht

Und der Weg war offenbar erfolgreich. Sechs Haftbefehle wurden am Mittwochabend vollstreckt. Zwei gegen die Betreiber des Artemis, die nach Angaben der Staatsanwaltschaft türkischer Herkunft sein sollen und vier gegen sogenannte Hausdamen in dem 2005 eröffneten Etablissement. Sie sollen als Bindeglied zwischen den Betreibern und den Prostituierten für die Umsetzung der Anweisungen gesorgt haben.

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900 Polizisten, Zollbeamte und Staatsanwälte waren am Mittwochabend und in der Nacht zu Donnerstag im Einsatz. Sie trafen 232 Personen an und vernahmen diese. Darunter 118 Prostituierte. Zudem wurden sechs Wohnungen in Berlin sowie weitere sechs in Bayern, Baden-Württemberg und Hessen durchsucht. Darunter seien auch Steuerbüros gewesen, sagte Polizeisprecher Stefan Redlich. Laut Staatsanwaltschaft geht es um Ermittlungen zu organisierter Kriminalität, um Hinterziehung von Sozialabgaben, Ausbeutung und Gewaltanwendung, sagte Oberstaatsanwalt Behm. Auch wegen Menschenhandels werde ermittelt. Im Mittelpunkt stünden nicht nur Bagatelldelikte, sondern Taten, die das „System des illegalen Umfeldes“ bestätigen würden. Die Frauen seien „in Abhängigkeit gehalten und ausgebeutet“ worden. Ziel sei es gewesen, den größtmöglichen Gewinn zu erzielen.

17,5 Millionen Euro Schaden sei so unter anderem durch die Hinterziehung von Sozialleistungen entstanden, weitere sechs Millionen durch nicht gezahlte Steuern, sagte Michael Kulus, Sprecher des Hauptzollamtes Berlin. Zudem seien Vermögenswerte von rund sechs Millionen Euro sichergestellt worden. Worum es sich dabei konkret handelt, wollten die Ermittler nicht sagen. Welche Dimension der Fall hat, mag auch diese Zahl verdeutlichen. Im gesamten vergangenen Jahr wurden vom Zoll im Bereich Schwarzarbeit und Veruntreuung von Arbeitsentgelt Schäden von 60,5 Millionen Euro aufgedeckt, wie Kulus sagte.

Behm zog einen Vergleich mit dem Mafia-Gangster Al Capone im Chicago der 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts, der wegen Steuerhinterziehung angeklagt wurde, obwohl sich die eigentlichen Verbrechen auf einer viel massiveren Ebene abgespielt hatten. „Die historisch Bewanderten würden als Erstes sagen, wir sind auf den Spuren der Strafverfolgung bei Al Capone gelandet. Aber das ist auch richtig so“, sagte Behm. Die Staatsanwälte sagten, es gebe auch direkte Verbindungen zwischen dem Artemis und der kriminellen Rockerbande Hells Angels. Prostituierte hätten für Mitglieder der Hells Angels im Artemis gearbeitet.

Weil eine der Frauen im vergangenen Sommer „ausgepackt“ habe, sei das umfangreiche Verfahren in Gang gekommen. Die Frau sei von ihrem Freund, einem Hells-Angels-Mitglied, zur Arbeit ins Bordell geschickt und „so malträtiert worden, dass sie keinen Ausweg mehr gesehen habe, als sich an die Polizei zu wenden“, sagte Oberstaatsanwalt Sjors Kamstra. Im Sommer 2015 seien daraufhin dann die Ermittlungen aufgenommen worden. Die wichtige Zeugin steht nun unter besonderem Schutz. In den Vernehmungen hätten die Prostituierten bestätigt, dass sie unter strenger Reglementierung standen und nicht selbstständig gearbeitet hätten. Zu den Vorschriften gehörten unter anderen: Schichtdienstregelung, die Pflicht an vier Tagen in der Woche zu arbeiten, einen Schlafplatz zu mieten und sich von einem für Artemis tätigen Arzt untersuchen zu lassen.

Stadtrat will den Betrieb für immer schließen

Wie es nun mit dem Bordellbetrieb weitergeht, war am Donnerstag nicht ganz klar. Das Haus, das sich auf seiner Internetseite FKK-Sauna-Club und Wellnessbordell nennt, war am Morgen nach der Razzia geöffnet. Ein Freier vor Ort sagte, es seien Mädchen im Gebäude, aber nur wenige im Vergleich zu sonst. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft muss das zuständige Gewerbeamt über den Weiterbetrieb entscheiden. Marc Schulte (SPD), Stadtrat für Ordnungsangelegenheiten, sagte der Berliner Morgenpost: „Wir werden ein Verfahren zum Widerruf der Gaststättenerlaubnis und zum Entzug der Zulassung als Beherbergungsbetrieb sofort einleiten.“ Ziel sei die Schließung des Betriebes, sagte Stadtrat Schulte.