Berlin

Nur jede zweite Straße fürs Rad geeignet

Der Radwege-Check der Morgenpost zeigt, wie weit Berlins Weg zur Fahrrad-Stadt ist

Seit dem Wochenende ist auch der ADFC Berlin dabei: Auf seiner Mitgliederversammlung beschloss der Fahrradclub, die Initiative „Volksentscheid Fahrrad“ zu unterstützen. Diese möchte eine Verbesserung des Radverkehrs per Gesetz durchsetzen. Dafür will sie ab Mai Unterschriften sammeln. Eine der Forderungen: zwei Meter breite Radwege auf allen Hauptverkehrsstraßen.

Wie weit Berlin aktuell davon entfernt ist, zeigen Berechnungen des Radwege-Checks der Berliner Morgenpost. Demnach sind mit 55 Prozent nur etwas mehr als die Hälfte der Strecken des Berliner Hauptstraßennetzes mit Radverkehrsanlagen ausgestattet: 1377 Kilometer Radwege, davon 945 Kilometer bauliche, die von der Fahrbahn getrennt und oft in Gehwege integriert sind. Dazu 167 Kilometer Schutzstreifen und 91 Kilometer Radfahrstreifen, die auf der Fahrbahn verlaufen.

Doch selbst dort, wo es Radwege gibt, sind sie oft in einem schlechten Zustand. Dass Handlungsbedarf besteht, daran zweifelt auch der Senat nicht. „Verkehrsplanung per Gesetz ist aber der falsche Weg“, sagt Martin Pallgen, Sprecher der Verkehrsverwaltung. Er muss jedoch einräumen, dass noch „Luft nach oben“ bestehe. Die Hauptstadt gibt zurzeit etwa fünf Euro pro Einwohner und Jahr für den Radverkehr aus. Das liegt deutlich unter den Mindestempfehlungen des „Nationalen Radverkehrsplans 2020“ von acht Euro.

Im Radwege-Check der Morgenpost wird deutlich, welche Gegenden besonders fahrradunfreundlich sind.

Einmal quer mit dem Rad durch Kreuzberg zu fahren, ist eine Tortur. Die zweispurige Straße entlang der U1-Hochbahn ist stark befahren, Radfahrer werden von vorbeifahrenden und parkenden Autos in die Zange genommen. Von der Schöneberger Straße bis zum Schlesischen Tor gibt es so gut wie keine Radwege, weder am Halleschen Ufer noch auf der Gitschiner Straße. Eine Initiative hat deshalb einen neuen Vorschlag gemacht: Ihr Plan sieht einen Radweg unter dem Hochbahn-Viadukt der U1 vor. Aktuell lässt der Senat die „Radbahn Berlin“ auf ihre Realisierbarkeit prüfen.

Offiziell gelten die Berliner Shoppingmeilen Kurfürstendamm und Tauentzienstraße als geeignet für Fahrradfahrer. Jedoch nur, weil es dort Busspuren gibt. Diese dürfen auch von Radfahrern genutzt werden. Doch wenn ein Bus überholt, wird es eng. Als in den 70er-Jahren die ersten Busspuren angelegt wurden, wurde eine Doppelnutzung von Bussen und Radfahrern nicht berücksichtigt. „Die Spuren sind oft zu schmal“, sagt Petra Reetz, Sprecherin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Die Breite von rund 3,50 Meter reiche nicht aus, damit die Busse den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand einhalten könnten. Dafür müssten es schon 4,75 Meter sein, so Reetz.

Im touristischen Zentrum Berlins sind Fahrradfahrer nicht willkommen. Auf den Straßen rund um die Friedrichstraße ist der Anteil der Radwege extrem gering: Friedrichstraße (zwei Prozent), Leipziger Straße (17 Prozent), Französische Straße (zwei Prozent), Unter den Linden (vier Prozent). Erschwerend kommt die hohe Zahl an Baustellen in dieser Gegend hinzu.

Von Wilmersdorf rüber nach Schöneberg und umgekehrt? Besser nicht mit dem Fahrrad. Denn die Ost-West-Verbindung verfügt nur über wenige Radwege. Auf der Berliner Straße liegt der Anteil bei lediglich 27 Prozent, auf der Grunewaldstraße sind es null und auf der Monumentenstraße nur zwei Prozent. Auf der 1,5 Kilometer langen Grunewaldstraße werden Fahrradfahrer zudem häufig durch in zweiter Reihe parkende Lieferwagen ausgebremst – sie zu umfahren ist nicht ungefährlich.

100 Prozent: So groß ist der Anteil von Radwegen auf der Schönhauser Allee. Dennoch schnitt die Straße in einer Online-Umfrage des Senats schlecht ab. Der Vorwurf: Der bisherige Radweg sei zu schmal, die Benutzungspflicht müsse hier aufgehoben werden, Radstreifen müssten auf der Fahrbahn entstehen. „Wichtig ist nicht die bloße Kilometerzahl, sondern auch die Qualität und Sicherheit der Wege“, sagt ADFC-Sprecher Nikolas Linck.

Wie fahrradtauglich ist Ihre Gegend? Die interaktive Karte des Radwege-Checks finden Sie online unter interaktiv.morgenpost.de/radwege-in-berlin